Die Verkörperungsfunktion der Sinne in der philosophischen Anthropologie Helmuth Plessners
Eine kurze Biografie zu Helmuth Plessner
- * 1892 in Wiesbaden, 1985 in Göttingen
- befasste sich mit Fragen der philosophischen Anthropologie, Kultursoziologie und Ästhetik
- Studium der Zoologie und Philosophie bei Driesch und Husserl
- wissenschaftliche Karriere in Köln
- ab 1934 in Groningen, dort Professor für Soziologie, seit 1951 in Göttingen
- Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes (1923): Durchbruch zu einer philosophischen Anthropologie
- Die Stufen des Organischen (1928)
- Die Frage nach der Conditio Humana (1965)
- Kantische Menschheitsfragen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?
Literatur von Helmuth Plessner
Die gesammelten Schriften sind noch bei Amazon erhältlich. Allerdings ist eine wesentlich preiswertere Ausgabe in Vorbereitung, die 2003 erscheinen soll und bei Amazon vorbestellt werden kann:
Plessner, Helmuth: Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Aesthesiologie des Geistes. Reprint der 1. Auflage von 1923, Bonn 1965
Plessner, Helmuth: Gesammelte Schriften. Bd. III. Anthropologie der Sinne, Frankfurt/Main 1982
Plessner, Helmuth: Gesammelte Schriften. Bd. VIII. Conditio humana, Frankfurt/Main 1982
Einen guten Überblick bietet nach wie vor folgender kleiner Band:
Plessner, Helmuth: Mit anderen Augen. Aspekte einer philosophischen Anthropologie. Stuttgart 1982 - bestellbar bei Amazon.
Literatur zu Helmuth Plessner
Asemissen, Hermann Ulrich: Helmuth Plessner: Die exzentrische Position des Menschen. In: Speck, Josef (Hrsg.): Grundprobleme der großen Philosophen. Philosophie der Gegenwart. Bd. II., Stuttgart 1991 - bestellbar bei Amazon.
Fahrenbach, Helmut: Mensch. In: Baumgartner, Hans-Michael/Krings, Hermann/Wild, Christoph (Hrsg.): Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Bd. II. München 1973 - bestellbar bei Amazon.
Gadamer, Hans-Georg, Artikel: Hermeneutik. In: Ritter, Joachim (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. III, Stuttgart 1974 - bestellbar bei Amazon.
Habermas, Jürgen: Philosophische Anthropologie (ein Lexikonartikel). In: Habermas, Jürgen: Kultur und Kritik. Verstreute Aufsätze. Frankfurt/Main 1977 (1973)
Kämpf, Heike: Helmuth Plessner. Eine Einführung, Düsseldorf 2001 - bestellbar bei Amazon.
Lessing, Hans-Ulrich: Hermeneutik der Sinne. Eine Untersuchung zu Helmuth Plessners Projekt einer Ästhesiologie des Geistes nebst einem Plessner-Ineditum. Freiburg/München 1998
Marquard, Odo: Anthropologie. In: Ritter, Joachim (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. I, Stuttgart 1971 - bestellbar bei Amazon.
Mollenhauer, Klaus: Der Leib Bildungshistorische Beobachtungen an ästhetischen Objekten. In: Borrelli, Michele/Ruhloff, Jörg (Hrsg.): Deutsche Gegenwartspädagogik. Band III. Interdisziplinäre Verflechtungen und intradisziplinäre Differenzierungen, Hohengehren 1998 - bestellbar bei Amazon.
Redeker, Hans: Helmuth Plessner oder Die verkörperte Philosophie, Berlin 1993
Die philosophische Anthropologie Helmuth Plessners
Die anorganische Struktur besitzt keine Grenze; die organische Struktur dagegen besitzt eine Grenze, der Begriff der Positionalität definiert sich als Verhältnis zu dieser Grenze. Es gibt drei positionale Charaktere, von denen jedoch nur der Mensch alle drei erfüllt:
1. Körper sein, 2. im Körper sein, 3. außer dem Körper sein.
Dabei definiert sich Positionalität auch im Hinblick auf den biologischen Aspekt der Umwelt und Umweltbezogenheit. Jedes Lebewesen ist nicht nur in seine Umgebung, sondern auch gegen sie gestellt. Der positionale Charakter der Pflanze ist die offene Organisationsform: Die Pflanze lebt, ohne sich zur Positionalität in Beziehung zu setzen. Der positionale Charakter des Tieres ist die geschlossene Organisationsform: Es besitzt Einheit seiner Empfindungen in einer Mitte, ohne diese Mitte zu erleben.
Der positionale Charakter des Menschen ist bestimmt durch die ex-zentrische Positionalität: Er lebt und erlebt nicht nur, sondern er erlebt sein Erleben er hat nicht nur ein Leben, er muss es führen. Um die Exzentrizität des Menschen zu definieren, greift Plessner bevorzugt zu scheinbar gegensätzlichen Ausdrücken: Der Mensch ist von Natur künstlich, er lebt in vermittelter Unmittelbarkeit, er hat ein Verhältnis zu Verhältnissen. All dies beschreibt, dass der Mensch einen Abstand zu sich selbst hat, den er auch verlieren kann, ohne seine menschliche Existenz zu verlieren.
Eine Anthropologie der Sinne
Die menschlichen Sinne wirken beim Aufbau der Wahrnehmungswelt, im passiven Erkennen oder aktiven Gestalten des sinnlichen Materials zusammen: Das Auge führt die Hand, die Hand bestätigt das Auge. Plessner nennt dieses Verhältnis auch Sinn der Sinne. Historisch entstehen die spezifisch menschlichen Arten des sinnlichen Wahrnehmens durch den aufrechten Gang und die damit verbundene Freilegung des Auge-Hand-Feldes. Die Abstandnahme zur Welt, die Fähigkeit, eine Distanz zum sinnlichen Material aufzubauen, wird dadurch begünstigt. Sehen und Hören werden zu Fernsinnen, die die anderen Sinne überlagern. Vorzugsweise das Auge stiftet den Kontakt mit dem Gegenstand über einen Abstand hinweg und korreliert so mit dem Tasten als Nahsinn, der diese Distanz aufhebt.
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Eva-Maria Stuckel