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So auch im Falle der Titanic. Der Dampfer versinkt ebenso in den eiskalten Fluten des atlantischen Ozeans wie das von Platon konstruierte, mythische Vorbild der Titanic: Die Insel Atlantis. Wie Camerons Titanic könnte auch Platons Inselerzählung durchaus auf einer historischen Begebenheit basieren, denn untergegangene Inseln gab es auch in der Antike. Beide Erzählungen spiegeln eine ganze Gesellschaft: Hier die von Industriebaronen angeführte Drei-Klassen-Industriegesellschaft, dort die Parabel auf das antike Athen. Vereint sind beide in ihrem sagenhaften Reichtum: Hier die luxuriöse Ausstattung in der Ersten und das Glück in der feiernden Dritten Klasse, dort die strahlenden, goldgedeckten Dächer der Inselbauten. Aber an das Bild der paradiesischen Insel, der Insel der Glückseligen, heftet sich der Tod als eigentliche, parasitäre Bedeutung des Paradiesmythos. Sowohl die Geschichte der Titanic wie die der Atlantis besitzen hier eine besonders große psychologische Glaubwürdigkeit, die ihren Erfolg begründen hilft: Sie visualisieren im Gegensatz zu zahlreichen anderen eskapistischen Inselutopien die zweite Bedeutungsebene, den Tod im Untergang. Die Verquickung von Paradiesvorstellung und Tod hat eine allen Menschen eigene, entwicklungspsychologische Grundlage. Eine Grundlage, die bereits der Psychoanalytiker Jacques Lacan herausgearbeitet hat. Die Sehnsucht nach dem Paradies wird von ihm durch "jene verfrühte Trennung, die das Kind bei der Geburt von der Gebärmutter löst und eine Not erzeugt, die keine mütterliche Sorge ausgleichen kann" erklärt. Das Kind ist im weiteren Lebenslauf bemüht, diesen glückseligen Zustand im mütterlichen Fruchtwasser wieder zu erreichen. Ein Fruchtwasser, das womöglich ein Relikt, eine Simulation des Ozeans, in dem die Evolution der späteren Landlebewesen stattfand, darstellt. Der Mensch wird daher nach Lacan von dem im Unterbewußtsein existierenden Bild der Mutter, der Mutterimago, beherrscht. Abhilfe von dieser Sehnsucht schaffen nur entsprechende Sublimierungen: Lacan verweist auf diverse Bestattungsriten, die für ihn eine symbolische Rückkehr in den Mutterschoß darstellen; die Verbindungen, die antike Theologien zwischen Mutter und Tod herstellen und die Analyse von Selbstmordfällen. Zu den Klassikern unter den Selbstmordoptionen zählt das ins Wasser Gehen. Die wohl faszinierendste filmische Darstellung der psychologischen Attraktivität dieser Form des Unterganges bietet Luc Bessons Meisterwerk "Im Rausch der Tiefe": Ein junger Taucher läßt sich nächtens mit Hilfe von Bleigewichten in eine nie zuvor erreichte Tiefe des Ozeans gleiten. Am Ende der Laufleine angekommen, erscheint ihm ein Delphin; der Taucher löst seine rettenden Sauerstoffpolster und folgt dem Delphin in die Dunkelheit des Meeres. Der Kulturphilosoph Alexander Bessmertny bemerkte schon 1932, daß die Autoren der von ihm untersuchten Atlantis-Erzählungen, die "Atlantomanen", wie er sie nannte, von der Mutterimago bedroht seien. Wie sonst kann die Begeisterung, mit der der Untergang gesehen wird, erklärt werden? Hermann Wieland etwa beschrieb 1925 in seinem Buch "Atlantis, Edda und Bibel" den Untergang so: "Der Untergang von Atlantis war ein schaurig-schönes Schauspiel von fürchterlicher Großartigkeit... In einer Stunde war die Kultur von Jahrzehntausenden in die Tiefe versunken und die trüben, rauchenden und dampfenden Fluten des Ozeans wälzten sich über dem Grabe von 64 Millionen Menschen." Schaurig ist der Untergang - aber zugleich auch schön. Fürchterlich - aber auch großartig. Und das ist keineswegs der zaghafte Versuch, Ängste, wie sie auch das Krisenbewußtsein des Fin de Siècle produzierte, durch die Ästhetisierung des Todes zu bewältigen. Ebenso wenig geht es bei "Titanic" um einen Ausfluß der Millenniumshysterie. Der Mythos stellt auch nicht den Versuch dar, in der Tradition der christlichen Apokalypse-Idee durch das reinigende Bad der Zerstörung den Weg in eine bessere, paradiesische Zukunft zu ebnen. Die Bewegung läuft nicht weg vom Tod, auch nicht durch ihn hindurch, sondern direkt auf ihn zu. Das zyklische Weltbild der Naturvölker folgt dem ewigen Kreis der Jahreszeiten aus Werden und Vergehen. Das moderne, lineare Weltbild glaubt an die aufsteigende Linie des Börsenkurses, des Fortschrittes. Im Falle der Titanic dominiert ein anderes Bild: Es ist das Bild des Strudels, mit dem die Passagiere in die tödlichen Tiefen des Ozeans gezogen werden. Es ist das atlantidische Weltbild. Verharrt die Kamera im Falle des absinkenden Jack noch an der Meeresoberfläche, so zelebriert sie diesen Höhepunkt im Falles des Herzens des Ozeans, des absinkenden, bläulich funkelnden Diamanten, der sterbenden Rose, gegen Ende des Films um so intensiver. In "Titanic" geht es nicht um die erotische Vereinigung der Verlierer und Gewinner des neoliberalen Kapitalismus - wie es etwa Georg Seeßlen meint erkannt zu haben. Es geht um die filmisch perfekte Aufbereitung einer in jedem Menschen schlummernden Sehnsucht: Die Sehnsucht nach dem Ende der Trennung, die im Moment ihrer Geburt bereits den Wunsch nach Wiedervereinigung oder suizidaler Auflösung zeugt. Nur so ist der Sog zu erklären, den der Film auf zahllose Besucher ausübt. Besucher, die während immer neuer Filmbesuche in einen seltenen Kontakt treten können: In Kontakt mit dem atlantidischen Weltbild, einem Teil ihres innersten Selbst. Es ist die Option auf diesen Kontakt, die den Film so kostbar und sehenswert macht - neben einer ergreifenden Liebesgeschichte, dem tollen Soundtrack und den genialen Effekten. Franz Wegener
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