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Es war einmal ein junges Mädchen, das lebte fern der großen Stadt am Waldesrand in einem schönen alten Haus, das von Efeu ganz zugewachsen war und über dessen Fenstern wie ein verträumter Schleier Ranken von roten Wildrosen hingen. Es lebte dort ganz allein mit seiner Mutter und deren Mutter. Sie versorgten die vielen Tiere im Stall, zogen Gemüse und saßen abends gemeinsam am Spinnrad, um Wolle zu spinnen, womit sie sich ein paar Taler dazuverdienten. Von Zeit zu Zeit - wenn es die Arbeit erlaubte - ging das Mädchen, das übrigens Gretel hieß, in den Wald hinein und besuchte die wilden Tiere, um mit ihnen einen Plausch zu halten und sich gegenseitig kleine Geschenke zu machen. Eines Tages hielt die Mutter die Zeit für gekommen, daß Gretel auf Wanderschaft ginge und ihr Glück in der Fremde versuche. Also schnürte Gretel ein kleines Reisepaket, zog ihre Wanderschuhe und ihre Wolljoppe samt -hosen an und bewegte sich der Morgendämmerung zu - natürlich nicht, ohne sich vorher von ihren Freunden im Wald zu verabschieden. So durchquerte sie viele fremde Länder und Städte und begegnete vielen Menschen, die ihr mal mißtrauisch, mal aufgeschlossen gegenübertraten. Aber nirgendwo hielt sie es lange, denn sie spürte, daß sie ihr eigentliches Ziel noch nicht erreicht habe. Eines Nachts, wie sie in einem kleinen moosbewachsenen Verschlag eingenickt war, erschien ihr eine winzige, wundersame Fee, mit einem lustig anzuschauenden Backwerk in der Hand, das Gretel nie zuvor gesehen hatte. Bevor sie etwas sagen konnte, wies die kleine Fee gen Himmel - und wie Gretel hinaufsah, erblickte sie eine Sternschnuppe, die weit hinter den Bergen niederging. Als sie am nächsten Morgen aufwachte, wußte sie plötzlich, daß ihr Ziel irgendwo hinter den Bergen war, und sie ging los aufs Geratewohl. Als sie viele Tage und Nächte gewandert war, erblickte sie auf einer Waldeslichtung ein kleines Haus, das offenbar nur aus großen flachen, bunt gespickten Plätzchen bestand. Sie trat zur Tür herein und traf auf eine große, forsch dreinblickende Frau, die ein riesiges Blech mit frischem Teig in den Backofen schob. Bevor Gretel etwas sagen konnte, sah sie ihr geradewegs ins Gesicht und sprach: "Ach, wie schön! Da bist du ja! Ich bin die einzige Lebkuchenbäckerin weit und breit und suche schon lange einen Lehrling, der mein Handwerk weiterführt." Nun also lernte Gretel das Lebkuchenhandwerk und lebte lange Jahre mit ihrer resoluten Lehrmeisterin zusammen, die in dem jungen Mädchen eine kluge und geschäftige Schülerin fand. Und als diese so alt war, daß sie keine Lust mehr zum Backen hatte, trat Gretel in ihre Fußstapfen und wurde als Lebkuchenbäckerin weithin bekannt. Vielleicht lebt sie heute noch dort und backt ihre Lebkuchen. Und wenn du sie mal besuchen gehst - wer weiß, vielleicht braucht auch sie wieder einen Lehrling. Eva-Maria Stuckel |
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