1997 gelang dem Executive Editor des Internet-Magazins Wired (San Franzisko) Kevin Kelly der große Wurf: In seinem Essay "New Rules for the New Economy" legt Kelly die Gesetze dar, die die Zukunft des e-commerce und des Fortschritts überhaupt bestimmen werden: Die Gesetze der Netzwerkökonomie. Die Zusammenfassung der Thesen in dt. Übersetzung erscheint beim KFVR mit freundlicher Genehmigung Kellys.
New Rules for the New Economy
by Kevin Kelly
Wired, San Francisco, September 1997, 140ff.
Freie Übersetzung und Zusammenfasung von
Franz Wegener [info@franz-wegener.de]
Copyright by Kelly/wired [www.wired.com].
Neue Regeln für die neue Ökonomie
- Zwölf zuverlässige Prinzipien, um in turbulenter Zeit zu bestehen -
Die Digitale Revolution ist in aller Munde und mit ihr der Übergang vom Industrie- ins Informationszeitalter. Und doch ist es nicht der Begriff der Information, der das eigentlich Neue korrekt beschreibt: Es ist der Begriff des Netzwerkes und mit ihm der Begriff der Netzwerk-Ökonomie. Vorbei die Zeiten, da der Personalcomputer für sich das Informationszeitalter symbolisierte. Heute ist es nicht der solitär stehende Computer, es ist das Computernetzwerk, das die Kommunikation und damit die Basis unserer Kultur beflügeln hilft. Die Netzwerkrevolution ist dabei alles mit allem und alle mit allen zu verbinden - und damit uns selbst zu transformieren.
Die neuen Regeln der Netzwerkrevolution drehen sich um verschiedene Achsen, an denen entlang die Globale Restrukturierung wächst:
1) Wohlstand resultiert aus der Innovation, der improvisierten Erfindung des Neuen - und nicht länger aus der Optimierung des Bekannten, des Bestehenden.
2) Die ideale Umgebung für die Kultivierung des Unbekannten ist die Pflege und der Aufbau des Netzwerkes.
3) Um das Unbekannte zu beherrschen, bedarf es des Ablassens vom Erfolgreichen, bedarf es des Verweigerns gegenüber dem Perfekten.
4) Der sich so ergebene Kreislauf von ,Finden, großmachen, zerstören" vollzieht sich in immer schnelleren Zyklen.
Die Gesetze der Netzwerk-Ökonomie stellen dabei nicht etwa den Schlußpunkt einer Entwicklung dar, nicht das Ende der Geschichte, sondern ein Übergangsstadium, das vielleicht ein oder zwei Generationen Gültigkeit besitzen mag.
Hier die zwölf Gesetze der Netzwerk-Ökonomie:
1) Das Gesetz der Vernetzung: Dummheit vernetzt macht schlau.
Ein PC ist das konzeptuelle Äquivalent zu seinem einzelnen, dummen Neuron - untergebracht in einem Plastikgehäuse. Wenn er über Telefonleitung mit anderen Computern vernetzt wird, gewinnt er eine neue, höhere, intelligentere Qualität: Das World Wide Web mit all seinem Wissen und Möglichkeiten. Oder, um es mit einer alten Weisheit auszudrücken: Das Ganze ist mehr als nur die Summe seiner Teile. Das gilt für Gehirne mit ihren einzelnen, für sich gesehen unintelligenten Neuronen ebenso wie für Computer im Vergleich mit Computernetzwerken. Dabei ist das Netz nicht nur die Summe der vernetzen Computer, sondern die Kollektive Interaktion von Millionen Computern und Gehirnen, neuronal vernetzt durch Luft, Glas und Kupfer statt durch Proteine, elektrische Impulse und chemische Botenstoffe.
2) Das Gesetz der Fülle: Mehr erzeugt mehr.
