Die Pflanze Weihnachtstern in Marokko
 

Jesus ein Alien?
Was Akte X, Ufos und E.T. miteinander verbindet.


Ein Essay zur aktuellen UFO-Diskussion von Franz Wegener

   

Mal sind sie groß und hager mit pupillenlosen, schwarzen Sehschlitzen und mal sind sie klein mit überdimensionalem Kopf und großen Kulleraugen. Aber ganz gleich wie sie sie auch aussehen: Sie sind entweder abgrundtief böse oder aber unglaublich gut und gütig. Sie kommen, um uns mit Hilfe ihrer überlegenden Technik zu helfen und neue Perspektiven aufzuzeigen, oder aber, um uns zu versklaven und die Resourcen unseres Planeten auszubeuten . Die Rede ist von Aliens, von Außerirdischen.


  • Die Zweiteilung der Welt in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse findet sich vornehmlich in unserem religiösen Vorstellungswelten und genau hierhin gehören auch all die modernen Mythen von Ufos und Außerirdischen. Wer behauptet, die westliche Gesellschaft im Ausgang des 20. Jahrhunderts wäre säkularisiert, also verweltlicht und frei von Religion - der hat sich geschnitten. Die durch die Fortschritte in Naturwissenschaften und kritischer Theologie bedingten Verfallserscheinungen der Weltreligionen haben ein Potential an vagabundierender Religiösität freigesetzt, das sich derweil eine neue, pluralistische Heimat gesucht hat: Die New-Age-Bewegung. Neben klassischer Esoterik ist hier die Auseinandersetzung mit Außerirdischen ein zentrales Thema. Auch in den Massenmedien gewinnen UFO-Sichtungen langsam an Boden: Die Fernsehserie Akte X", die sich mit paranormalen Phänomenen und Außerirdischen auseinandersetzt, feiert Einschaltrekorde und auf dem internationalen Datenhighway CompuServe gibt es bereits zwei Foren, die sich mit Ufos beschäftigen.

    Steven Spielberg, Großmagier des Films, hat die Identität von Außerirdischen und Göttern Hollywood als erster erschlossen: E.T., einer der erfolgreichsten Filme überhaupt, ist nicht anderes als die moderne Neuverfilmung der Passionsgeschichte Jesu Christi. E.T. vollbringt wie Jesus Wunder: Er bricht wie Jesus die Naturgesetze - nicht indem er über das Wasser geht oder Wasser in Wein verwandelt, aber indem er Äpfel und Orangen als Planeten um eine Zitrone kreisen läßt. Er läßt zwar keine Lahmen gehen, aber er heilt mit seinem Leuchtfinger die Schnittwunden eines Schülers und obwohl er zwar keinen Lazurus von den Toten auferstehen läßt, so doch immerhin eine Topfpflanze. Er bringt Frieden und Glück denen, die ihm nahestehen und wird verfolgt: Nicht von Pontius Pilatus und seinen Soldaten, aber vom F.B.I. und seinen sonnenbebrillten Agenten. Er wird - auf dem Seziertisch - gekreuzigt und steht am Dritten Tage wieder von den Toten auf. Unvergeßlich hier die Stelle, als sich E.T. in seinem weißen Leichenhemd mit ausgebreiteten Armen erhebt und sein tiefrotes Herz in seiner Brust zu schimmern beginnt; blutig-leuchtend wie auf den kitschigsten Votivbildchen. Dann fährt er auf in den Himmel, nicht ohne uns seiner ewigen Gegenwart zu vergewissern: Ich bin... immer... bei Dir!", lautet sein Versprechen an die Menschheit.

    In Spielbergs unheimlicher Begegnung der dritten Art, fährt gleich das Neue Jerusalem in Form eines gigantischen Mutterschiffes auf die Erde nieder. Wie bei E.T. steht auch hier der Kontakt, die Verbindung mit dem Außergewöhnlichem im Vordergrund. Verbinden, das heißt auf Latein religere" und bildet den Wortstamm für unser deutsches Wort Religion. Das sakrale Element dieser Kontaktaufnahme, die wieder eint, was einst zusammengehörte, wird bei E.T. über die Ikonographie des Filmplakates vermittelt: Zu sehen sind E.T.s knöchriger, ausgestreckter Zeigefinger und ein hierauf zukommender menschlicher Zeigefinger - frei nach Michelangelos Symbolisierung des Bundes Gottes mit dem Menschen. Wie im Neuen Testament stehen auch bei Spielbergs Zukunftsvisionen Begriffe wie Liebe, Fortschritt und Hoffnung im Mittelpunkt der Erzählungen. Aber es geht auch anders:

