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Die Nazis hatten ihr Ziel erreicht: Als das Ruhrgebiet 1945 von den Alliierten befreit wurde, war das jüdische Leben zerschlagen: Die Synagogen waren geschändet, jüdische Geschäfte geplündert und enteignet und die jüdische Bevölkerung deportiert und ermordet. Von den wenigen, die den Vernichtungslagern entkommen waren, kam nur ein geringer Teil zurück: Im Angesicht der Verbrechen konnte es keine Rückkehr zur Normalität geben. Die jüdischen Gemeinden, die in den folgenden vier Jahrzehnten entstanden, waren klein, überalterten zunehmend und hatten kaum eine Perspektive. Juden im Ruhrgebiet: Eine mikroskopisch kleine Gemeinschaft weit außerhalb des öffentlichen Bewußtseins. Doch in den Gemeinden bewegt sich was... . Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wachsen die jüdischen Gemeinden wieder. Jüdische Migranten, auf der Flucht vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch und politischen Chaos in den Staaten der ehemaligen UdSSR, finden ihren Weg in die Bundesrepublik: Diese nimmt jüdische Flüchtlinge aus den GUS Staaten auf. Die Zahl ist nicht begrenzt, ihr Status ist der von Kontingentflüchtlingen. Den Migranten verdanken die jüdischen Gemeinden ihr starkes Wachstum der letzten Jahre: So konnte auch die jüdische Gemeinde Recklinghausen/Bochum die Zahl ihrer Gemeindemitglieder in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppeln: Insgesamt wohnen im Ruhrgebiet wieder fast 4000 Juden. Die Gemeinden blühen auf. Ein großer Teil der Gemeindemitglieder spricht besser russisch als deutsch und viele von ihnen leben von der Sozialhilfe: Oftmals werden Berufs- und Studienabschlüsse nicht anerkannt, eine Arbeit zu finden ist so für viele unmöglich. Die Gemeinde fungiert als Sozialstation: Sie vermittelt Sprachkurse, hilft bei Amtsgängen und versucht Lebenshilfe zu geben. In der Sowjetunion fristete das Judentum, wie die meisten Religionsgemeinschaften, eine Randexistenz. Zwar gab es Synagogen, doch die Teilnahme am Gemeindeleben war mit der Gefahr von Repressionen verbunden. Jude, das war ein Stempel im Paß, der die Volkszugehörigkeit anzeigte - wie Deutscher, Russe oder Tschetschene. Was für viele über Jahre hinweg Diskriminierung bedeutete, wurde zur Eintrittskarte in den vermeintlich goldenen Westen: Die jüdische Volkszugehörigkeit im Paß reicht aus, um das Visum nach Deutschland zu bekommen. Nach einem festgelegten Schlüssel werden die Flüchtlinge auf die Kommunen verteilt, die einzelnen jüdischen Gemeinden zugeordnet sind. Weiße Flecke gibt es nicht, jeder Ort ist einer jüdischen Gemeinschaft zugeordnet. Doch auch das Einwanderungsverfahren ist für die Gemeinden nicht unproblematisch. Viele, die von den deutschen Botschaften ihre Visum erhalten, sind keine Juden im Sinne der jüdischen Religion: Die matriarchalische Linie entscheidet - Jude ist, wessen Mutter Jüdin ist. Der Vater interessiert in diesem Zusammenhang nicht. Die Gemeinden sind vielfach überlastet - zuwenig Geld und zuwenig Personal für die Betreuung von immer mehr Menschen. Ein regelgebundenes jüdisches Leben im Ruhrgebiet ist auch nur unter großen Mühen möglich: Eine jüdische Infrastruktur existiert seit den Nazis nicht mehr: Der nächste koschere Metzger sitzt in Antwerpen und auch andere koschere Lebensmittel sind in der Nähe nicht zu bekommen. Nur Frankfurt und Berlin, die Städte mit den größten Gemeinden in der Bundesrepublik, verfügen über koschere Restaurants, Metzger und Lebensmittelgeschäfte. Ob sich das eines Tages ändert ist ungewiß: Noch hält die Zuwanderung aus den GUS Staaten an und vielleicht werden eines Tages auch im Ruhrgebiet wieder so viele Juden leben, das sich die jüdische Kultur wieder entfalten kann. Auch der wachsende Druck der Rechtsextremisten hat an dem Zuzug nichts geändert. Als