Die Pflanze Weihnachtstern in Marokko
 

Man in Black
oder: Die Sterne sind so schön!

Werner Habel

   

Die Geschichte der Männer in Schwarz handelt von K (trockener als der beste Martini: Tommy Lee Jones) und J (gewohnt unterirdisch: Will Smith). Bei den beiden handelt es sich um Agenten der MiB (Men in Black), einer geheimen, US-amerikanischen Einwanderungsbehörde für Außerirdische. Die MiB haben es nicht leicht. Seit 1950 sorgen sie unter strengster Geheimhaltung 36 (!) Stunden täglich dafür, daß die Menschheit, ohne es zu wissen, friedlich mit Tausenden von Aliens zusammenlebt, die als Schauspieler (Sly!), Möpse oder Michael Jackson ("lausige Tarnung") die Erde besuchen. Elvis ist übrigens nicht tot, "er ist nur nach Hause gegangen". Während man seinen Taxifahrer für ein Wesen vom anderen Stern hält, kann der unscheinbare Katzenliebhaber von nebenan, Botschafter einer fremden Zivilisation sein. Wer den MiB und ihrem Geheimnis auf die Schliche kommt, dem wird per "Neutralisator" die Erinnerung weggeblitzt. Wie gesagt, keine leichte Aufgabe. Schon gar nicht für Agent K. Seit seiner Jugend bei den MiB hatte er nie ein Privatleben. Aus einem Blumenstrauß für seine Liebste machte das Schicksal, das Willkommensgeschenk für den ersten Alien seines Lebens. Jetzt scheidet auch noch sein ältlicher Kollege per Erinnerungs-Flash aus dem Dienst um die "Schönheit der Sterne" zu genießen und K ist gezwungen mit dem vorlauten Newcomer J einen Amok laufenden Alien zu jagen, der einen Krieg der Welten heraufbeschwören will.

Special Effects haben sich zu Segen und Fluch des SF-Genres der 90'er Jahre entwickelt. Einerseits verleiht der Computer Autoren und Regisseuren gleichermaßen immer neue, ungeahnte Ausdrucksmittel. Allerdings wächst auch der Druck, sich gegenseitig im Einsatz dieser Mittel zu übertreffen und sei es auf Kosten der Charakterzeichnung und der Storyline. In immer mehr Filmen werden Darsteller und Handlung zur bloßen Staffage für immer aufwendigere, immer spektakulärere Effekt-Gewitter ohne dramatischen Zusammenhang und Sinn degradiert. Neustes, wahrscheinlich nicht letztes Beispiel für diesen Trend: "Jurassic Park - Lost World" dessen Untertitel mit "DINOS! Now 60% More!!", inhaltlich sicher besser gewählt gewesen wäre. Hier kehrt die Kunstform Kino zu ihren Anfängen als laute und leere Jahrmarktsattraktion der letzten Jahrhundertwende zurück, vergleichbar mit der Dame ohne Unterleib. Die Essenz von Meisterwerken wie "Star Trek", "2001 - Odyssee im Weltraum" und "Blade Runner", daß auch und gerade SF, Botschaften und Visionen vermittelt, scheint vergessen. Fast: Auch wenn der direkte Vergleich mit oben genannten Klassikern sinnlos wäre, bietet "Men in Black" doch weit mehr, als bloße Effekthascherei. Die Story wird von "Addams Family"-Regisseur Barry Sonnenfeld mit dem ihm eigenen dunkelgrauen Humor ohne Zynismus und mit Liebe zum Detail in Optik und Story erzählt. Ja, hier gibt es eine Story und ja, sie hat eine Botschaft.

Zwar bekommt - wer 's braucht - auch hier wieder massenhaft perfekt gerenderte Aliens und futuristisches HiTec-Arsenal von Industrial Light & Magic geliefert, aber MiB haut einem das Ganze nicht wie sonst üblich in stroboskobartiger Hektik um die Augen, sondern macht es zum unaufdringlichen Fundament der Handlung. Will Smith spielt mal wieder nur sich selbst, als Kompromiß des Films an die "Just Do It"-Jugend Amerikas und der Film wird scheinbar aus seiner Perspektive des MiB-Neulings erzählt. Eigentlich erfüllt Smith aber nur zwei erzähltechnische Funktionen. Er gibt Agent K und dem MiB-Chef Z (düstere Vaterfigur: Rip Torn) die Stichworte für ihre tiefgekühlten Oneliner und den Zuschauern das Gefühl, daß es immer noch einen gibt, der weniger durchblickt als sie selbst.

Weder er, noch die Aliens, sind die eigentlichen Stars. Das sind uneingeschränkt die MiB. Anders als in den "X-Files" sind sie hier nicht die Vollstrecker einer düsteren Staatsverschwörung, sondern tief erfüllt von der Achtung für alles Leben im Kosmos, für das sie einmal sogar die Geburtshelfer spielen. Sie vollbringen die Leistung, die von Ideologien zerrissene Menschheit in eine kosmisch-multikulturelle Gemeinschaft einzubinden. Daß diese Gemeinschaft vor uns geheimgehalten werden muß, wirft die Frage auf, wer hier vor wem geschützt werden soll. Schützen die MiB uns vor der Erkenntnis, nicht allein zu sein im Universum oder schützen sie das Universum vor unserer Ignoranz?

In der Schlußeintstellung verläßt die Kamera das Geschehen auf der Erde und zoomt raus ins All. Auch die Galaxien werden zunehmend kleiner, bis die Kamera den Sitz unseres Alls offenbart: Unser Universum befindet sich innerhalb eines Golfballes, mit dem Außerirdische ihr Grün traktieren. Diese makrokosmische Zoomfahrt findet ihre mikrokosmische Entsprechung in der Szene, in der eine Katze in New Yorks Straßen an ihrem Halsband eine Glaskugel ausführt, in deren Inneren sich ebenfalls eine Galaxie befindet. Makrokosmos, Mikrokosmos: Ein Thema, das insbesondere die Astrologie beschäftigt, unterstellt sie doch die innige Verquickung von makrokosmischen Sternenläufen mit unseren mikokosmischen Stoffwechselabläufen. Ein Thema, daß Epikur meinte abschließend mit Demokrits These der kleinsten un-teilbaren Teilchen, den A-tomen gelöst zu haben und damit vermeintlich einen Schlußstrich zog: Unter den Atomen sei da Nichts. Existieren dennoch Welten auf subatomarer Ebene? Unmöglich scheint es nicht, denn Epikur wurde mit der Entdeckung von Quarks & Co. bereits mehrfach eines Besseren belehrt. Auch findet die Kontrastierung der Astrologie - hier All, da Mensch - heute in der Biologie ihre Erweiterung: Sie sieht den Menschen eher als symbiotischen Cluster diverser Mikroorganismen - von dem magenbesiedelnden E-Coli-Bakterium bis hin zu den Mitochondrien. Mikroorganismen, die sich lediglich ob der Synergieeffekte ihres gemeinsamen Agierens zu einer Kooperation zusammengerauft haben. Von der eher mikrokosmischen Libelle im Vorspann, die den Film unvermittelt in Gang bringt, bis zum makrokosmischen Murmelspiel, das ihn in die Unendlichkeit führt, ist der Film eine ironische Reflexion über die Einheit der kleinen und großen Dinge im Allgemeinen, sowie des Menschen und des Alls im Besonderen.

Was bleibt, ist die Schönheit der Sterne...


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