Hysterische Epidemien - Wie Psychokrankheiten erfunden und vermarktet werden

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Eine Buchrezension von Franz Wegener

Die Medizinhistorikerin und Literaturwissenschaftlerin Elaine Showalter hat mit ihrem Buch "Hystorien - Hysterische Epidemien im Zeitalter der Medien" eine These entwickelt.

Es geht um die These, daß es sich bei vielen von modernen Krankheiten geplagten Menschen um durch möglichen sozialen Abstieg, durch den Verlust religiöser Sinnsysteme oder auch durch mangelhafte soziale Beziehungen innerhalb der modernen Gesellschaft verängstigte Personen handelt, die ihren psychischen Ängsten in körperlichen Symptomen einen gesellschaftlich eher akzeptierten Ausdruck verleihen möchten, kurz: Daß es sich bei ihnen um Hysteriker handelt. Hysterie war in der Vergangenheit eine Diagnose, die vor allem Frauen betraf, denen nachgesagt wurde, daß sie durch ihre häusliche Position daran gehindert würden in entsprechenden beruflichen Herausforderungen oder Grenzerfahrungen ihren Gefühlen und Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen. Hysterie kann so auch als Protosprache verstanden werden, als Versuch nichtverbalisierbaren Nachrichten körperlich Ausdruck zu verleihen, indem der "Anschein" von Krankheit erzeugt wird. Showalter nennt als Beispiele moderner Hysterien das Chronische Müdigkeitssyndrom, das Golfkriegssyndrom, angebliche wiedergewonnene Erinnerungen im Rahmen von Kindesmissbrauch, Phantasien von Entführungen durch Außerirdische, angebliche Multiple Persönlichkeiten und Ritualmißbrauchserzählungen durch satanische Sekten usw.

Die Genese einer solchen Hysterie verläuft nach Showalter stets ähnlich: Eine Einzelperson leidet womöglich tatsächlich an einem bestimmten körperlich bedingten oder auch einem von ihr frei erfundenen Symptomkatalog. Ein an Einkommen und Karriere interessierter Psychologe, Arzt, Historiker oder anderer Experte erstellt aufgrund des Prototypen einen Kriterienkatalog. Schließlich hat sich etwa in den USA zwischen 1975 und 1990 die Zahl der klinischen Psychologen fast verdreifacht - ganz zu schweigen von den noch größer ausgefallenen Steigerungen im Bereich der Sozialpädagogen und Familienberater. Eine künstliche Steigerung der Nachfrage ist sicherlich von geschäftsförderndem Vorteil. Über die moderne Medienlandschaft verbreitet sich die Idee von der neuen "Krankheit" innerhalb kürzester Zeit. In den Neunziger Jahren ist hier insbesondere das Internet von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Verängstigte Laien, häufig mit einer Abneigung gegenüber "Psychokrankheiten", nutzen die Gelegenheit, ihre psychisch bedingten Ängste auf die neue Projektionsfläche zu werfen. Der Vorteil: Die Projektion auf ein offenbar vielen eigenes, angeblich körperliches Gebrechen entbindet von der ansonsten von ihnen unterstellten eigenen Verantwortung für die Entstehung ihrer Ängste - die es zudem bei den Männern erst gar nicht geben darf. Aus dem Kriterienkatalog des Prototypen reichen wenige Übereinstimmungen, um angesichts des übermächtigen Bedürfnisses nach einer Projektionsfläche für die eignen Ängste und Wirrungen über einen Aha-Effekt den Me-Too-Effekt zu erzielen: Das bin ich auch. In einem zweiten Schritt wird dann die eigene Kindheitsgeschichte oder die Betrachtung des eigenen aktuellen Verhaltens so umgeschrieben und umgeformt, daß sie dem Kriterienkatalog weitestgehend konform wird. In einem dritten Schritt beginnen die Solidarisierung und der Zusammenschluß mit anderen "Betroffenen". Der Experte und seine Schüler erhalten so neue Fallbeispiele und damit neue Belege für die These von einer neuen Krankheit. Betroffene und Experten bestätigen sich so in einem Kreislauf gegenseitig, bis die neue Krankheit auf allgemeine Anerkennung trifft. Das kann im Einzelfall dazu führen, daß Betroffene einen großen Teil ihrer Freizeit in die Verbreitung der Idee von der neuen Erkrankung investieren - schließlich entlastet eine breite Anerkennung das Individuum - und die "Krankheit" so nach und nach zu einem eigenen, neuen Lebensstil führt. In einem vierten Schritt sorgt die begleitende Psychoratgeber-Literatur für ein "menschliches" Antlitz der neuen "Krankheit", indem sie der geneigten Klientel echte oder nach dem Kriterienkatalog frei modelierte Fallbeispiele vor Augen führt. Die Beispiele sind so gewählt, daß sich nach Showalter - ähnlich dem Horoskopsystem - möglichst viele Menschen in den Beispielen wiederfinden können. Zugleich prägt die Wiederholung der Symptome am anschaulichen Beispiel die "notwendigen" Verhaltensmuster in das Gedächtnis der Lesenden ein. In der Literatur finden sich in der Regel auch abenteuerliche Angaben über die angebliche Zahl der Betroffenen. Sie können auf Hochrechnungen von Stichprobenbefragungen oder schlicht auf persönlichen Schätzungen der Autoren beruhen. Die Zahlen unterstützen den Wunsch der Betroffenen ihre Symptome in einem verbreiteten und damit zugleich gesellschaftlich anerkannten, legitimen Rahmen zu leben. Die Betroffenen entwickeln häufig die unschöne Tendenz, Experten, die andere Meinungen äußern oder nicht bereits sind, sich auf das Verstärkungssystem einzulassen, zu Feinden zu erklären. Es kommt zum Solidarisierungseffekt gegen "die da draußen", schließlich bedrohen Kritiker die inzwischen glücklich gefundene, neue Identität als Betroffener. Durch die Massenmedien kann sich die Idee der "Krankheit" so massiv fortpflanzen, daß sie schließlich Millionen von Menschen infiziert - sie wird zur psychischen Epidemie. Nun stimmen die Angaben über die Zahl der Betroffenen und die entsprechenden Psychoratgeber werden zu Bestsellern. Das Problem: Wird die Diagnose einer Modekrankheit durch einen Betroffenen zu schnell akzeptiert, wird womöglich die Suche nach einer ganz anderen, medizinisch faßbaren Krankheit eingestellt. Die Folge: Eine Therapie der tatsächlichen Krankheit unterbleibt - mit allen denkbaren Konsequenzen.

