Netzkulturen in den USA und Deutschland - Ein Vergleich

von Werner Habel

   

Von Werner Habel


Das Internet als Massenkommunikationsmedium steckt weltweit noch in seinen Kinderschuhen. Doch bereits ein oberflächlicher Vergleich europäischer und US-amerikanischer Verhältnisse macht ein Ungleichgewicht im Fortschritt der Verbreitung deutlich. Wo die Ursachen dafür liegen, zeigt die Betrachtung der Unterschiede im telekommunikativen Alltag der Menschen, die Zugang zur notwendigen, medialen Infrastruktur haben.


Netzkultur in den USA


Telekommunikation wird in den USA subjektiv als freies, öffentliches, immer und ( nach Zahlung der Grundgebühr) unbegrenzt verfügbares Gut, ähnlich der Wasser- und Stromversorgung begriffen, nicht als die bedingte, kommerzielle Dienstleistung, die sie de facto ist. Auf zwischenmenschlicher Ebene sind stundenlange, in Einzelfällen sogar tagelange Telefongespräche die Regel. Die soziokulturellen Bindekräfte die so entstehen und dem positiven Allgemeintrend der Individualisierung ein gesellschaftserhaltendes, komplementäres Regulativ hinzufügen, können wegen ihrer Bandbreite nur als Denkanstoß angedeutet werden.
In ihrer zweiten Form, der vielfältigen Nutzung des Internets, unterstützt Telekommunikation gerade die angesprochene Individualisierung, indem sie Information entkörperlicht, weltweit verfügbar macht und ihre Pluralität und Divergenz transparent werden läßt.
Auch hier zeichnet sich das US-amerikanische Nutzungsverhalten tendenziell durch ständiges online sein aus.
In beiden Bereichen ist Telekommunikation selbstverständlicher Alltag, nicht Ausnahmesituation. Sie kann zweckgebunden sein (Geschäftsgespräch, Online-Recherche), kann aber auch Selbstzweck, ja Freizeitbeschäftigung sein ("Chatten", in seiner realen und virtuellen Form) und damit sogar zu einem unverzichtbaren Bestandteil der empfundenen Lebensqualität werden. Der Umgang mit den zur Verfügung stehenden Medien ist kreativ, produktiv und lustvoll. Die tendenzielle Kongruenz, die Übereinstimmung, des Nutzungsverhaltens in beiden Bereichen führt über die Bildung von immer mehr Interdependenzen zur letztendlich vollkommenen Verschmelzung dieser Bereiche.
Da beide Bereiche soziokulturell ubiquitär, also überall, sind, ist das Produkt dieses Prozesses eine Massenkultur, die von den Anstößen, die das Netz gibt, ganzheitlich durchdrungen ist: Die Netzkultur.
Die Netzkultur ist mehr als der formale Zusammenschluß von Telefon und Internet. Sie ist gleichzeitig soziales Bindemittel und individuelles Mutamem. Im gleichen Maße, indem sie kommunikative Distanzen zwischen Individuen abbaut oder durch ihre bloße Präsenz verhindert, damit eine in allen Dimensionen grenzenlose Kommunikation ermöglicht, aufbaut und erhält, hält sie die Paradigmen dieser Individuen im Prozeß ständiger Weiterentwicklung. Beide Prozesse bedingen einander, erhalten einander, treiben einander voran. So erschließt die Netzkultur der menschlichen Spezies evolutionäre Potentiale von großem Ausmaß, die nicht prognostiziert, nur dokumentiert werden können.