Das erste Faxgerät, das etwa 1965 auf den Markt kam, kostete etwa 2.500 Mark und leistete so gut wie nichts, denn kaum jemand besaß damals ein Fax. Das einzelne Fax gewann erst mit zunehmender Verbreitung von Faxgeräten an Wert: Mit jedem neuen Käufer wuchs das Einsatzgebiet des Gerätes und damit sein Gegenwert. Wer heute ein Fax kauft, kauft tatsächlich ein ganzes Netzwerk, bestehend aus rund 18 Millionen Geräten. Und jedes Gerät, das hinzu kommt, steigert den Wert zusätzlich. Der Wert des Kommunikationspotentials dieses Netzwerkes übersteigt dabei inzwischen bei weitem den Wert aller einzelnen Faxgeräte. Also: Je höher die Produktzahl, um so wertvoller.. Dieser Ansatz widerspricht entschieden zwei Erfahrungsregeln des versinkenden Industriezeitalters: 1) Je knapper ein Produkt ist, um so wertvoller ist es. (Öl, Gold, Uniabschlüsse) 2) Eine größere Stückzahl (etwa maschinell gefertigter Teppiche) entwertet das Produkt. Heute gilt dagegen: In der neuen Welt der Netzwerk-Ökonomie leitet sich der Wert eines Produktes von seiner millionenfachen Verbreitung ab. Ob ein Bildformat (etwa das GIF von CompuServe) für seinen Entwickler langfristig von Wert ist, hängt von seiner Akzeptanz ab. Dies gilt auch für RealAudio oder etwa Betriebssysteme. Je verbreiteter ein Produkt ist, um so wertvoller wird es, da es den Standard setzt. Windows 95 ist hierfür ein prominentes Beispiel. Ein anderes Beispiel: Der Anlagenwert einer T-Shirt-Fabrik wird in Zukunft weiter fallen, um so entscheidender wird die Größe und Dichte des Vertriebsnetzes für die T-Shirt-Firma sein. Es ist dieses Netzwerk, das bei sinkenden Substanzwerten der Produktionsmaschinen an Wert dennoch gewinnen wird. Es ist die Beziehung zwischen den Dingen, die wertvoll ist. - Nicht das Ding an sich. (Ok, das is was anderes - aber wen interessiert das noch...). Netzwerk und Standard zählen: Mehr gibt mehr.
3) Das Gesetz vom Wachstum:
Erfolg im Netzwerk stellt sich exponentiell ein. Nicht linear.
Microsoft war kein Shooting-Star. Nach vielen Jahren des vor sich Hinkrebsens, bekrabbelte sich die Firma plötzlich und startete durch: Die Aktienwerte der Firma gingen ab wie eine Rakete. Der Erfolg stellte sich nicht linear mit stetig jährlich identisch-prozentualem Wachstum ein, sondern er explodierte ab einem gewissen Punkt der Firmenentwicklung. Der Betrachter mag sich hier seinen Matheunterrricht in Erinnerung rufen und im Geiste zum einen einen linearen Kurvenverlauf - von unten links in der Ecke diagonal in gerader Linie nach oben rechts verlaufend - visualisieren, zum anderen den exponentiellen Verlauf: lange Zeit am unteren Rand entlanglaufend, dann plötzlich steil ansteigend. Das Gleiche gilt für Faxgeräte - nach zwei Jahrzehnten der Erfolglosigkeit ging es Mitte der 80er plötzlich ab - auch bedingt durch Chippreisverfall und sinkende Telecomgebühren. Oder den Paketdienst FedEx - oder last but not least: Das Internet - eine Erfindung bereits der 60er Jahre! Exponentielles Wachstum ist für Biologen Alltagsgeschäft: Ein Zeichen biologischer Systeme. Heute noch sind es kleine süße Quallen, die sich hier und dort im Wasser finden - morgen gibt´s statt Wasser nur noch Wackelpudding. Die Netzwerkökonomie kann daher auch mit biologischer Begrifflichkeit gefaßt werden. - Und das Web ist das erste Beispiel in der Geschichte, daß biologisches Wachstum in einem technischen System stattfindet. Der Vorgang ist immer der gleiche in der Netzwerk-Ökonomie: der Wert des Netzes steigt mit der Mitgliederzahl. Diese Wertexplosion zieht wiederum viele neue Mitglieder an. Diese zyklische Kettenreaktion hält an - bis alle potentiellen Mitglieder Mitglieder sind. Und schwupp: Zwei Wochen später ist das Meer beinahe quallenfrei und der letzte Pudding wird von den Kleinen unter lautem Freudengeschrei durchs Sandsieb gequetscht. Igitt. Erfolg in der Netzwerk-Ökonomie ist nichtlinear und die gleichen Kräfte, die den Erfolg haben explodieren lassen, können das Produkt morgen in die Bedeutungslosigkeit absacken lassen.
