Gentechnik: Nicht alles Gold, was glänzt.

Von Franz Wegener

   

1980 hat Harvard-Professor Walter Gilbert den Nobelpreis für die Entdeckung seiner DNA-Entschlüsselungsmethode erhalten. Seitdem macht er sich für das sogenannte Genomprojekt stark: Die systematische Analyse und Kartierung unseres gesamten Erbgutes. Im Zuge der Entschlüsselung dieses Heiligen Grals der Biologie" (Gilbert) werden wahrscheinlich noch Unmengen von Krankheiten und Anlagen in ihrer genetischen Disposition oder Determination erkannt werden.

  • Ende der 80er Jahre häuften sich bereits Meldungen, daß Forscher nun endlich die Ursachen diverser Geisteskrankheiten, allen voran Depression und Schizophrenie entdeckt hätten. Als Ursachen wurden spezielle Gendefekte genannt, die sich bei betroffenen Familienmitgliedern oder eineiigen Zwillingen häuften. Kontrolluntersuchungen ergaben jeweils, daß die Beweisführung jeweils zu wünschen übrig ließ. Heute ist man so weit zu sagen, daß ein und dasselbe Krankheitsbild durch unterschiedliche Defekte bewirkt werden kann. Zudem kommen häufig mehrere Defekte auf unterschiedlichen Genen zusammen, um ein Symptom zu bilden. Weiter ist zu unterscheiden zwischen Gendefekten, die klar ein Symptom bilden und als klare Erbkrankheit zu erkennen sind und genetischen Prädispostionen, die jeweils nur dann zum Ausbruch der Krankheit führen können, wenn weitere Faktoren hinzukommen. Genetisch fehlerfrei" ist übrigens kein Mensch.

    Bis zur Jahrtausendwende werden aller Voraussicht nach alle Gene, die für Erbkrankheiten, die durch nur ein einziges Gen verursacht werden, lokalisiert sein. Die Probleme ergeben sich aus dem möglichen Umgang mit dem Wissen um genetisch-determinierte Krankheiten: Sollte etwa der letztendliche Nachweis einer genetischen Ursache für Schizophrenie Therapien überflüssig erscheinen lassen? Sollte der Nachweis von Genen für Aggression bestehende Programme für die Rehabilitation in Gefängnissen ad absurdum führen? Über die Entnahme von Embryonalhüllenzellen ist es heute möglich während der Schwangerschaft mit hoher Trefferquote Krankheiten wie Trisomie 21 oder die Mukoviszidose vorherzusagen. Daß sich die Eltern in dieser Situation für eine Abtreibung entscheiden, wird von vielen als moralisch korrekt angesehen. Aber was, wenn etwa eine Mutter in eine der etwa 30 humangenetischen Beratungsstellen in Deutschland kommt und den Arzt auffordert, er solle feststellen, ob ihr zukünftiges Kind auch blaue Augen haben werde. Es gibt einen Haufen Eltern, die - wenn sie es haben könnten - am liebsten nur einen kleinen Boris oder eine kleine Steffi ihr eigen nennen wollen: blond, blauäugig, großgewachsen. Wie ihrem Perfektionswahn entkommen? Ein christlicher Mediziner könnte etwa mit der Drohung einer Abtreibung bei verweigerter Untersuchung zu eben dieser erpreßt werden, denn weigert er sich, wird das Kind auf jeden Fall sterben. Macht er den Test, besteht zumindest noch die Chance auf Fortführung der Schwangerschaft. Die vorgeburtliche Feststellung des Geschlechts des Kindes führt schon heute in vielen asiatischen Ländern zu vermehrten Abtreibungen von Mädchen. In Südkorea etwa kommen bereits auf 100 Mädchen 117 Knaben-Geburten. Es gibt Erbkrankheiten, die erst sehr spät - zum Beispiel ab dem 20. Lebensjahr ausbrechen. Sollen dem Kind diese 20 sicherlich sorglosen Jahre nicht vergönnt sein? Wie wird sich die Gesellschaft zukünftig gegenüber Eltern verhalten, die trotz möglicher Frühdiagnose ein behindertes Kind zur Welt gebracht haben? Über Gen-Tests können schon heute Dispositionen für bestimmte Krankheiten nachgewiesen werden, die zu einem Ausschluß von bestimmten Berufsbildern führen können. Sicherlich wird es zukünftig kein Gesetz geben, daß Arbeitnehmer zwingt neben ihren Schulzeugnissen auch ein Gen-Gesundheitsgutachten beizufügen. Aber wer kann es einem Chemie-Personalleiter verbieten, daß er den Arbeiter bevorzugt einstellt, der freiwillig ein Gesundheitszeugnis beibringt, aus dem hervorgeht, daß er besonders resistent" gebaut ist? Was, wenn ein genetisch verändertes Lebewesen in die freie Natur gelangt? Eine Pflanze, der man sowohl die Funktion zur Produktion ihres eigenen Düngers als auch eine erhöhte Schädlingsresistenz einprogrammiert hat, könnte sich etwa wie Unkraut verbreiten, andere Pflanzen hierdurch verdrängen und infolgedessen ganze Nahrungsmittelketten auseinanderreißen und somit zum Aussterben ganzer Tierarten beitragen. Ökosysteme sind viel zu komplex, als daß man unbeabsichtigte Wirkungen hochrechnen und so womöglich vermeiden könnte. Freilandversuche - das hat auch Spielbergs Jurassic Park" wunderbar vor Augen geführt - sind folglich immer gleichzeitig russisches Roulett". Und das gilt nicht nur für Fleischo-Saurier".

