Die Pflanze Weihnachtstern in Marokko
 

Wen du nicht verlässest, Genius...

   

Ein Essay über den nicht enden wollenden Trip der Amerikaner gen "Westen"...

  • Der Weltraum. Unendliche Weiten. Wir befinden uns in der Gegenwart. Mehr denn je schwelt die Wunde der ersten neuzeitlichen Demütigung, die kopernikanische Wende:

    Verlust von Macht, Verlust eines privilegierten Zugangs zum Schöpfer des Universums, zum großen Demiurgen. Im Ausläufer der Milchstraße gelegen stellen wir uns die ängstliche Frage nach unbekannten Lebensformen und neuen Zivilisationen. Sind wir im Zustand des unentdeckten Paradieses? Ist die Zeit reif, von Außerirdischen entdeckt zu werden?

    Das Faszinierende an Raumschiff Enterprise ist die mit Warpspeed vollzogene Penetration des Weltraums. Der französische Psychoanalytiker Lacan würde sagen, wer den Phallus bzw. den Delithiumkern besitzt, der besitzt die Macht über das Begehren, das Begehren nach fremden Welten - und die Geschwindigkeit, ihm nachzugeben. Der Star Trek durch das unentdeckte All weckt romantische Gefühle und abendländischen Pioniergeist. Der Trek in das gelobte Land, der Kreuztrek Richtung Jerusalem, der Kolumbustrek nach Übersee, der Predigertrek zu den Wilden, der Trek der Heimatlosen in den amerikanischen Westen. Mit jedem entdeckten Stück Land wächst die Lust im zyklischen Wechsel mit der Depression, weil die kartographische Projektionsfläche beständigem Schwund unterliegt. Die Kühnheit derjenigen, die gehen, wohin kein Mensch zuvor gegangen, sackt bleischwer auf den Grund der Meere, da sie an kein Land mehr stößt, das nicht berührt ist. Ich bin mir sicher, daß die kosmische Unruhe sich in dem Moment überwarf, als Lineal und Bleistift längs- und breitgradig die Echos ihrer eigenen Zeichnung empfingen.

    Die Entdeckungen der Ersten Welt vergangener Zeiten standen nicht gerade unter der Stern der Hauptdirektive. Kann die Enterprise als utopisches Schiff ihren Anspruch auf Nichteinmischung glaubhaft verteidigen? Wäre es für die Christenmenschheit nicht besser, wie der "schöne Wilde" strukturell im eigenen Sein zu verharren, um nur einmal in der Geschichte Opfer der Entdeckung durch "Aliens", durch andere zu sein? Wir befinden uns im 24. Jahrhundert. Die Menschheit hat mit Schiffen der Galaxy-Klasse die Impotenz der Raumfahrttechnik weit hinter sich gelassen. Abgeschnitten von der heimatlichen Erde dringen die Navigatoren der Föderation in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor berührt hat. Die spacigen Demiurgen von der Enterprise bevölkern dabei den Weltraum mit einer unerschöpflichen Anzahl außerirdischer Rassen - so unbegrenzt wie der Vorrat an humanoider Mythologie, Psychologie und Geschichte.

    Im Weltraum ist kein Ort. Nirgends, wo die Sektoren, endlich, aneinanderstoßen. Das Flaggschiff der Föderation gleitet als utopische Stadt durch die universale Leere. Über 1000 Menschen in strenger militärischer Hierarchie sind ausgezogen, den Hauptcomputer mit fremden, unbekannten Daten zu füttern, neuen Sonnen, dem Licht der Erkenntnis entgegen. Fähnrich, rühr'n. Die Waben der Untertassensektion schlie-ßen sich wie Ringe unterhalb der Brücke zusammen. "Sie ist in sieben riesige Kreise oder Ringe eingeteilt, die nach den sieben Planeten benannt sind", schreibt der calabrische Dominikanermönch Tommaso Campanella 1602 über seine kosmologisch-astrologische Zukunftsstadt, ein von der Inquisition inkriminiertes Machwerk der Ketzerei.

    Auf dem Hauptschirm der Brücke sieht man "nichts als eine große Kugel, auf der das Firmament abgebildet ist, und eine weitere Kugel, auf die die Erde gemalt ist. Ferner erblickt man in der Wölbung der großen Kuppel alle Sterne des Himmels von der ersten bis zur siebten Größe dargestellt, bezeichnet mit ihrem Namen und mit den Kräften, durch die sie auf die irdischen Dinge einwirken, in jeweils drei Versen." Der gewählte Herrscher, der Sol, Captain Picard, der triebbeherrschte Descartes der Zukunft, hält das weise Zepter über die Stadt der Vernunft, die der Sternenflottenwerkstätte namens "Utopia Planitia" entsprang. Wenn übermächtige Lebensformen wie der launische Himmelsbewohner Q oder unbeherrschte Energie jenseits physikalischer Gesetze die Enterprise in das maß- und namenlose Nichts schleudern, dankt die Stadt ihr Überleben dem kundigen Steuerkurs ihres berufenen Führers - und transformiert das Chaos zum Geniestreich.

    Warum die Götter die sich selbst Ermächtigenden gewähren lassen, anstatt sie titanengleich in das schwarze Loch zu stürzen, ist fürwahr uns fremd. Vielleicht weil sie die Ordnung und das Licht genauso lieben wie die Menschen, wie Apollo, der höchste der griechischen Götter, der Bezwinger von Mond und Mythos. Der Höhenflug weg vom Irdischen, Gewöhnlichen, die Überwindung der Schwerkraft aller Tage, der Sieg über den Erddrachen - göttlicher Atem, Spiritus sanctus. Zur Sonne, zum Äther, zur Freiheit. When going out into the universe, remember die drei Verse aus Goethes "Wandrers Sturmlied": "Den du nicht verlässest, Genius/Wirst ihn heben übern Schlammpfad/Mit den Feuerflügeln".

    Eva-Maria Stuckel


   
   
   
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