Netzkultur in Deutschland


Nicht nur, wird Telekommunikation in Deutschland als bedingte, kommerzielle Dienstleistung begriffen. Sie hat in diesem Land alle Charakteristika eines durch hohe Kosten für einige Bevölkerungsgruppen exklusiven und de facto rationierten Luxusgutes. Obwohl Telekommunikation hier sowohl im Bereich der Telefonie, als auch im Bereich des Internets, funktional den vollen, aus den USA bekannten Leistungsumfang bietet und auch das allgemeine Nutzungsverhalten beider Bereiche hier ebenso kongruent zueinander ist, wie dort, steht doch eben dieses Nutzungsverhalten deshalb im krassen Gegensatz zur Situation in den USA. Telekommunikation findet hier taktgehetzt nur in Kurzzeitintervallen statt, nie ausschweifend spielerisch. Sie ist fast ausschließlich zweckgebunden und zielgerichtet. Zweckfreie Nutzung findet, an US-amerikanischen Maßstäben gemessen, in keinem nennenswerten Maß statt. Durch den Mangel an Spiel und zweckfreien Nutzungsformen kann die Telekommunikation auf zwischenmenschlicher Ebene keine wirksamen soziokulturellen Bindekräfte entstehen lassen. Durch den ausschließlich ziel- und zweckgerichteten Nutzungsansatz, wird die Zugriffsoption auf die vom Internet angebotene Transparenz von Informationspluralität und Informationsdivergenz eingeschränkt.
Damit fällt die Relativierung individueller Denkmuster weg, wird die individuelle Selbstisolation gefördert, zu der kein gesellschaftserhaltenes Regulativ angeboten werden kann. Trotz der auch hier tendenziellen Kongruenz, der Übereinstimmung, des Nutzungsverhaltens in beiden Bereichen können ohne ausreichende zweckfreie Nutzung nicht genügend Interdependenzen, Verbindungen, geschaffen werden, um beide Bereiche letztendlich zu verschmelzen. Es kann keine Massennetzkultur entstehen: Kommunikative Distanzen zwischen Individuen können nicht überbrückt werden. Individuelle Paradigmen, Weltbilder, bleiben isoliert und statisch. Evolutionäre Potentiale bleiben unerschlossen.


Ökonomische Bedingungen


Wie bereits angedeutet, sind die beschriebenen Unterschiede im telekommunikativem Nutzungsverhalten Deutschlands und der USA abhängig von der subjektiven Wahrnehmung der Medien und ihrer Verfügbarkeit. Diese Wahrnehmung wird in beiden Fällen von den ökonomischen Nutzungsbedingungen der Kommunikationsmedien bestimmt.


USA


Das beherrschende Gebührenprinzip der us-amerikanischen Telefongesellschaften ist auf regionaler Ebene, die "flat monthly fee", die monatliche Pauschalgebühr. Für einen festen, monatlich zu zahlenden Betrag von ca. $ 19. 95, kann man unbegrenzt lange, unbegrenzt viele Ortsgespräche führen. Da Internet-Service-Anbieter auch in den USA vor allem auf regionaler Ebene agieren, wirkt sich dieses Prinzip auf alle Formen der Telekommunikation, einschließlich der Nutzung des Internets aus. Wer hier telekommuniziert, tut es ohne das Bewußtsein der entstehenden Kosten, weil deren Höhe von Häufigkeit und Dauer der Telekommunikation unabhängig ist und gleich bleibt. Das Telekommunikation überhaupt Kosten verursacht, ist nur durch die monatliche Abrechnung nachvollziehbar. Aus dieser Situation entsteht die subjektive Wahrnehmung von Telekommunikation als einem freien, öffentlichen, immer und unbegrenzt verfügbaren Gut. Das ist die Grundlage für den kreativen, produktiven und lustvollen Umgang mit den zur Verfügung stehenden Medien. Das ist die ökonomische Bedingung der Netzkultur