4) Das Gesetz vom Kippen: Der Point of No Return
Wer aus den Gesetzen der Netzwerk-Ökonomie Profit schlagen will, muß entstehende Netzwerke und kleine Firmen beobachten. Ist der Erfolg erst einmal da, ist es in der Regel zu spät einzusteigen. Der richtige Zeitpunkt liegt zwischem dem Moment, da die Kurve beginnt zu steigen, dem Punkt der Bedeutung von dem an der Erfolg zum Selbstläufer wird, und dem sogenannten ,Tipping Point", dem Point of No Return von dem an das Wachstum mit Sicherheit nicht mehr zu stoppen wird: Der Zeitpunkt kurz bevor das Wachstum exponentiell explodiert. Biologische Epidemien folgen den gleichen Gesetzen. Bis zu einem gewissen Punkt bestehen Chancen, daß die Verbreitung eines Virus sich todläuft. Ab dem Tipping Point kommt jede Hilfe zu spät. Ein Beispiel aus dem Bereich der Netzwerk-Ökonomie ist die Verbreitung des TV-Shoppings vom heimischen Sofa aus: Mitte der 80er Jahre von allen großen Fernsehgesellschaften aufgrund des geringen Zuschauerinteresses noch belächelt und links liegen gelassen, fahren die damaligen Außenseiter wie etwa QVC in den USA heute Millionengewinne ein.
5) Das Gesetz vom Zyklus:
Die Entwertung der Organisation zugunsten des Netzes
Daß ein attraktives Netzwerk wiederum neue Mitglieder anzieht und so der Netzwerkwert gesteigert wird - um daraufhin aufgrund der gestiegenen Attraktivität wiederum neue Mitglieder zu integrieren - wurde bereits oben ausgeführt. Netzwerke müssen dabei nicht zwingend technischer Natur sein. Das Silicon Valley etwa ist als Wirtschaftsstandort nichts anderes als ein Beispiel für erfolgreiches Netzwerk-Wachsen: Die Synergieeffekte aus angezogenen Talenten, Risikokapitalresourcen, e-mail-Austausch, Freundschaften und Freiheit schufen ein schnell expandierendes Netzwerk. Die Mitarbeiter der großen Firmen im Valley wechseln dabei heute auf der Suche nach neuen Karriereoptionen ihre Arbeitgeber so häufig wie manch andere Leute ihre Unterwäsche ( - Geiles Buch zum Thema: Douglas Coupland: Microsklaven, 1996). Von Apple zu HP zu wechseln (und umgekehrt) ist dabei kein Sakrileg. Allerdings käme kaum einer der Betroffenen auf die Idee in den Kartoffelstaat Idaho zu ziehen: Dort fehlen die Optionen des Netzwerkes Silicon Valley. Betrachtet man diese Entwicklung auf lange Sicht, so wird zukünftig die Loyalität eines Menschen eher dem Netzwerk gelten, in das er eingebunden ist, als einer bestimmten Organisation oder Firma, die dem Netzwerk vorgeschaltet ist. Dies gilt auch für Konsumenten. Firmen und Organisationen werden sukzessive an Bedeutung gegenüber dem Netzwerk dessen sie sich bedienen verlieren. Sie werden schleichend entwertet.