    1898 erscheint der Roman "Krieg der Welten" von H.G. Wells, der eine Invasion von Außerirdischen auf unseren Planeten schildert. Ende der 30er Jahre werden die Bedrohungsszenarien dann subtiler: John Campbell schreibt Who Goes There?" und schildert in seinem Roman den Absturz eines Ufos vor langer Zeit in der Antarktis. Moderne Forscher graben den Alien-Ötzi aus dem Ewigen Eis und bemerken zu spät, daß es noch lebt und in der Lage ist, jede beliebige Gestalt zu imitieren. Die Frage auf der isolierten Forschungsstation lautet daher ab sofort: Ist mein Freund mein Freund oder ein Alien? Die Story wurde seither zigmal verfilmt: The Thing" (1956), Invasion of the Body Snatchers" (1956, 1978, 1992), Alien (1979...) und The Thing" (1982, John Carpenter Sie leben."). Die fünfziger Jahre Verfilmungen wurden dabei häufig als Parabel auf die parnoiden Kommunistenjagden der McCarthy-Ära gedeutet: Ist mein Freund mein Freund oder ein Kommunist?", lautete damals - auch in Hollywood - eine häufig gestellte Frage. Aber das Thema tauchte viel eher in der Science Fiction auf und hat sich deutlich länger gehalten als es Kommunistenankläger McCarthy tat. Diese Erklärung alleine befriedigt folglich nicht. Aber die Ikonographie gerade der neuen Entführungsszenarien, in denen Menschen auf ein Alienschiff gebracht und dort medizinischen Experimenten unterzogen werden, ist nicht neu begegnet uns schon im Mittelalter: Ist mein Freund mein Freund oder schon vom Teufel besessen?" Das Satanisch-Böse hält wieder Einzug in unsere Stuben - diesmal über UFO-Stories. Und wie Gevatter Hinkefuß belieben auch die Aliens gerne zu entführen und wild zu penetrieren. Wenn auch nicht mit dem Schwanz, so doch mit blitzblanken Schneidwerkzeugen und Sonden. Die dabei hinterlassenen Narben finden sich schon in mittelalterlichen Berichten als sogenannte Teufelsmale.

    Tja, so verbraucht ist die Story und eigentlich könnte man es dabei belassen, wenn da nicht so ein ungutes Gefühl wäre. Ein Gefühl von Veränderung, von Wendung zum Schlechteren: Positive Aliendarstellungen wie etwa bei Spielberg oder in Cocoon" sind heute die Ausnahme. Es überwiegen angstmachende Mißbrauchs- Invasions- und Verschwörungsszenarien. Wenn nun die Annahme einer religiösen Ladung der UFO-Mythen zutrifft, so haben wir es im Moment mit einem - wohl bisher unbemerkten - religiösen Paradigmenwechsel zu tun. Der nächstenliebende, gütige und erlösende Gott des Christentums wird zunehmend verdrängt von verdeckt agierenden, strafenden und Menschenopfer fordernden Göttern. Die sich auf Schleichwegen vollziehende Wiederkunft des Merlinus Redemptoris, der unbarmherzigen Götter der Vorantike, steht unmittelbar bevor. Wer über Jahrtausende erprobte und erfolgreiche Glaubenssysteme innerhalb von Jahrzehnten zugunsten einer (Pseudo-)Säkularisierung über Bord wirft und meint, er hätte sich damit eines Problems entledigt, der darf sich nicht wundern. Nicht wundern, wenn er eines Tages feststellen muß, daß das vermeintliche Problem tatsächlich die Lösung eines längst vergessenen, viel größeren Problems war. Ein Zurück wird es dann nicht mehr geben und die Brocken, die uns dann um die Ohren fliegen, werden sicherlich keine Ufos sein...

    Lesen Sie hierzu auch die Rezension des Buches Hystorien!

    Franz Wegener

   
   
   
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