INTRO-Interview mit Helge Mikulski
Das Gespräch führte Franz Wegener
- Helge Mikulski, 28, studiert in Hannover Soziologie und lebt in Gladbeck. Anläßlich der jüngsten fremdenfeindlichen Ausschreitungen äußert er sich gegenüber INTRO über die verborgenen Mechanismen der Bildung von Vorurteilen. Soziologie, Psychoanalyse und Frankfurter Schule geben ihm hierfür die notwendigen Werkzeuge an die Hand.
INTRO: Welche Techniken zur Bildung von Vorurteilen gibt es?
Es gibt bestimmte Techniken der Vorurteilsbildung: Es gibt die pars-pro-toto-Technik, die Einer-für-Alle-Methode": Die Wahrnehmung der Gruppe der Anderen orientiert sich immer an ihrem schlechtesten" Mitglied, die Wahrnehmung der eigenen Gruppe orientiert sich immer am besten" Mitglied. Eine andere Technik ist die Personalisierung von Kollektiven. Dabei werden die Personen nicht mehr als unterschiedliche Individuen gesehen, sondern nur noch im Spiegel ihrer Gruppe. Dies zeigt sich etwa in der Rede von dem Juden", dem Kapitalisten" und so weiter.
Vorurteile sind erfahrungsimmun, sie sind sachlich unangemessen, sie umfassen - im Guten wie im Bösen - wertende Urteile, sie sind durch logische Argumente nicht korrigierbar und erfüllen für ihren Träger bestimmte psychische Funktionen: Abwehrfunktionen, etwa die Suche nach einem Sündenbock, die Projektion eigener, von innen kommender Probleme nach außen auf andere Menschen. Anschließend werden die eigenen Ängste oder auch Minderwertigkeitsgefühle stellvertretend im Anderen bekämpft. Vorurteile entlasten so scheinbar auch ihren Träger von unangenehmen, überfordernden oder peinlichen Einsichten. Die Menschen müssen lernen, eigene Unsicherheiten auszuhalten. In eine Welt, in der man sich selbst nicht mehr zurecht findet, klammert sich der Mensch sonst an äußere Stärke.
Vorurteile haben zudem die Eigenschaft, als sich selbst verwirklichende Prophezeiung zu wirken. Sie drängen darauf, die Welt so zu verändern, wie das im Vorurteil vorgedacht wird. Wenn ein Kind nur oft genug gesagt bekommt, es sei dumm, dann wird es das auch. So gesehen gibt es aber auch positiv wirkende Vorurteile: Die Annahme, der Mensch sei gut, ist sicherlich so ein solches Vorurteil; es kann die Gesellschaft unter Umständen zum Besseren hin verändern. Es muß stärker auf die Sprache geachtet werden, mit der andere Menschen etikettiert werden: Feindbilder verhindern die Einfühlung in den anderen, machen ihn mir fremd. Wenn der andere als Ungeziefer bezeichnet wird, dann enthält diese Aussage zugleich die verdeckte Handlungsanweisung: Ausrotten, weil schädlich!" Die Medien sind dabei immer auch Bewußtseinsindustrie, die häufig unbewußt Gewaltbereitschaft wecken. Auf dieser Gewaltbereitschaft baut unsere Gesellschaft mit auf. Eine Gewaltbereitschaft, die sich unter bestimmten Bedingungen, wie etwa der Arbeitslosigkeit, in rechtsradikalen Jugendlichen verdichtet und zum Ausbruch kommt.Die Medien dürfen nicht so stark polarisieren, in Schwarz-Weiß-Mustern idealisieren und verteufeln - das ist gerade hier in Deutschland sehr verbreitet: Im Golfkrieg war etwa die Rede vom Kampf des Guten gegen das Böse, ein schönes Beispiel ist auch der augenblickliche Wahlkampf und das Auftreten der Politiker.
INTRO: Aber ist das nicht eher ein Ausfluß von Medienwirklichkeit, daß Sachverhalte pointiert dargeboten und grell geschminkt werden müssen, damit sie vom Zuschauer und Leser überhaupt noch in der täglichen Informationsflut wahrgenommen werden?
Natürlich ist die Voruteilsbildung nicht auf bestimmte Politiker zu reduzieren. Die Entstehung von Vorurteilen kann generell nicht einer bestimmten Trägergruppe zugeordnet werden, auch wenn bestimmte Gruppen eher von einer Vorurteilsbildung profitieren. Vorurteile basieren vielmehr auf einer bestimmten Tiefenstruktur unserer Gesellschaft. Eine Struktur, die in der Bundesrepublik von der Verleugnung unserer faschistischen Vergangenheit geprägt ist. Da im Anschluß an den Faschismus keine Trauerarbeit geleistet wurde, sich stattdessen breite Teile der Bevölkerung in den Wiederaufbau stürzten, wurde das Trauma nicht verarbeitet, so daß sich eines Tages der Faschismus wiederholen muß. Damit verbunden sind natürlich auch die Begleitumstände des Faschismus, etwa eine massive Vorurteilsbildung. Es gibt immer eine Vielzahl von Ursachen für ein Vorurteil: So wie man die einzelne Figur auf dem Schachbrett nur in ihrer Beziehung zu den anderen Figuren verstehen kann, so müssen bei einem Vorurteil auch immer die vielfältigen Ursachen und Rahmenbedingungen gesehen werden. Kernstrukturen unserer Gesellschaft wie Machtunterschiede, Konkurrenzsituationen und soziale Ungleichheiten sind solche Ursachen.