Netzwerke leben nicht ewig: Die Innovation, die das Netzwerk hat explodieren lassen, gipfelt in der Setzung des Standards - ein Standard, der Fluch und Segen zugleich bedeutet, der einerseits attraktiviert, andererseits aber auch neue Innovationen blockiert: Zu träge reagiert die Masse auf Veränderungen. (In der Parteienlandschaft zeichnen sich ähnliche Muster ab...) Dennoch können auch veralterte Standards über erstaunlich lange Zeit erfolgreich sein: Die Loyalität der netzwerkabhängigen Konsumenten sorgt ebenso hierfür wie die Loyalität all der Firmen und Personen, die am Standard durch Begleitprodukte seit langem sehr gut verdienen. Überaus wichtig ist für den Einzelnen die Entscheidung Pro oder Kontra ein bestimmtes Netzwerk: Vertippt er sich, können alle Investitionen in den Sand gesetzt sein. Ein späterer Wechsel ist in der Regel überaus schmerzhaft. Keine Zukunft haben in der Netzwerk-Ökonomie abgeschlossene, sich abschottende Systeme. Dezentrale Netzwerkorganisation ist sinnvoller als zentrale: Eine zentral agierende große Firma ist einem Zusammenschluß von vielen kleinen, innovativen Unternehmen unterlegen. Die Giganten von Gestern versuchen dies Manko mit dem Aufkauf der Kleinen auszugleichen. In einer Zeit rapiden Wandels wird solches Agieren immer öfter zu spät kommen. Outsourcing - wie etwa im Automobilsektor - ist besser als zentrale Planung und Produktion. Je kleiner und ausgekoppelter die agierende Einheit - um so besser für Entscheidungsgeschwindigkeit und Innovation.
6) Das Gesetz des Preisverfalls
Ein Betrachter des ausgehenden 19. Jahrhunderts würde sich heute wundern: Obwohl die Produkte immer besser werden, werden sie zugleich immer preiswerter. Dieses Paradoxon ist Ausfluß der Netzwerk-Ökonomie und des Einsatzes von Computerchips in allen Bereichen der Produktion. Der Mikroprozesser, 1971 erfunden, verdoppelt seine Leistung bei einer jeweiligen Halbierung der Kosten alle 18 Monate. Die Preise für Telekommunikation folgen diesem Gesetz zeitversetzt. Techniktheoretiker George Gilder prophezeit für die nächsten 25 Jahre eine Verdreifachung der Datenkapazitätbandbreiten der Netzwerke alle 12 Monate. Telefonieren im Ortsbereich ist heute bereits in vielen Bereichen der - deregulierten - US-Telekombranche für den Kunden kostenlos zu haben. Die Entwicklung der Bandbreite der Kabel und die Kosten der Anschlüsse wiederum sind Katalysatoren einer explodierenden Netzwerkkultur. - Mit den hier aufgezeigten Folgen. Ein Chip wird vielleicht immer Geld kosten, aber die Kosten eines Rechenschrittes pro DM werden kontinuierlich sinken: Kurventechnisch nähern sie sich asymptotisch der X-Achse, dem 0-Wert an. Dies gilt auch für die Kosten eines 3-Minuten-Gesprächs seit 1930 (damals noch 250 $) und für die Kosten von Informationen: Nachrichten und Börsenkurse sind heute auf vielen Kanälen oft so gut wie kostenlos zu erhalten. Was des Konsumenten Freude ist des Produzenten Alptraum: Besser werdende Produkte werden immer billiger - immer häufiger sind sie sogar kostenlos zu haben (gulp!). Alle kopierbaren Produkte unterliegen diesem Ansatz. Die Rettung: Neue Produkte als erste auf den Markt bringen und ihren Wertverlust schon beim Start miteinkalkulieren. Im Rahmen der Netzwerk-Ökonomie muß daher der Schwerpunkt auf Innovation gelegt werden. - Und auf die Ausweitung des Service: Mag das Gespräch umsonst sein und das Tastentelefon 9,90 DM kosten: Ein Funktelefon für 399,- DM wollen die Leute (heute noch) dennoch. Oder leistungsfähige Anrufbeantworter, Faxgeräte - oder per ISDN die Option zwei Telefonate gleichzeitig zu führen usw.
