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Die Neue Rechte

   
Die deutschen Rechtsradikalen firmieren unter einem neuen Namen: "Neue Rechte" lautet der neue Sammelbegriff. Diese Namensgebung hat eine Vorgeschichte:


  • Ende der 60er Jahre begannen in Frankreich Rechtsradikale zu erkennen, daß der klassische Weg zur politischen Machtergreifung - über die Gründung einer entsprechenden Partei - keinerlei nennenswerte Erfolge mehr erbrachte. Eine neue Strategie mußte her und die wurde bald gefunden: Einige der französischen Protagonisten erinnerten sich der Thesen des kommunistischen, italienischen Vordenkers Antonio Gramsci, der postulierte, der Weg zur politischen Macht führe über "Metapolitik". Gemeint war die Besetzung einzelner Themenfelder, das Eindringen in die Kulturszene eines Landes etwa über die Gründung entsprechender Kulturzeitschriften und die Aufnahme eines theoretischen Diskurses über den rechten Weg.

    Zielpunkt war nicht die Entwicklung aktueller, tagespolitisch nutzbarer Ansätze oder das Erzielen guter Wahlergebnisse: "Es handelt sich nicht um Vorbereitungen zur Machtübernahme nach dem Muster einer politischen Partei, sondern darum, die Mentalitäten umzuformen, um ein neues Wertesystem zu verbreiten, dessen politische Umsetzung nicht unsere Sache ist."

    Im März 1968 wurde daher die Zeitschrift Nouvelle Ecole gegründet. Im Januar 1969 folgte dann in Nizza die Gründung des als Disskusionsforum der Nouvelle Droite gedachten Verbandes "Groupement de Recherche et d'Etude pour la Civilisation européenne", kurz GRECE genannt. Laut eigenem Statut liegt der Zweck des Vereins im Betreiben metapolitischer, wissenschaftlicher Studien. GRECE hatte nach eigenen Angaben 1983 etwa 3000 Mitglieder, die sich in 30 lokalen und regionalen Gruppen organisierten. Es gibt Unterstützerkreise, die sich aus Journalisten, Künstlern und Wissenschaftlern rekrutieren. 1976 wurde der Verlag "Les Editions Copernic" gegründet, der bis 1982 die Schriften der Nouvelle Droite vertrieb, gefolgt vom Verlag "Le Labyrinthe", der seitdem den Vertrieb übernimmt.

    GRECE vertreibt diverse Zeitschriften, darunter das Theorieblatt "Nouvelle Ecole", das seit 1974 Zuwendungen aus Mitteln der Académie Francaise erhält und von ehemaligen Autoren der NS-"Zeitschrift für Rassenkunde", Mitarbeitern eines britischen Rassekundemagazins und sogar einem ehemaligen Mitarbeiter von Heinrich Himmler unterstützt wird. Darüberhinaus werden die Zeitschrift "Eléments - La Revue de la nouvelle droite" (Auflage knapp 10.000), die Rezensionszeitschrift "Panorama des idées actuelles", die Zeitschrift "Etudes et Recherches" und die monatlich erscheinende Mitgliederzeitschrift "Le Lien" vertrieben. Die Leserschaft etwa der Nouvelle Ecole ist nach einer Leserumfrage jung (um die 30), 81% der Leser haben ein Hochschulstudium zumindest begonnen und - wie Jaschke betont - "die akademischen Mittelschichten dominieren das berufliche Profil. Nur 1% der Leser war weiblich(!), so daß der traditionell rechte männerbündische Charakter von GRECE auch hier offenkundig ist".

    Jaschke verweist bezüglich der Organisationsformen der Nouvelle Droite auf den historischen Bezug zu den Organisationsformen der Vertreter der Konservativen Revolution, die ja auch nach Mohler "nicht an die Öffentlichkeit tretende Elite-Zusammenschlüsse, zahlenmäßig kleine literarische Kreise, Gefolgschaften von Zeitschriften, aber auch bewußt außerhalb des Parlamentarismus stehende Kampfbünde, geheime Orden und ähnliches mehr" waren.