    Einige Kritiker werfen dem neo-darwinistischen Ansatz Reduktionismus vor: Er beschränke sich zu sehr auf die Untersuchung von Details, erfasse nicht die Ganzheitlichkeit des Lebens. Darüber hinaus konstruiere etwa Dawkins in seinem Schlußwort die Existenz eines eigenen Willens, der seinen vorhergehenden Aussagen komplett widerspräche. Der Grund liege darin, daß er sonst alle moralische Verantwortung ad absurdum führe: Wer genetisch gesteuert wird, kann kaum Schuld auf seine Schultern laden. Dawkins verweist in Erwiderung darauf, daß es sich in der Regel nur um einen statistisch-tendenziellen Einfluß handele, der sehr wohl vom Menschen unterlaufen werden könne: Praktizierte Empfängnisverhütung etwa sei für die Rebellion gegen das Diktat der Gene ein passendes Beispiel.

    Der Bezug biologischer Forschungsergebnisse auf die menschliche Gesellschaft ist besonders problematisch: Als Anfang des Jahrhunderts in den USA die ersten primitiven genetischen Theorien entwickelt wurden, fanden diese Thesen breiten Widerhall in den Massenmedien. [Wie primitiv und lächerlich mag der heutige Stand in 10 Jahren erscheinen?] In Folge dessen wurde daraufhin etwa das Einwanderungsgesetz dramatisch verschärft. Ost- und Südeuropäern wurde fast vollständig die Einreise in die USA verwehrt. Auch in Deutschland fand die neue Disziplin schnell Anhänger. Die Umsetzung eugenischer Thesen im Dritten Reich über Zwangssterilisationen bis hin zum Massenmord etwa an Behinderten ist bekannt. Als 1939 Teile der amerikanischen Genetiker-Elite gegen den Gebrauch ihrer Theorien in der Politik zu opponieren begannen, war es bereits zu spät. Der Appell verhallte weitgehend ungehört. Dieser historische Bezug zeigt - wie auch die Problematik um die Atomtechnik -, daß wissenschaftliche Forschung nie wertfrei sein kann. Sie bedarf daher ständig ethischer Kontrolle und Begleitung. Unsere Welt ist komplex und - wenn überhaupt - nur ansatzweise und multikausal zu erfassen. Die Genetik bietet einen Zugriff auf das Verständnis unserer Umwelt. Aber es ist nicht der einzig mögliche und sinnvolle.

    Franz Wegener


    Literatur


    Beckwith, Jon A historical view of social responsibility
    in genetics, Artikel
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    Carpenter, Betsy, Artikel Living with Nature: E. O. Wilson argues that
    species extinction threatens the human spirit
    in: U.S. News & World Report, 30.11.92,
    Volume 113, Issue 21, Seite 60ff.

    Dawkins, Richard Das egoistische Gen
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    Devore, Irven Irven Devore, Interview
    in: Omni, Juni 1993, Volume 15, Issue 8

    Hemminger, Hansjörg Der Mensch - eine Marionette der Evolution?
    - Eine Kritik an der Soziobiologie -
    Frankfurt/M. 1983

    Restak, Richard M., Artikel The Brain as a Supercomputer
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    Robinson, Michael H. (Ed.) Man & Beast revisited
    Washington 1991

    Trivers, Robert, Artikel: Deceit and Self-Deception
    - The Relationship between Communication
    and Consciousness -
    in: Robinson, 175ff.

    Wellborn, Stanley N., Art. How Genes Shape Personality
    in: U.S. News & World Report
    4.1987, Volume 102

    Wickler, Wolfgang Das Prinzip Eigennutz
    Seibt, Uta - Zur Evolution sozialen Verhaltens -
    Überarbeitete Neuausgabe, München 1991

    Zell, Rolf Andreas Das Gen-Zeitalter
    Stuttgart 1990

   
   
   
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