7) Das Gesetz der Spendabilität: Geschenkt ist nicht zu teuer
Das Grundprodukt ist nach oben Gesagtem in der Netzwerkökonomie am besten kostenlos abzugeben. Der Profit wird mit dem Drumherum verdient. Produkte sind daher zukünftig als kostenlose Produkte zu kalkulieren. Wie hätte der Vorstand eines Unternehmens 1940 auf den Vorschlag eines Mitarbeiters reagiert, die ersten 40 Millionen Exemplare eines nagelneuen, guten Produktes zu verschenken? Heute geht das: Die kostenlose Vergabe des Netscape-Browsers ist hierfür ein gutes Beispiel: Der Profit wurde mit der Profi-Software für Webserver erzielt, nachdem mit der kostenlosen Vergabe des ,Blätterers" an Endkunden der Standard gesetzt war. Microsoft versucht diesen Erfolg zur Zeit mit dem Explorer zu wiederholen. - Überhaupt Microsoft: Das Unternehmen soll es zum Standardsetzer in der Office-Software-Landschaft ohnehin nur gebracht haben, weil es anfangs über die auf breiter Front betriebener Raubkopiererei seiner eigenen Produkte generös hinwegsah. Grundversionen von Software (Vers. 1.0) werden immer häufiger kostenlos verteilt, um mit möglichen Upgrade-Wünschen der User dann Geld zu verdienen.
In der Netzwerkökonomie ist fast alles kopierbar und unterliegt damit dem Preisverfall. Mit einer Ausnahme: Die menschliche Aufmerksamkeit: Der Mensch verfügt am Tag nur über eine bestimmte, nicht zu steigernde Summe an Stunden, die er für den Konsum von Information einsetzen kann. - Und seine Gesamtlebenszeit ist zudem begrenzt. Die Kunst besteht daher immer weniger darin ein gutes Produkt zu schaffen, sondern darin, die begrenzte menschliche Aufmerksamkeit auf dieses Produkt zu lenken. Die kostenlose Vergabe der eigenen Produkte hilft in einer Umgebung von Millionen anderer innovativer Produkte diese Aufmerksamkeit zu sichern. Und über die Vermarktung der Begleitprodukte läßt sich in dessen Gefolge der eigene Wohlstand steigern. Die Merchandising-Gewinne der Filmfirmen gehören hier (in der Tendenz) ebenso zu wie die Tatsache, daß die höchsten Werbeeinnahmen mit der Ausstrahlung von kostenlosen Fernsehprogrammen oder dem Unterhalten von kostenlosen Web-Search-Engines erzielt werden können. Wohlstand ist in der Netzwerk-Ökonomie folglich eine Folge von Spendabilität.
8) Das Gesetz der Treue: Der eigene Erfolg wächst mit dem des Netzes
Oben wurde bereits darauf verwiesen, daß zukünftig die Loyalität immer öfter in erster Linie dem Netzwerk zukommen wird, in das ein Mensch eingebunden ist - und nicht so sehr einer bestimmten Firma oder Organisation. Dieser Ansatz geht aber noch weiter: Das bestimmende Merkmal eines Netzwerkes ist es, daß es kein bestimmtes Zentrum gibt und keine klaren Grenzen nach außen besitzt. Offenheit bestimmt seine Identität. Dies gilt auch für die Menschen, die ihm angeschlossen sind. Galt für den Arbeitnehmer im Industriezeitalter in der Regel noch ein klares Bekenntnis zur Abgrenzung: ,Wir hier drinnen (in der Firma) gegen die da draußen", so verliert dieser Ansatz zunehmend an Bedeutung. Wichtig ist vielmehr die Frage: Bin ich ins Netz eingeloggt oder nicht? Die Grenzen der eigenen Identität zerfließen in das Netz. Treue gilt dem Netz oder der Plattform auf der es basiert: Internexus per Mac ergo sum. Internexus per Win ergo sum. Gewisse Fanatismen in der Pattformfrage mögen hier ihre Ursache haben.
