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Die Geschichte der Typographie (Typografie) in der Neuzeit


von Eva-Maria Stuckel
   

Die Geschichte der Typographie (Typografie) in der Neuzeit

Die ersten Schriftzeichen des Abendlandes richten sich nach der Beschaffenheit von Schreibwerkzeug und Schreibfläche. Griechen und Römer benutzen Meißel, Rohrfeder und Pinsel, um auf Steinwänden oder Papyrusrollen zu schreiben. Gibt es anfangs mit der Capitalis und der Unziale nur Schriften, die aus Großbuchstaben bestehen, ändert sich das mit dem Aufkommen der Kursiven als Brief- und Kanzleischriften: Die Verwendung von Kleinbuchstaben erleichtert den Schreibfluss und führt zur Entwicklung neuer Typen wie der Minuskel und der Halbunzialen. Die Handschriften des Mittelalters werden in Schreibstuben und Klöstern mit der karolingischen oder gotischen Minuskel, später der Textur - Vorläuferin der ersten Druckschriften - gestaltet. In der Frühzeit des Buchdrucks bleiben die Handschriften Vorbild für die Typographie - so für die Schwabacher, die als erste reine Druckschrift während der Reformation geschnitten wird. Antiqua und Fraktur werden nun zu den gebräuchlichsten Buchschriften, wobei die Antiqua vorrangig in den romanischen Ländern, die Fraktur dagegen im deutschen Sprachraum verwandt wird. Mit Beginn des Kupferstichs im 18. Jahrhundert richtet sich die Typographie immer mehr nach den technischen Erfordernissen des Drucks. Schriftdesigner wie Bodoni, Garamond oder Walbaum schneiden mit Hilfe von Zirkel und Lineal stilisierte Alphabete in Fraktur und Antiqua. Diese Entwicklung mündet in die Erfindung der Groteske, einer Schrift ganz ohne Endstriche. Mit Ausnahme des Jugendstils und seinen dekorativen Formen hält diese Tendenz bis heute an: Von der bewusst geometrischen Bauhaus-Schrift über die Helvetica und Futura bis zu den Layoutschriften in Computerprogrammen reicht das Spektrum der Typographie der Gegenwart.

Die Grundformen der Antiqua sind im 15. Jahrhundert fertig ausgebildet. Auf dieser Grundlage entwickeln in der Neuzeit Schriftdesigner Variationen der Antiqua, die im Unterschied zur mittelalterlichen Antiqua, die auch Mediäval genannt wird, sich häufig an den technischen Bedingungen des Buchdrucks orientieren, nicht jedoch an den Erfordernissen federgerechten Schreibens. Die in Frankreich und Italien entworfene klassizistische Antiqua des ausgehenden 18. Jahrhunderts zum Beispiel zeigt den deutlichen Einfluss des zeitgenössischen Kupferstichs. Schriftschneider wie Giambattista Bodoni betonen geometrische Formen und mathematische Proportionen und stehen damit in Gegensatz zu der den Handschriften verpflichteten Typographie des frühen Buchdrucks. Im 19. Jahrhundert bilden sich in England zwei bis heute gängige Formen der Antiqua heraus: die Egyptienne und die Grotesk. Beiden ist die Aufhebung der Unterscheidung von Groß- und Kleinbuchstaben in der Strichstärke gemein, und während die Egyptienne noch gleich starke, rechtwinklige Schraffuren an den Buchstabenschäften zeigt, verzichtet die besonders in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts als sachlich und modern gepriesene Grotesk gänzlich auf Serifen und Abstufungen in der Strichstärke. Die schrägliegenden Antiquaschriften werden als Kursive bezeichnet und verdanken ihren Ursprung sämtlich der humanistischen Kanzleischrift Italiens des 15. Jahrhunderts - Ausgangspunkt aller lateinisch-europäischen Schreibschriften. Sind die Formen in den frühen Reproduktionen noch stark an die bequeme Breitfeder angelehnt, führt der Kupferstich zum Siegeszug der Spitz- oder Kielfeder und damit zum Anspruch, wie "gestochen", d. h. streng symmetrisch zu schreiben. Letzterer wird durch den Gebrauch der Stahlfeder in der englischen Schreibschrift des 19. Jahrhunderts - der englischen Kurrent - noch einmal überhöht.

