Kurzkritik zu den Stücken:
• next level parzival
• Merlin oder Das wüste Land
Wenn Sie während einer Theatervorstellung die rund 2 1/2 Stunden dauert bereits nach einer Stunde das erste Mal gelangweilt auf die Uhr schauen, dann stimmt irgend etwas nicht. So geschehen während der diesjährigen Ruhr-Triennale-Aufführung „Merlin oder Das wüste Land“.
Ein Bauarbeiter findet auf einer Baustelle einen kleinen goldenen Kelch. Im Hintergrund erklingt das Gralsmotiv. Er baut sich vor einer großen Rigipswand auf und beschmiert sie mit gelber Farbe. Dann malt er mit einem Filzer auf eine andere Rigipswand den Kelch und schreibt „Der Gral“ darüber. Der handgemalte Gral bekommt noch ein paar Striche an die Seite gemalt, jetzt strahlt er wie eine Comicfigur schwitzt. Dann laufen einige in Baustellenabfälle gekleidete Gestalten wirr über die Bühne, die wohl die der Fantasie des Bauarbeiters entsprungenen Gralsritter darstellen sollen. Manchmal zerschlagen sie Steine oder Stühle. Bob, der Baumeister ist nun Merlin. Einer der Söhne des Artus, Mordred, wird während des Spiels getötet, erwürgt, um kurz darauf wieder mitzuspielen. Parzival ausgerechnet Parzival wird von einem übergewichtigen Senior gegeben, der mit einer lächerlichen Ledermütze auf dem Kopf über die Bühne torkelt. Große Teile der Handlung werden nicht etwa gespielt, sondern dem Publikum erzählt, etwa der klassische Kampf zwischen Ither und Parzival. Nette Gesangseinlagen lockern die Öde dieser blutleeren Inszenierung etwas auf. Aber das war es dann auch schon. Dass das Ensemble des NTGent es besser kann, haben sie mit der vorjährigen Glanzleistung „Das Leben ein Traum“ nach Calderón de la Barca bewiesen. Humorvolle Aperçus saßen. Auch ging das Bespielen der riesigen Maschinenhalle Gladbeck-Zweckel traumhaft locker über die Bühne. Auf Gleisen wurde der Thronanwärter damals durch die gesamte Länge der wunderschönen Halle gefahren. Auch diesmal gab es Schienen. Aber diesmal dienten sie lediglich dem einmaligen Verschieben von zwei Orgeln vom Rand in die Mitte der Bühne und wieder zurück. Wohl um das vorjährige Lob des Feuilletons dennoch erneut einheimsen zu können, laufen diesmal auch Statisten mit Aktenmappen und Bohrmaschinenkoffern über die Bühne. Einfach so und vollkommen sinnlos, so grundlos wie das Verschieben der Orgeln.
Ja, die Artus-Sage mit einem Bühnenbild des 19. Jahrhunderts und entsprechend mittelalterlichen Kostümen auf die Bühne bringen zu wollen, würde scheitern. Der Mythos will exegiert werden, muss modern verständlich in die Gegenwart geleitet werden. Das heißt aber nicht, dass die Königin in blauen Müllsäcken daher kommen muss. Wer so etwas abliefert, will den Mythos nicht darlegen, sondern will ihn brechen. Dekonstruktion aber war gestern. Leute, die so etwas inszenieren, sind überlebt. Denn heute glauben wir: Kultur ohne Kult ist leer. Leer wie diese peinliche Aufführung. Der Gralsmythos bietet eine wunderbare Arbeitsfolie für eine glaubwürdige Resakralisierung unserer geistlosen Zeit. Diese Chance wurde vertan.