Showalter argumentiert, daß die diversen Epidemien sich häufig überschneiden: Der Traum von den sexuellen Experimenten durch Außerirdische wird als Erinnerung an einen frühen Kindesmißbrauch definiert. Oder die Erinnerung an einen frühen Kindesmißbrauch wird umgekehrt als Beweis für eine frühe Entführung durch Außerirdische gedeutet. Der Kindesmißbrauch wiederum bedingt bei der Betroffenen die Genese einer Multiplen Persönlichkeit, um der Mißbrauchserinnerung zu entkommen. Die Golfkriegsteilnehmer leiden unter dem Chronischen Müdigkeitssyndrom und so weiter.

Das Problem: Hysterische Epidemien verbindet der Hang ihrer Träger zu paranoidem Mißtrauen, Panik und daraus resultierenden Hexenjagden. Oft haben die Epidemien daher konkrete politische, finanzielle und strafrechtliche Auswirkungen auf unbeteiligte Dritte - seien es nun Hexen, mit Mißtrauen bedachte demokratisch legitimierte Regierungsstellen oder des Mißbrauchs bezichtigte Väter. Hysterische Epidemien blockieren darüber hinaus in den Medien den Platz, den die tatsächlichen Probleme in Umwelt und Gesellschaft dringend benötigten.

Die Feministin Elaine Showalter hat mit ihren bemerkenswerten Thesen den Rückwärtsgang in einer - so wird man wohl mit ihren eigenen Worten sagen können - in Teilen hysterischen Kindesmissbrauchsdebatte eingelegt und damit eine heraufziehende womöglich übergroße Schuld von den Schultern des Feminismus genommen.

Ein lesenswertes Buch - zu empfehlen insbesondere für alle, die im Psychobetrieb ihre Brötchen verdienen.


Franz Wegener


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