Als eine der ersten reinen Druckschriften wird die Schwabacher entwickelt, die durch den Einfluss gotischer Elemente und der mittelalterlichen Textur noch klaren handschriftlichen Charakter aufweist. Typisch für die Schwabacher sind die breite Schriftzeile und die runden, gut lesbaren Formen, die sie für die an eine breite Öffentlichkeit gewandten Flugschriften der Reformation ideal erscheinen lassen. Abgelöst wird sie durch weniger bürgerlicher Zweckmäßigkeit denn höfischer Ästhetik verpflichteten Fraktur, deren Elemente wesentlich durch den kaiserlichen Geheimsekretär Vinzenz Rockner für den Druck des Theuerdank entworfen wurden.

Am Ende des 16. Jahrhundert hat die von den Nürnberger Schreibmeistern Johann Neudörffer d. Ä. und Hieronymus Andreä weiterentwickelte Fraktur alle anderen Schriften im deutschen Sprachraum verdrängt. Typisch für die Fraktur sind ihre Gebrochenheit und die mit Schnörkeln versehenen Großbuchstaben. Die humanistische Großschreibung der Substantive seit dem 16. Jahrhundert korreliert mit der wechselseitigen Anpassung der Groß- und Kleinbuchstaben der Fraktur, die weniger isoliert sind als in der Antiqua.

In der Folgezeit wechselt die Bevorzugung von Fraktur und Antiqua mit dem jeweiligen, ästhetischen Paradigma. Barock und Rokoko mit ihren verspielten, stark differenzierenden Formen bevorzugen die Fraktur, der Klassizismus mit antikem Vorbild die latinisierende Antiqua. Schriftschneider wie Justus Erich Walbaum vereinfachen die Fraktur und verhelfen ihr damit zu neuem Leben, entwerfen aber gleichzeitig vorbildliche Spielarten der Antiqua, so dass lange Zeit beide Typen nebeneinander existieren. Exemplarisch ist hier der Streit der Leipziger Verleger und Drucker Göschen und Cotta. Ab 1794 brachte Göschen die der französischen Edition de luxe erstmals gleichwertige Prachtausgabe der "Sämmtlichen Werke" Christoph Martin Wielands in klassizistischer Antiqua heraus. Bis dato wurden deutschsprachige Werke nur in der als volkstümlich geltenden Fraktur gedruckt - die Antiqua blieb lateinischen und anderen fremdsprachigen Texten vorbehalten. Trotz intensiver Bemühungen gelang es Cotta nicht, ein von Friedrich Schiller gewünschtes, ebenbürtiges Gegenstück seiner Werke in Fraktur herauszugeben.

Zum Politikum wird der Gebrauch von Antiqua und Fraktur im Dritten Reich. Entsprechend der unhistorischen Bezeichnung der Fraktur als "deutsch", die bereits im 16. Jahrhundert einsetzt, wird die Antiqua als "nichtarisch" abgelehnt. Auf Grundlage der gotischen und Frakturschriften werden neue, monumentale Schrifttypen wie die Tannenberg entworfen, die dem plakativem Charakter nationalsozialistischer Propaganda entgegenkommen. Nach der Besetzung halb Europas durch die deutsche Wehrmacht jedoch besinnt sich Hitler eines anderen - offenbar, um der Bürokratie die Verwaltung des nun polyglotten Reichsgebietes zu erleichtern. Am 03.01.1941 geht ein Rundschreiben, gezeichnet von Martin Bormann, an alle Behörden, in dem jeder weitere Gebrauch der Fraktur als "Schwabacher Judenlettern" in Urkunden und Druckerzeugnissen zugunsten der Antiqua als künftiger deutscher Normalschrift untersagt wird. Es entbehrt nicht der Ironie, dass ausgerechnet die Schwabacher die erste, genuin deutsche Entwicklung in der Geschichte des Buchdruckes ist.