Ganz anders die parallel laufende Ruhr-Triennale-Produktion next level parzival. Hier wurde der Grals-Mythos korrekt exegiert und glaubhaft in die Gegenwart gehoben. Die Schauspieler auch des jungen theaters basel, Raphael Brunner, Ian Purnell, Tobias Koch, Marco Jenni, Judith Cuénod, Moira Gillieron, Anat Treubig, Lorenz Baumgarten, Salome Bessenich, Andrea Bettini, Julian Grsenz, Erik de Quero, Sarah Speiser, Linda Werner, Hans Jürg Müller, Renate Jett und als Parzival Sandro Tajouri bieten eine fantastische Leistung, sie spielen authentisch, kraftvoll und erotisch. Authentisch, weil 16-jährige Jugendliche LAN-Rollencomputerspiel-Clan-Mitglieder spielen - also sehr wahrscheinlich sich selbst. Kraftvoll, weil ihre Avatare, ihre Stellvertreter in der virtuellen Welt des Spiels, tatsächlich kraftvolle junge Männer und Frauen sind so wie sich das für Ritter und Edeldamen gehört. (Wer im Mittelalter 50 wurde so wie der Parzival-Darsteller in „Merlin“ - galt angesichts der allgemeinen Lebenserwartung bereits als scheintoter Greis und tummelte sich selten auf Schlachtfeldern.) Kraftvoll auch, weil all ihre körperlichen Aktionen von schlagenden Soundeffekten begleitet werden, so wie es sich für ein Computerspiel gehört hier mit Riesenboxen kraftvoll verstärkt. Erotisch, weil das pubertäre Werben der Real-Life-Personen umeinander ungemein romantisch-naiv herüberkommt und auch die Kostüme den erotischen Aspekt der Aufführung gekonnt unterstützen: Leichte SM-Anleihen im Outfit der Damen und die satt-schwarzen Matrix-Uniformen der Kämpfer wirken.
next level parzival vermag den Mythos in die Gegenwart zu führen, weil die Weltflucht in eine virtuelle Realität stets neben dem Spielaspekt also dem Probeleben auch eine gnostische Komponente trägt. Der Spieler ist vorübergehend der harten Realität mit all ihren täglichen Demütigungen entbunden, er hat mehrere Leben, ist mit Hilfe von Cheats oft sogar unsterblich und allmächtig, oder altmodisch ausgedrückt: göttlich. Der Aufbau virtueller Welten dient wie alle Technik in erster Linie einer Enthärtung der weil schmerzbereitend als teuflisch empfundenen Materie und bietet eine Fluchtoption in eine beliebig digital formbare, ideele Umwelt, in der sich die Spieler als Gott gerieren können. Sherry Turkle (Wunschmaschine, 1986) und Eric Davis (Techgnosis, 1999) haben schon früh auf diese religiösen Aspekte der Computerkultur verwiesen; Sören Ingwersen (Sonnenkind, 2002) hat diesen Aspekt speziell für die Genese digitaler Lebensformen aus mystischen Quellen auch unter Rückgriff auf meine Arbeit über das atlantidische Weltbild weiter ausgebaut.
Der Autor von „2001: Odyssee im Weltall“, Arthur C. Clarke, formulierte angesichts der technischen Entwicklungen: „Jede hinreichend fortgeschrittene Technik ist ununterscheidbar von Magie.“ Das ist es, was den fließenden Übergang vom goldenen Feenstaub zum Tastaturen-Zerschlagen in next level parzival nicht etwa lächerlich erscheinen lässt, sondern folgerichtig.
Kompliment an die Macher hinter next level parzial, da ist ihnen nicht einfach nur ein gutes Theaterstück gelungen, sondern ein richtiger Geniestreich. Es bleibt zu hoffen, dass die Aufführung als TV-Aufzeichnung über kurz oder lang auch den Weg in eine größere Öffentlichkeit findet.
Übrigens: Das einzige Stück Technik, dem ich während der Aufführung von next level parzival keine Sekunde meiner Aufmerksamkeit schenkte, war meine Armbanduhr /end
Franz Wegener, stellvertr. Vorsitzender des KFVR
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