Das Industriezeitalter hat es mit sich gebracht, daß der Erfolg des einzelnen nicht so sehr von seinem privaten Einsatz abhängt, sondern von der Frage, ob der Staat (ein Netzwerk aus Straßen und anderem), in dem er lebt, prosperiert. Ein Kind, in der Schweiz geboren, wird sehr wahrscheinlich nicht an Hunger sterben. - Anders als in Uganda. So ist es auch mit dem Netz: Der Erfolg einer Firma hängt direkt von dem Zustand des Netzes ab, an das sie angeschlossen ist. Geht es dem Netz gut, freut sich die Firma. Nähre das Netz und du nährst Deinen Erfolg.
9) Das Gesetz der Gumbas: Zerstörung ist der Anfang von allem.
Das Netz verhält sich biologisch. Neue Nischen entstehen und verschwinden. Heute bist Du der König einer bestimmten Innovation, morgen redet niemand mehr von diesem Produkt. Es gibt Berge und Täler in dieser Entwicklung. Dabei ist in der Netzwerkökonomie der Untergang zwingend: Während das eigene Produkt gerade den Berggipfel erreicht hat, kraxelt die Konkurrenz bereits auf halber Höhe. Es gibt hier nur einen Ausweg: Devolution. Um den nächsten Hügel besteigen zu können MUSS der Bergsteiger zunächst wieder ins Tal. Für eine Firma bedeutet dies: Sie muß sich bewußt vom erfolgreichen Produkt abwenden, weniger angepaßt werden, weniger fit, weniger optimal. Im Tal wartet der mögliche Tod. Firmen finden diesen Prozeß der Deevolution, der Rückentwicklung undenkbar und unmöglich. Im Industriezeitalter besaß keine Firma eine Abteilung, die das Chaos plante und gezielt über ein Unternehmen hereinbrechen ließ. Eine Abteilung, die die Bequemlichkeit demolierte. In der Netzwerk-Ökonomie ist dies die einzige Chance dauerhaft erfolgreich zu sein, den nächsten Berg zu meistern. Nur unter dem Druck eines möglichen Todes im Tal, gebiert das Chaos die Innovation. Zerstöre das Perfekte, um den Gipfel zu erklimmen.
10) Das Gesetz des Austausches: Material gegen Information
Die Gesetze der Netzwerk-Ökonomie gelten zunehmend auch für die alten Klassiker des Industriezeitalters, etwa dem Automobilbau: Der größte Anteil der Energie, die eine Auto während der Fahrt verbraucht, wird für die Bewegung des Autos selbst aufgewendet, nicht für die Bewegung des Fahrers. Wenn folglich das Gehäuse leichter ausfällt, sinkt auch der Energieverbrauch. Um leichtere Materialen zu entwickeln, muß eine Menge Intelligenz eingesetzt werden. Informationen werden weltweit auf der Suche nach ultraleichten Materialien bewegt - im Netz. Je mehr Informationen eingesetzt werden, um so leichter werden die Fahrzeuge. Ist das Fahrzeug erst mal leichter, kann auch der Motor kleiner werden, da nicht mehr so viel Gewicht bewegt werden muß. Noch einmal sinkt das Gewicht. Dies bedingt erneut eine Verkleinerung der Motorleistung usw. - ein klassischer Netzwerkzyklus mit der klassischen Annährung an Null. Heute wiegt ein Auto durchschnittlich 1.439 kg. Nach Amory Lovins Rocky Mountain Institute wird es 2020 weniger als die Hälfte wiegen: 521 kg. Auch die alten Montanindustrien werden folglich im Rahmen der Netzwerk-Ökonomie den neuen Gesetzen unterworfen. Und: Material wird in Zukunft schrittweise durch Information ersetzt.
