LITERATUR
Paul Ricur: Die Interpretation. Ein Versuch über Freud (1969)
Paul Ricur: Hermeneutik und Psychoanalyse (1974)
Jens Mattern: Paul Ricur zur Einführung (1996) - dieses Buch können Sie hier bei Amazon bestellen.
St. B. Messer, L. A. Sass, R. L. Woolfolk (Hrsg.): Hermeneutics and Psychological Theory: Interpretative Perspectives on Personality, Psychotherapy, and Psychopathology (1988)
M. J. Packer, R. B. Addison: Entering the Circle. Hermeneutic Investigation in Psychology (1989)
St. Landolt: Welche Folgen hat die Hermeneutik für wichtige Theorien der Psychoanalyse? In: G. Frey, J. Zelge (Hrsg.): Der Mensch und die Wissenschaften vom Menschen (1983), Bd. 2, S. 921 - 931
EINE THEORIE DES SYMBOLS
Ricur definiert den Begriff des Symbols als Bewegung von einem Sinn zu einem anderen Sinn, als Beziehung zwischen latentem und manifestem Sinn: Signifikant ist seine Doppeldeutigkeit. Die symbolische Textur als Architektur von Sinn und Sinn erfordert die hermeneutische Interpretation als exegetisches Regelwerk zur Deutung eines "Textes". Dieser Textbegriff umfasst jede Gesamtheit von Zeichen, also auch Traum, neurotisches Symptom, Ritus, Mythos, Kunstwerk, Glaubensinhalt.
INTERPRETATION UND INTERPRETATIONEN
Parallel zum Begriff des Symbolischen meint die hermeutische Interpretation "etwas von etwas aussagen". Die Interpretation als Exegese einer Zeichenstruktur bewegt sich zwischen re- und entmystifizierenden Stilen der Hermeneutik. Eine Phänomenologie des Heiligen möchte den Sinn wiederherstellen und die Symbole verstehen, nicht sie destruieren. Die Schule des Zweifels dagegen - repräsentiert durch Marx, Freud, Nietzsche - interpretiert das Bewusstsein als "falsches Bewusstsein". Der Cartesische Zweifel an der Realität der Welt richtet sich auf das Bewusstsein selber. Sie konstruieren Entschlüsselungsmethoden, um die unbewusste Verschlüsselungsarbeit zu eruieren. Durch das kritische Entziffern der symbolischen Äußerungen soll das Bewusstsein mit der Realität konfrontiert und erweitert werden.
VERSUCH EINER NEUBEGRÜNDUNG PHILOSOPHISCHER REFLEXION
Die Symbole haben nicht nur semantischen, sondern auch heuristischen Wert, weil sie unserer Existenz ontologisches Gewicht verleihen. Diese heuristische Ebene des Symbols ist sein Ruf nach philosophischer Reflexion. Umgekehrt benötigt die Reflexion die Symbole, Objekte, Werke, um das Ego des Ego cogito auf einer höheren Stufe der Reflexivität wiedererlangen zu können. Die Reflexion ist - durch die Struktur des Symbols - mit einer dreifachen Aporie konfrontiert: der Vielfältigkeit kultureller Produkte, der Doppeldeutigkeit des Symbolischen, dem Gegeneinander unterschiedlicher Hermeneutiken. Diese Aporie läßt sich nur über die Verankerung der Interpretation in der Reflexion rechtfertigen. Durch die Interpretation erfasst die Reflexion die Zeichen unserer Werke in der Welt und damit den Existenzakt, das Setzen des Selbst in der Dichte seiner Werke. In der Bewegung der Interpretation verschmilzt die abstrakte Reflexion die Notwendigkeit ihres Prinzips mit der konkreten Zufälligkeit der Zeichen.
DIE WIEDERANEIGNUNG DES EGO
Ricur fordert eine neue philosophische Anthropologie, die sich die dialektische Erfassung des Bewussten und des Unbewussten zur Aufgabe macht. Freud will den Narzissmus des vitalen Bewusstseins überwinden, indem er das Unbewusste - die Schlüsselsignifikanten der Kindheit -dem Bewusstsein zugänglich macht. Demgegenüber versucht die Hegelsche Phänomenologie des Geistes, sich die Objektivitäten des Erwachsenen zuzueignen: Objektivität des Ökonomischen als Aneignung und Arbeit, Objektivität des Politischen als Befehl-Gehorsams-Verhältnis, Objektivität der Kultur in Kunst und Literatur. Diese Objektivitäten des Geistes realisieren eine neue Modalität der Subjektivität, neue Triebe, Vorstellungen und Affekte, die nicht libidinös entstanden sind, jedoch libidinös besetzt werden können. Durch die Verschränkung der regressiven Methodik Freuds und der progressiven Methodik Hegels versucht die hermeneutische Interpretation der Dualität des Symbols als Wiederholung der Schlüsselsignifikanten und als Entwurf der Geistgestalten gerecht zu werden. Dieser dialektische Prozess von sinnstiftenden und sinndestruierenden Hermeneutiken handelt nicht von zwei Hälften des Menschen, sondern vom ganzen Menschen. Das Ziel ist die Wiederaneignung des Selbst als vermitteltes Bewusstsein - "Wo Es war, soll Ich werden".

ERKLÄRUNG DES SCHAUDIAGRAMMS
Die Hermeneutik bzw. die hermeneutische Interpretation der Symbole spaltet sich auf zwischen der kritischen Analyse und der phänomenologischen Synthese, zwischen Freud und Hegel. Während die Psychoanalyse das Symbolische als Schlüsselsignifikanten infantiler Verdrängungen interpretiert, versucht die Phänomenologie des Geistes neue Objektivitäten, die sich im Erwachsenenalter herausgebildet haben, als Entwürfe für die Zukunft zu begreifen. Das Symbol wird also in einer dialektischen Bewegung, in einem reflektiven Spannungsverhältnis erfasst, das dem ganzen Menschen gerecht werden will. Die philosophische Reflexion und Interpretation des Symbols führt durch drei Aporien: der Kontingenz geschichtlicher Symbolisierung, der Polyvalenz des Symbolischen und der Gleichzeitigkeit differenter hermeneutischer Stile. Die Reflexion als zunächst abstrakte muss diese Aporien durchschreiten und sich mit der Realität konfrontieren. Dieser Prozess der Konkretion ist die Bedingung für eine neue Valenz des Bewusstseins, die sich von der Naivität des Unmittelbaren verabschiedet hat: In der reflektiven Dualität von Wiederholung und Entwurf konstituiert sich das Ego neu - und das heißt: als vermitteltes Bewusstsein.
Eva-Maria Stuckel
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