Die Pflanze Weihnachtstern in Marokko
 

Musikrezension:

Trance-Star Cosmic Baby und
Jazz-Hip-Hop von Tab Two

   
Masterminded for Success:
Cosmic Baby in Trance



    April 1988. Ich stehe mit rund 200 anderen Leuten vor dem Eingang zu Londons Katakomben. Eintritt erst nach erfolgter Leibesvisitation. Die Diskothek "Heaven" liegt unterirdisch auf drei Etagen, angesiedelt in alten, feucht-modrigen U-Bahn-Schächten. Die Wände sind schwarz gestrichen, überhaupt ist alles schwarz. Die morbide Musik entfaltet schon nach den ersten zehn Minuten ihre hypnotische Wirkung. Musik, wie ich sie nie zuvor gehört habe. Zu monotonen Bassrhythmen schieben sich halbnackte Leiber durch die Menge. Menschliche Stimmen gibt es zu dieser Musik nicht mehr. Sie würden nur kitschig wirken. Hin und wieder läßt der Stroboskopblitz einen Blick auf die ekstatisch-strippenden Gogo-Boys und Girls zu. Der schwarze Tod tanzt mit. Vielen der Anwesenden ist erst in letzter Zeit die Bedrohung ihrer Jugend durch diese widerliche Seuche bewußt geworden. Sie tanzen den Tod - mit 119 bpm.

    April 1993. Fünf Jahre später ist der Untergrund-Trend längst kommerzialisiert. Ein Tekkno-Sampler der Major-Companies jagt den nächsten. Bravo und BILD feiern die Stars der internationalen Tekkno-Szene. Inzwischen sind 136 BPM erreicht, nach oben geht nichts mehr - aber nach unten. Die Demokratisierung der Musikproduktion ist abgeschlossen: Seit Ende der 80er Jahre ist jeder 14jährige in der Lage, mit Hilfe seines Atari, des Programmes Cubase und einem Soundmodul wie dem Roland CM-L 32 Tekkno-Hits am Fließband zu komponieren, besser: zu programmieren. Die Post-Baby-Boomer greifen in den Musiktrend ein. Zu diesen Jungs gehört auch Harald Blüchel aus Nürnberg. Der unverschämt gutaussehende 24jährige hat nach zehn Jahren Ausbildung in klassischer Musik am Nürnberger Konservatorium Lust auf etwas Neues. Für ihn ist House die konsequente Fortsetzung der Klassik. Also macht er House - in Berlin. Aber als Post-Aids-Kid sagen ihm die schweren, dunklen Tekkno-Bretter nichts mehr. Harald, Cosmic Baby, programmiert den freundlichen Soundtrack zum Global-Village-Greenpeace-Zeitalter. Die Musik zum Sinn-Jahrzehnt. Da wabbern fröhliche Synthies zu abgespaceten Buckel-Walgesängen. Da flöten wahrscheinlich gutgebaute Mädels S.O.S." zu Anleihen auf Laurie Anderson, Kitaro und Deuter. Nach acht Stunden harter Arbeit ist es genau das, was ich in meiner Badewanne zur Entspannung brauche. So verhält es sich mit den meisten Stücke auf seiner neuen LP stellar supreme". Aber: Es gibt auch Ausnahmen: Der Titelsong selbst etwa: A hyperactive electronic dance music. Wahn! Oder der ultraharte Cosmic Force"-Groove. Leider nicht dabei: Haralds Lieblingskomposition "O Supergirl" - aber die kann mensch auf der Maxi-CD 23" kriegen.

    Franz Wegener


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    Tab Two: Die Rettung der deutschen Hip-Hop-Szene


    ...kommt sie jetzt aus Ulm? Neben der allseits bekannten Jazz-Kantine haben Hellmut Hattler und Joo Kraus als "Tab Two" dieses Jahr ein Album auf den Markt gebracht, das klassische Jazzelemente mit rhythmischem Hip-Hop-Gesang unterlegt.
    "NO flagman ahead" versucht sich jedoch nicht in der respektheischenden Aufbereitung der deutschen Sprache, sondern vermengt Englisch, Französisch und Deutsch souverän zu einer redundanten Lautsymmetrie. Dem Rhythmus kann sich jede Sprache fügen, wenn sie virtuell in ihre phonetischen Elemente zerlegt wird - letztlich die konsequente Antwort auf den vorgängigen Emanzipationsversuch, Sprachen jenseits des Englischen für den Hip-Hop zu instrumentalisieren.

    Das Resultat bei den Tab Two sind lyrische lyrics, die sich im assoziativen Bilderreichtum fast schon poetischen Standards nähern. Die Tatsache, daß Kraus/Hattler durchgängig im Duett singen, verstärkt die gleichförmig-monotone Reihung des Sprechgesangs und überläßt die klangliche Variation, eher untypisch für den klassischen Jazzgesang, vertrauensvoll den Musikintrumenten. Zwingende Folge sind Intelligenz und Kreativität im Kompositionsbereich und das mit fast akademischem Touch: Kein Deut exotischer Jazzeinlagen wie bei abgemischten Plattenknallern für den tech-nizistischen Mainstream.
    Ich denke, dieses Album lohnt sich für Jazzapologeten gleichermaßen wie für ansonsten gelangweilte Abstinenzler - gerade wegen des Versuchs, nicht der reinen Lehre egal welcher Musikcouleur zu folgen. Das Faszinosum des besonderen zeigt sich häufig nunmal an dem gelungenen Experiment, die sich fremden Klänge zu einer organischen Einheit neuer Qualität zu verbinden.

    the TAB TWO, NO flagman ahead, 1995 virgin (7243 8 40198 2 2), für Tourdates, T-Shirts, Posters, Stickers etc. Umschlag bitte an tab toys, Ottostr. 3, 89231 Neu-Ulm.

    Eva-Maria Stuckel


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