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Deutschland


In Deutschland stehen alle Formen der Telekommunikation unter der Diktatur des Gebührenzeittaktes. Im besten Fall, werden alle 4 Minuten, im schlimmsten Fall, alle 90 Sekunden (!) 12 Pfennige für eine Ortstarif-Verbindung über einen stationären Anschluß berechnet. Mobile Verbindungen werden ebenfalls zeitabhängig abgerechnet und verursachen bei gleicher Dauer ein Vielfaches dieser Kosten. Diese Bedingungen schaffen im telekommunikativen Alltag einen ständigen, bewußt empfundenen Zeitdruck unter dem das Internet nicht als Chance, sondern nur als zusätzlicher Kostenfaktor empfunden werden kann. An einen kreativen, produktiven, geschweige denn lustvollen Umgang mit den zur Verfügung stehenden Medien ist wenn überhaupt, nur als teuren Luxus zu denken. Das ist die ökonomische Bedingung, die die Entstehung einer Netzkultur praktisch unmöglich macht.
Die Tatsache, daß Telekommunikation im Allgemeinen und Internetnutzung im Besonderen, in Deutschland die Charakteristika eines teuren Luxusgutes hat, macht die Frage nach den sozio-ökonomischen Dimensionen dieser Tatsache interessant. Am Anfang dieses Textes ist das telekommunikative Nutzungsverhalten in Deutschland als momentan, nie kontinuierlich, fast immer zweckgebunden und zielgerichtet beschrieben worden. Zweckfreie Nutzung ist die Ausnahme. Dabei ist das Nutzungsverhalten in den Bereichen Telefonie und Internetnutzung tendenziell kongruent, bei einem gleichzeitig, im direkten Vergleich deutlich größeren Volumen der Telefonie.
Dieses Ungleichgewicht hat seine Ursache im zeitlichen Entwicklungsvorsprung der Telefonie im deutschen Telekommunikationsmarkt. Während eines unter staatlichem Monopol im Vergleich noch moderaten Preisdrucks konnte sich die Telefonie gerade noch als einziges verfügbares Medium etablieren. Doch dieser Preisdruck war zu groß, als das sich das Internet als ein zusätzliches, die Telefonie um neue Dimensionen erweiterndes Medium in den Markt hätte einführen können. Statt dessen wurde das Internet durch diesen Druck in einen Verdrängungskampf mit der Telefonie gezwungen, in dem das eine Medium nur soweit genutzt werden kann, wie auf die Nutzung des anderen verzichtet wird. Da das Internet die Dienste der Telefonie bis jetzt nur ergänzen, aber nicht ersetzen kann, muß es hier scheitern. Die zeitgleich mit dem Bekanntwerden des Internets in Deutschland einsetzende Verschärfung des telekommnikativen Kostendrucks vermochte das Volumen der Telefonie nur zu schmälern. Die Chance auf eine gesamtgesellschaftliche Verbreitung des Mediums Internet, wurde durch das Agieren der Telekom stark geschmälert und in der Entwicklungsperspektive zeitlich um Jahre zurückgeworfen.
Zurück zum kommunikativen Nutzungsverhalten. Kann dieses Verhalten unter den beschriebenen, ökonomischen Bedingungen auch gesamtgesellschaftlich kongruent sein? Oder entwickeln sich unter diesem Einfluß, graduelle, schichtspezifische Unterschiede?
Weil Telekommunikation in den USA aus den beschriebenen Gründen subjektiv als ein uneingeschränkt frei verfügbares Gut empfunden wird, ist zu erwarten, daß das telekommunikative Nutzungsverhalten hier gesamtgesellschaftlich kongruent ist. Die Netzkultur ist hier tendenziell eine Massenkultur.
Weil Telekommunikation in Deutschland ein teures Luxusgut ist, ist anzunehmen, daß sich graduelle, schichtspezifische Unterschiede im gesamtgesellschaftlichen Nutzungsverhalten in dem Maße entwickeln, in dem einzelnen Schichten finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, um den ökonomischen Druck zur zweckgebundenen und zielgerichteten Telekommunikation zu senken und eine zweckfreie, kreative und lustvolle Nutzung als zusätzlichen Luxus zu finanzieren. Auch gruppenspezifische Unterschiede sind durch soziale Gruppen zu erwarten, deren Mitglieder bereit sind, in dem Maße auf andere Güter zu verzichten, in dem sie in das Luxusgut Telekommunikation investieren. Innerhalb solcher Schichten und Gruppen können sich exklusive Infoeliten entwickeln. Ihre beschriebenen Potentiale als soziale Bindemittel und individuelle Mutameme, bleiben in den Grenzen dieser sozialen Einheiten isoliert, werden in ihnen verbraucht und bleiben weitestgehend gesamtgesellschaftlich irrelevant. Damit wird die Chance einer gesamtgesellschaftlichen Befruchtung mit der Informationsvielfalt, die das Internet bietet, stark eingeschränkt.


