Hermann Hesses National-sozialismustheorie in 'Der Steppenwolf'

Von Franz Wegener

   

Gibt es einen Grund sich auch heute mit Hermann Hesses Steppenwolf zu beschäftigen? Eigentlich nicht, wenn da nicht die Chance bestände, am Beispiel des Steppenwolfs auf eine bestimmte Befindlichkeit einzugehen, die sich im Erscheinungsjahr 1927 bereits ihre Bahn brach und in den folgenden Jahrzehnten verheerende Folgen zeitigen sollte.


English translation


Doch zunächst zur Handlung: Harry Haller - das ist die zentrale Romanfigur im "Steppenwolf". Haller ist unzufrieden: Mit sich, seiner Zeit und seinen Zeitgenossen. Sein Gemecker hat ihn einsam gemacht und so nennt er sich denn selbst "Steppenwolf". Erst eine neue Freundin, Hermine, kann ihn durch Einbindung in ihren Freundeskreis vom zynischen Gelehrten zum angehenden Hedonisten bekehren. Zu den von ihrem Freund Pablo gespielten Klängen lernt er tanzen und Hermines Freundin Maria lieben. Im Opiumrausch, dem sogenannten "Magischen Theater", beginnt er schließlich seine eigenen Lebenslügen zu durchschauen.

Die Geschichte wird - etwas irritierend - von verschiedenen Erzählern dargeboten. Da gibt der Neffe der Tante, die den Steppenwolf eine Hucke vermietet hat, in einem "Vorwort des Herausgebers" seine Einschätzung der Person Haller zum Besten; da äußert sich der Protagonist in seinen "Aufzeichnungen" selbst zu seiner und der Lage der Nation und da berichtet uns ein unbekannter Autor in einem "Tractat" über den Steppenwolf.

Die Alliteration der Namen Hermann Hesse - Harry Haller läßt auf autobiographische Züge einer denkbaren Seelenverwandschaft zwischen Protagonist und Autor schließen - muß aber nicht. Auf jeden Fall ist Hesse Produzent und Haller Produkt seiner Zeit und das macht sie für unseren Zweck so brauchbar: Dem Versuch einer Zuordnung Hallers zu einem bestimmten mentalitätsgeschichtlichen Typus.

Haller beklagt die Unsicherheit seiner Generation, die Opfer eines Zeitenwechsels sei. Seine alten Ideale brechen weg - er selbst sieht sich mit all den anderen Steppenwölfen, als "Säufer über bankrotten Idealen", die neuen taugen noch nicht als Spender behaglich sicherer Geborgenheit. Er hält diese große "Zeitkrankheit" auch für den Gegenstand seiner Aufzeichnungen. Es finden sich die üblichen Alliterationen auf den Zeitgeist: Kapitalismuskritik im Verweis auf die von Aktiengesellschaften "ausgesogene Erde". Kulturpessimismus in seinem - wohl Arnold Gehlens These aufnehmenden - Verweis auf die Möglichkeit, daß der Mensch womöglich nur ein Betriebsunfall, eine "Fehlgeburt" der Natur darstelle. Kulturpessimismus auch in Hermines Einschätzung, der Teufel sei mit dem "Geist" identisch. Hermine hat offensichtlich "Der Geist als Widersacher der Seele", das Hauptwerk des Philosophen Ludwig Klages, gelesen. Klages polarisiert Körper und Seele auf der einen und den Geist auf der anderen Seite. Körper und Seele seien bei Geburt eine Einheit, aber dann beginne eine akosmische Macht, der Geist, sich zwischen Seele und Körper zu drängen. Bildhaft-unbewußtes Denken werde durch analytisch sezierendes Denken ersetzt, bewußtes Agieren ersetze instinktgesteuertes Handeln und die Einheit von Körper und Seele werde zerstört: Das Leben sterbe. Soweit zu Hermines wohlwollender Klages-Rezeption.