Um die Jahrhundertwende gibt es mehrere interessante Versuche, Typographie als eigenständigen Buchschmuck zu reformieren. Einer der Bekanntesten ist die der Spätgotik nachempfundene Troy-Type von William Morris, dessen aufwendig gestaltete Bücher in der Kelmscott Press erscheinen. Ähnlich ornamentalen und dekorativen Charakter tragen die Schriftentwürfe des Jugendstils, die vornehmlich in der von Rudolf von Larisch gegründeten "Pflegestätte für Schrift und Buchkunst" in Wien entwickelt werden. Auch außereuropäische Formen wie in der von ostasiatischen Ornamenten beeinflussten Eckmann-Schrift - von Otto Eckmann um 1900 entwickelt - werden aufgegriffen. Die Schriften des Jugendstils werden aber durch den Primat von Sachlichkeit und Technik in den zwanziger Jahren schnell verdrängt. An mehreren Werkstätten wie der Offenbacher Schule Rudolf Kochs oder der Leipziger Akademie Walter Tiemanns werden nun neue Formen der Antiqua und Fraktur entworfen. Größere Bedeutung für die Typographie gewinnt das Bauhaus Dessau durch seine bewusst funktionalistisch ausgerichteten Formen, die speziell als Gebrauchsschriften für Technik und Reklame entwickelt werden. Herbert Bayer konstruiert mit Zirkel und Lineal eine präzisen mathematischen Vorgaben genügende Schrift, die jedes Schmuckelement zugunsten der Zweckmäßigkeit ablehnt.

Zu den bis in die Gegenwart bekannten Schriften aus dieser Zeit zählen die von der klassischen Grotesk beeinflusste Futura Paul Renners, die durch den leitenden Schriftkünstler der Monotype Corporation in London, Stanley Morison, zur Drucktype ausgereifte Times und die von dem Schweizer Max Miedinger entwickelte Helvetica. Als Buchtitel mittelalterlicher Texte findet häufig die durch den Amerikaner Victor Hammer modernisierte Unziale Verwendung. Mit Jan Tschichold und Hermann Zapf erleben nach dem Zweiten Weltkrieg traditionelle Formen eine Renaissance, die in Klarheit und Lesbarkeit stark den praktischen Bedürfnissen wie z. B. der Werbung angespaßt sind. Die Schriften werden häufig mit entsprechenden Namen wie Palatino - nach dem italienischen Schriftschneider - oder Trump-Mediäval - von dem langjährigen Leiter der Meisterschule für Buchdrucker in München, Georg Trump - versehen. Jan Tschichold wurde 1946 mit der Aufgabe betraut, den englischen Penguin Verlag typographisch zu reformieren.

In den letzten Jahren machte die Verdrängung des klassischen Bleisatzes durch Photo- und Lichtsatz die Entwicklung von Schriften notwendig, die neben dem menschlichen Auge auch der elektronischen Lesbarkeit genügen müssen, was vornehmlich durch Hermann Zapf und Adrian Frutiger geleistet wurde. Durch die laufende Optimierung der Computertechnik sind heute der Erfindung neuer Schriften keine technischen Grenzen mehr gesetzt. Ähnlich wie gegenseitige Beeinflussung von Schrift und Druck in der Vergangenheit durch die Wahl des Schreibwerkzeuges orientieren sich einige neue Alphabete am elektronischen Erkennungsprinzip der Hardware. An der geltenden Schriftklassifikation DIN 16 518 dürfte sich aber in absehbarer Zeit wenig ändern: Zehn Gruppen von Schrifttypen von der Venezianischen Renaissance-Antiqua über die Serifenlosen bis zu Schwabacher und Fraktur sind hier zusammengefasst. Hierzu gehören auch die Maße für die Schriftgröße - die Punkte - die der Pariser Schriftgießer Didot 1795 aus einem alten französischen Längenmaß entwickelte (ein Punkt = 0,375 mm). Diese Einheiten sind auch maßgebend für die Schrifttypen diverser Computerprogramme. Die Garamond - einst entworfen durch den französischen Schriftkünstler Claude Garamond im 16. Jahrhundert - gehört hier ebenfalls zum Standard wie die bereits erwähnten Futura, Helvetica, Palatino, Times und Bauhaus-Schrift in sämtlichen Formatierungen, die im Fotosatzlayout ermöglicht worden sind. Software für den Grafik- und Typographiebereich, die - wenn sie gut ist - z. B. an den Vorgaben eines Jan Tschichold orientiert ist, unterstützt Werbeagenturen und Privatpersonen in der Variierung bekannter Schrifttypen bzw. in der Imaginierung neuer Formen.

Eva-Maria Stuckel



Literatur

Erhardt D. Stiebner/W. Leonhard, Bruckmann's Handbuch der Schrift, München 1992 (4. Auflage) - zum Preis von 98.- DM bei Amazon.de.

Jan Tschichold, Erfreuliche Drucksachen durch gute Typografie. Eine Fibel für jedermann, Augsburg 2001 - zum Preis von 24,- DM bei Amazon.de.



   
   
   
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