Der Einfluß politischer Institutionen in den USA


Obwohl das Dienstleistungsprodukt Telekommunikation in den USA für lange Zeit ein Monopol des AT&T-Konzerns war, ist dieses Monopol bereits 1982 von der US-Behörde FCC (Federal Communication Commitee = Bundes-Kommunikations-Kommitee) mittels gesetzlicher Kontrollrichtlinien wirksam entkernt worden und einem marktwirtschaftlichen Wettbewerb nachgefolgter Klein- und Kleinstanbieter gewichen.
Das FCC sorgt seitdem für die Einhaltung der eingeführten Richtlinien durch die Marktteilnehmer. Eine dieser Richtlinien ist die schon beschriebene "flat monthly fee", de facto ein gesetzliches Instrument, um die allgemeine Grundversorgung mit dem Produkt Telekommunikation sicherzustellen. Der Boom des Internet bringt US-Telefongesellschaften in der Hoffnung auf höhere Profite jetzt dazu, das FCC um die Ablösung der "flat monthly fee" durch ein zeittaktabhängiges Abrechnungssystem zu bitten, vergleichbar mit der bundesdeutschen Praxis. Sie bringen das zweifelhafte Argument vor, die im Durchschnitt halbstündigen Internet-Sitzungen würden das Telefonnetz unhaltbar mehr belasten, als die im Durchschnitt fünfminütigen Telefongespräche. Diese Mehrbelastung erfordere einen massiven Ausbau des Netzes, der nur durch ein höheres Gebührenaufkommen zu finanzieren sei.
Die bereits zu Anfang dieses Textes festgestellte, tendenzielle Kongruenz im us-amerikanischen Nutzungsverhalten in den Bereichen Telefonie und Internet, entzieht dieser Argumentation die logische Grundlage. Der massiv vorgetragene Widerstand der us-amerikanischen Netzkultur gegen die Bestrebungen der Telefongesellschaften hat das FCC dazu bewogen, bis auf weiteres, alles beim alten zu lassen. Obwohl man ihm den Erhalt der Netzkultur nicht als Motivation nachweisen kann, ist das FCC seinen Aufgaben der Schaffung und Sicherung von gesetzlichen Rahmenbedingungen für den Telekommunikationsmarkt hier beispielhaft nachgekommen.


Der Einfluß politischer Institutionen in Deutschland


Die einzige Entwicklung, die der deutsche Telekommunikationsmarkt in seiner bisherigen Geschichte durchgemacht hat, ist die vom staatlichen Monopol Telekom zum privaten Monopol Telekom. Das deutsche Bundespostministerium war an dieser Entwicklung zuerst als alleiniger und erst seit kurzem als teilhabender Profiteur beteiligt, nie als eine unabhängige, übergeordnete Kontrollinstanz des (nicht vorhandenen) Marktes.
Deshalb hat hier mit Beginn der Deregulierungsphase der politische Wille zur Sicherstellung der allgemeinen Grundversorgung mit dem Produkt Telekommunikation existiert, wohl aber der Wille zur größtmöglichen Profitmaximierung. Das Prinzip des Gebührenzeittaktes ist die logische Konsequenz. Wenn das Bundespostministerium Ende 1997 endgültig aufgelöst wird, ist jede Chance für ein deutsches Pendant zum FCC und damit für die Schaffung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen für den Kommunikationsmarkt vertan. Es bliebt zu hoffen, daß die anlaufende Deregulierung langfristig den erhofften Preissenkungssegen bringt. Aber die Zeichen der Zeit verheißen anderes: Die 1998 auf den Markt drängenden, privaten Konkurrenten der Telekom werden ein allgemeines Bewußtsein vorfinden, in dem das Prinzip einer monatlichen Pauschalgebühr nicht einmal als theoretische Alternative vorkommt.
Deutschland ist das einzigartige Beispiel für einen Kommunikationsmarkt dessen Bewußtsein durch ein Monopol derart nachhaltig pervertiert wurde, daß seine Pluralisierung die Versklavung der Kunden durch das Monopol nicht aufbricht, sondern zumindest vorübergehend in die Versklavung durch ein oligopolistisches Preiskartell umwandelt: Die bisher bekannten Tarifkonzepte ihrer zukünftigen Konkurrenten verwerfen das Gebührenzeittaktkonzept der Telekom nicht, sie verschärfen es. Unter dem Vorwand "gerechterer" Abrechnung, wird der über die Gebühren auf das telekommunikative Nutzungsverhalten ausgeübte Zeitdruck noch einmal immens wachsen, wird der kontinuierliche und kreative Umgang mit telekommunikativen Medien und damit letztlich die Entstehung einer deutschen Netzkultur noch unmöglicher gemacht.
Es gibt keine gesetzlichen Rahmenbedingungen, die die neuen Anbieter in der zur Zeit entscheidenden Phase der Interneteinführung vorübergehend zu gesamtgesellschaftlich sinnvollen Tarifkonzepten wie der monatlichen Pauschalgebühr zwingt. Die letzte Chance für den Anschluß Deutschlands an die Netzkultur liegt in US-amerikanischen Anbietern, die via Satellitenverbund auf den deutschen Markt drängen, ohne sich den Gegebenheiten dieses Marktes anzupassen. Statt dessen müssen sie die Chancen auf immense Wettbewerbsvorteile erkennen und die US-amerikanischen Gegebenheiten auf Deutschland übertragen.
Der deutsche Telekommunikationsmarkt ist unfähig zur Selbstheilung. Die Befreiung wird einmal mehr von außen kommen müssen.


Werner Habel


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