INTRO: Macht man es sich nicht zu einfach, pauschal eine Änderung des sozialen Systems zu fordern? Sind es nicht einzelne Menschen, die handeln? Und besitzen alle diese Menschen tatsächlich - bedingt durch die Gesellschaftsstrukturen" nur Vorurteile, nur Scheuklappen?
Ein Mensch kann sich gar nicht außerhalb seiner Vorurteile stellen, weil sie ihm zum großen Teil selber unbewußt sind. Vorurteile, die herrschaftsstabilisierend auf die Kernstrukturen der Gesellschaft zurückwirken. Erste Schritte zum Abbau von Vorurteilen lägen daher in der Reduzierung von Konkurrenzsituationen und sozialen Ungleichheiten, in der Ausgleichung von Machtunterschieden zwischen Kindern und Eltern, Schülern und Lehrern, Studenten und Professoren, Arbeitern und Unternehmern.
INTRO: Wird hier nicht die Verantwortung zu sehr von der Schulter des Einzelnen auf das Abstraktum Gesellschaft" verschoben? Wenn alle sozialen Ungleichheiten und Machtunterschiede ausgeglichen wären, gäbe es dann tatsächlich keine Vorurteile mehr? Wäre das das Paradies auf Erden? Oder gibt es nicht auch biologisch-anthropologische Konstanten, die die Genese von Vorurteilen zumindest begleitend fördern können?
Dem kann ich nicht zwingend widersprechen, würde ich aber auch nicht bestätigen. Eine eher persönliche Ursache zur Entstehung von Vorurteilen läge aber im Charakter des Einzelnen begründet, wie es etwa Adorno in seinen Studien über den autoritären Charakter aufgezeigt hat. Man kann im übrigen davon ausgehen, daß es keinen Menschen ohne Schubladendenken gibt: Verallgemeinerungen und Strukturierungen haben auf der Ebene des Denkens eine wichtige Orientierungsfunktion für den Einzelnen in der Welt. Allerdings können diese Schubladen stets geöffnet und mit mehr oder anderem Inhalt gefüllt werden. Vorurteile hingegen sind erfahrungsimmun. Sie sind statisch und können eben nicht entwickelt werden. - Auch nicht etwa durch den Kontakt zu bestimmten Minderheiten oder auch nur im Rahmen von Schülerreisen ins Ausland. Ein betroffener Jugendlicher würde nur stets die Dinge im Ausland wahrnehmen, die seine Vorurteile bestätigen helfen.
INTRO: Aber haben solche Reisen nicht auch eine präventiv- immunisierende Funktion? Einem Schüler, der selbst in einer französischen Gastfamilie erlebt hat, daß man dort am liebsten Cornflakes ißt und zu McDonalds pilgert, wird man später kaum erzählen können, der Franzose" liebe gutes Essen.
Das setzt allerdings von vornherein bei diesem Schüler eine entsprechende Offenheit voraus. Man darf grundsätzlich nicht vergessen, daß Vorurteile nicht aufgrund logischer Argumente entstehen, sondern aufgrund bestimmter sozialstruktureller Erfahrungen. Es nützt daher auch weniger als viele glauben, den Bundesbürgern vorzurechnen, daß die ausländischen Mitbürger etwa durch ihren Konsum mehr Arbeitsplätze schaffen, als sie selbst innehaben. Die Leute interpretieren die Zahlen ohnehin nur, wie es ihren Vorurteilen entspricht. Rationale Argumente führen hier nicht weiter. Oder glauben Sie, daß die Wähler die Republikaner wählen, weil sie deren Parteiprogramm genau gelesen haben und argumentativ überzeugend finden? Daher müssen vor allem die Ursachen der Vorurteile, die sozialen Strukturen bekämpft werden. Das Problem ist, daß viele Menschen Veränderungen erreichen wollen, ohne diese Strukturen ändern zu wollen. Man will den Rechtsradikalismus bekämpfen, ohne auch die wahren Ursachen zu bekämpfen, die dazu führen. Hier ist eine frühe Aussage von Horkheimer immer noch erinnernswert: Wer vom Kapitalismus nicht sprechen will, der sollte auch vom Faschismus schweigen."
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