Antibürgerliche und antidemokratische Affekte Hallers zeigen sich in seinem Spott über das nach Ataraxie, die "temperierte Mitte", strebende Bürgertum. Bemängelt wird das angeblich verantwortungslose Tun der Parteien, ihr "Geschwätz". Statt "Macht" werde in der feigen Demokratie ängstlich die "Majorität" gesucht. Ambivalent dagegen das von ihm durchaus gesehene tatsächliche Verhalten des Bürgertums, das seiner Analyse dann doch eher widerspricht: Kriegstreiberei und klare Positionen gegenüber "Juden und Kommunisten", gegen vermeintliche und tatsächliche Feinde von innen und außen, wie sie im Dialog mit dem Professor ersichtlich werden, lassen Zweifel an dem behaupteten Harmonie- und Konsensstreben des Bürgertums berechtigt erscheinen. Später im Magischen Theater gewonnene Einsichten betreffs der eigenen Gewaltbereitschaft lassen Haller hier klarer sehen...


Mehr erfahren Sie in dem neuen Buch von

Stuckel, Eva-Maria; Wegener, Franz:
Interpretationen zu Hermann Hesses "Der Steppenwolf" -
Interpretations on Hermann Hesse's "Steppenwolf"
Gladbeck, KFVR 2000
ISBN 3-931300-05-6


Stimmen zum Text:

„ein interessanter Ansatz“, Nadine Vonow: „Der Steppenwolf und Peter Weiss“, unter: hessesolothurn.ch
„Some critics... open the possibility of another interpretation of the role that the bourgeoisie may play in Steppenwolf based on the meaning attributed to other images in the novel such as the mother image.“, Pantagruelle: „The Steppenwolf's Perception Of The Bourgeoisie and His Escape From It“
Literaturempfehlung, Brent Dean Robbins: „Jacques Lacan“, in: Mythos & Logos - Existential-phenomenological philosophy, literature and perennial philosophy
Literaturempfehlung, Dr. Ingo Cornils: „Hermann Hesse“, University of Leeds - Department of German
Literaturempfehlung, Frances Theresa Nowve, Concord, California: „The Magic Theater
of Hesse's Steppenwolf“
Literaturempfehlung, Timo Reith, Hesse-Portal, unter: meome.de
Literaturempfehlung, Prof. Dr. Hong, Soon, Dept. of German Language & Literature, Mokwon University, Korea
Literaturempfehlung, LTHS & RBHS Engaged Learning Projects, Illinois, USA: „Resources for Hermann Hesse“




Literaturverzeichnis:

Bessmertny, Alexander: Das Atlantisrätsel - Geschichte und Erklärung der Atlantishypothesen, Leipzig 1932

Breuer, Stefan: Anatomie der Konservativen Revolution, Darmstadt 1993

Chasseguet-Smirgel, Janine: Vorwort, in: Zagermann, Peter: Eros und Thanatos - Psychoanalytische Untersuchungen zu einer Objektbeziehungstheorie der Triebe, Darmstadt 1988

Hermann, Albert. Unsere Ahnen und Atlantis - Nordische Seeherrschaft von Skandinavien bis nach Nordafrika, Berlin 1934

Lacan, Jacques: Schriften III, Olten und Freiburg im Breisgau 1980

Michels, Volker (Hrsg.): Materialien zu Hermann Hesses 'Der Steppenwolf', Frankfurt am Main 1972

Mohler, Armin: Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1932 - Ein Handbuch, 4. Auflage, Darmstadt 1994

Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1866-1918, Band 1, Arbeitswelt und Bürgergeist, München 1990

Plessner, Helmuth: Mit anderen Augen - Aspekte einer philosophischen Anthropologie, Stuttgart 1982

Schönau, Walter: Einführung in die psychoanalytische Literaturwissenschaft, Stuttgart 1991

Tempelhofgesellschaft (Hrsg.): Einblicke in die magische Weltsicht und die magischen Prozesse, Wien 1987

Vondung, Klaus: Die Apokalypse in Deutschland, München 1988

Wegener, Franz: Das Atlantidische Weltbild. Nationalsozialismus und Neue Rechte auf der Suche nach der versunkenen Atlantis, Gladbeck 2000

Wieland, Hermann: Atlantis, Edda und Bibel. 200 000 Jahre germanischer Weltkultur und das Geheimnis der Heiligen Schrift, Weißenburg in Bayern 1925

Der Zauberbrunnen - Die Lieder der deutschen Romantik - Ausgewählt von Hermann Hesse Mit Holzschnitten von Ludwig Richter, Frankfurt am Main 1977


Deutsche Fassung dieses Textes
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