    Die Ideologen, allen voran Chef-Theoretiker Alain de Benoist, kommen in ihrer Anlayse der Entwicklung des Abendlandes zu dem Schluß, daß ausgehend von den goldenen Zeiten der Antike heute eine Krise mit den Symptomen Orientierungslosigkeit, Werteverfall, Kriminalität, Drogen und Gewalt herrsche. Der "McDonaldisierung" Europas als wurzelloser Kultursatellit der USA wird die Rückbesinnung auf eigenen Wurzeln entgegengestellt. Unter Rekrutierung längst vergessen geglaubter Theoretiker der Konservativen Revolution der Zwischenkriegszeit und zeitgenössischer Naturwissenschaftler wurden Positionen erarbeitet, die sich wie folgt zusammenfassen lassen:

    1. Alle Theorien von der Gleichheit der Menschen werden verworfen. Argumentiert wird hier mit sozio-biologischen Argumenten basierend auf Theorien genetischer Determination. Ein hierarchischer Aufbau innerhalb eines Volkes, einer Gesellschaft mit herausgehobenen Eliten sei somit natürlich begründet. Die genetische Determination begründe zudem die ethnische Differenzierung der Völker. Ethno-Pluralismus heißt hier das Schlagwort der Nouvelle Droite.
    Die Nouvelle Droite ist folglich anti-egalitaristisch.

    2. Der liberale Impuls der Französischen Revolution habe das individuelle Glücksstreben entfesselt, das sich heute in kapitalistisch orientierten Krämerseelen manifestiere. Der Mensch werde zum Konsumenten degradiert. Hier unterscheidet sich die Ideologie der Neuen Rechten stark von den als Verrätern an der konservativen Sache empfundenen, machtpolitisch eingebundenen Poltikern etwa der bundesrepublikanischen CDU.
    Die Nouvelle Droite ist anti-kapitalistisch.

    3. Wiederentdeckt werden soll die angeblich allen Europäern gemeinsame indo-europäische Vergangenheit, die vom Christentum verschütteten heidnisch-keltisch-germanischen Kulte und der damit einhergehende Polytheismus. Der jüdische Monotheismus sei die Quelle des Totalitarismus, verkörperten doch die verschiedenen Göttinen und Götter die unterschiedlichsten Ideenwelten und bildeten somit die Grundlage der Toleranz.
    Abgelehnt werden das christlich-finalistische und marxistische Weltbild, das von einer stehten Aufwärtsentwicklung ausgeht und in einem festen Zustand endet - das Jüngste Gericht und die klassenlose Gesellschaft. Die Vertreter der Neuen Rechten halten dem ein zyklisches, am stets wiederkehrenden Werden und Gehen der Natur orientiertes Weltbild entgegen.
    Die Nouvelle Droite ist anti-judeo-christlich.

    4. Zur Konturierung ihres Menschenbildes zieht die Nouvelle Droite die Verhaltensforschung hinzu. Da die Aggression eine normale soziale Ausdruckform sei, wird die in Folge von Christentum und Liberalismus vollzogene Entwicklung der Menschenrechte als Fehlschritt gebrandmarkt.
    Die Nouvelle Droite ist anti-humanistisch.

    5. Zur Bekämpfung der Verfallserscheinungen wird die Rückbesinnung auf die vorhandenen Wertetraditionen und Mythen empfohlen. Der Mythos müsse rehabilitiert werden. Jaschke: "Geradezu euphorisch werden die Eigenschaften des Mythos beschrieben: Er verweist auf die historischen Ursprünge, ist Ausdruck kollektiven Willens, Fundament der Kulturen zu einer Zeit, als Mythos und Logos noch nicht entzweit waren. Er eröffnet eine... Region über der rationalen, experimentellen Erfahrung, die es wieder anzueignen gilt".
    Die Nouvelle Droite ist anti-empirisch und anti-aufklärerisch.

    Die Stellung des Mythos im Kampf um die Mentalitäten ist den Theoretikern der Nouvelle Droite sehr wohl bewußt. Jaschke sieht auch die Binnenwirkung der Mythen. Für ihn sind es Mythen wie der des "'lost paradise', der Zirkeln und sozialen Bewegungen wie der Neuen Rechten Motivation und Schubkraft verleihen".
    Einer der zentralen Mythen der Neuen Rechten ist Platons Darlegung des Atlantismythos. Einen gesonderten Artikel zu diesem Thema unter dem Titel "Das Atlantidische Weltbild" finden sie in der Geschichtsrubrik dieses e-zines.


    Franz Wegener


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