11) Das Gesetz des Ungleichgewichts: Pleiten als Jobschaffer
In biologischen Systemen gibt es kein Gleichgewicht: Die Evolution wird durch einen permanenten Umbruch bestimmt, Arten kommen und gehen, neue Arten verändern die Umwelt, die wiederum auf die Arten zurückwirkt. So ist es auch in der Netzwerk-Ökonomie: Firmen kommen und gehen schnell und individuelle Karrieren geraten immer öfter zu einem Patchwork verschiedener Tätigkeiten. Dieser Prozeß ist nicht allein destruktiver Natur, auch wenn es für den aktuell Betroffenen so aussehen mag. Die Sache verhält sich ambivalent: Der Gott der Netzwerk-Ökonomie ist die indische Hindugöttin Shiva: Eine kreative Kraft sowohl der Zerstörung als auch der Genesis. Der Tod trägt die Wiedergeburt in sich. Eine gute Perspektive. Donald Hicks von der Universität von Texas hat es untersucht: In den letzten 22 Jahren hat sich etwa die Überlebenszeit texanischer Firmen halbiert. Aber Austin, die Stadt in Texas mit der kürzesten Lebenserwartung für eine Firma, hat zugleich den höchsten Zuwachs an neuen Jobs und die höchsten Löhne. Permanente Wiedergeburt. Shiva sei Dank. Die meisten, der in neun Jahren relevanten arbeitgebenden Firmen in Texas, existieren heute noch gar nicht. Folglich gehen auch staatliche Subventionen für einzelne, heute existierende Firmen zur Erhaltung bestimmter fester Jobs in die Leere. Gesponsert werden sollte viel eher der permanente Umbruch, der Strukturwandel als solcher, das Wissen, die Universitäten, die Informationsinfrastruktur. Subventionen in das Bestehende sind sogar kontraproduktiv: Sie gefährden das kreative Chaos und verhindern den Wandel durch Aufrechterhaltung falscher Bequemlichkeiten. Dauerhafte Stagnation und in Folge Tod sind die Ergebnisse einer solchen Subventionspolitik.
12) Das Gesetz der Ineffizienz: Keine Probleme lösen!
Ineffizientes Agieren und Zeitveschwendung sind der beste Weg erfolgreich zu sein. Das Web wird in erster Linie von Twens frequentiert - eine Gruppe von Menschen, die es sich leisten kann alleine 50 Stunden in die erste Erkundung des Netzes zu investieren - so lange braucht es in der Regel, um damit sinnvoll umgehen zu können. 40jährige haben diese Zeit nicht, sie sind bereits zu sehr in ihre Jobs involviert. Es sind - und waren - Teens und Twens mit einem großen Freizeitspielraum vor Arbeit und Familie, die zunächst sinnlos erscheinende, kleine Softwarepakete entwickelt haben. Pakete, die heute mit Millionenumsätzen gehandelt werden. Jede dieser Innovationen gebiert einen Strauß von neuen denkbaren Innovationen, die auf dem alten aufbauen, seine Fortentwicklung darstellen. Erfolgreich ist in der Netzwerkökonomie nicht derjenige, der - wie im Industriezeitalter - versucht die Produktivität des Bestehenden zu steigern, in dem er es verbessert, sondern derjenige, der die neuen Chancen sucht und entwickelt. Nicht das Werkeln an alten Problemstellungen ist attraktiv, sondern das Ausloten neuer Optionen, die Erfindung des Neuen und seine Erstvermarktung.
Kevin Kelly
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