Anfang der neunziger Jahre die Anschläge von Neonazis zunahmen gab es eine Pressemeldung: Die Auswanderungen von deutschen Juden nach Israel hätten sich mehr als verdoppelt. Ich mußte dann verdutzten Journalisten erklären, das die Zahl sich von einer auf fünf Auswanderungen gesteigert hatte. Die meisten denken nicht daran zu fliehen. Für sie ist Israel sicherlich etwas anderes als Frankreich oder England, aber leben tun sie hier, ihre Arbeit haben sie hier und auch ihre Freunde und Bekannten. Auch wenn Deutschland für die meisten nicht die Heimat in einem volkstümelnden Begriff ist: es ist der Lebensmittelpunkt. Vielleicht wäre Vertrauen ein zu großes Wort, doch das Mißtrauen gegenüber der bundesrepublikanischen Gesellschaft ist gering." Benno Reicher, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Essen glaubt nicht an einen gestiegenen Antisemitismus. Für ihn ist nur das Tabu gefallen. Bis zur Ausstrahlung der Fernsehserie Holocaust war die Ermordung der Juden ebensowenig ein Thema für die breite Öffentlichkeit wie die Juden in Deutschland. Eine Auseinandersetzung fand nicht statt. Das Tabu betraf auch den Antisemitismus: Er trat nicht offen auf und es bedurfte eines Bundeskanzlers, von dem es heißt er habe auch mal Geschichte studiert, um das Antisemitische Tabu zu brechen: 1985 war ein Jahr der Wende: Der Besuch von Kohl und Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg, ihre Ehrerbietung vor toten SS-Männern, bedeutete für viele, das sie sich nun wieder offener zum Antisemitismus bekennen können." Nach 1985 war vieles möglich, was vorher undenkbar war: Der Historikerstreit und die damit einhergehende Relativierung der deutschen Verbrechen, die Offenheit mit der sich Rechtsextremisten wieder zeigen und die nicht enden wollenden Glückwunschtiraden zum 100 Geburtstag des Schwulstlers Ernst Jünger wären ohne den Bitburg Besuch von Kohl und Reagan so heute nicht denkbar. Und in der Folgezeit nahm die Zahl der Taten zu: Von Drohanrufen über Schmähbriefe bis hin zu Friedhofsschändungen und Brandanschlägen reicht die Palette der Verbrechen von Alt- und Jungnazis. Die Gemeinden bringen jeden Fall zur Anzeige und wollen sich nicht in die Defensive drängen lassen. Mordechai Engler, Vorsitzender der Gemeinde in Bochum/Recklinghausen, sieht, wie alle seine Kollegen im Ruhrgebiet, jedoch keine Perspektive in der Unauffälligkeit: Juden sind ein Teil des Ruhrgebiets und das muß auch sichtbar sein. Wenn es eine Region in Deutschland gibt, in der gemeinsames Leben funktionieren muß, dann ist es das Ruhrgebiet: Es hat eine Tradition als Schmelztiegel und das merkt man auch noch heute: Bei allen Zwischenfällen die es gibt, im Ruhrgebiet ist es nicht so schlimm wie in anderen Regionen." Doch auch im Revier ist Antisemitismus eine, wenn auch nicht alltägliche, Erfahrung. Im privaten Kreis haben die wenigsten Probleme: Viele Nichtjuden haben Interesse am Judentum, wenn auch wenig Wissen: Nachholbedarf für eine Generation, für die Juden im Alltagsleben lange nicht mehr vorkamen. In der Schule kann es dann allerdings schon einmal passieren, das der Lehrer den neuen jüdischen Mitschüler mit den Worten begrüßt: Ach jetzt haben wir schon einen zweiten Juden. Wie praktisch, daß wir heute die Nazizeit durchnehmen." Wenn der Lehrer dann noch Mitglied einer rechtsextremen Gruppierung ist, wie an einem Dortmunder Gymnasium geschehen, ist es klar, daß sich die jüdischen Schüler eine andere Schule suchen: Widerstand gegen einen deutschen Beamten fällt schwer und nur die wenigsten Eltern, zumeist ohnehin durch den Westen verunsichert, finden die Kraft zur Gegenwehr. Die Situation der jüdischen Gemeinden im Ruhrgebiet ist, trotz aller positiven Ansätze, auch fünfzig Jahre nach dem Ende der Nazizeit alles andere als normal: Alltag heißt oft ein Gemeindeleben unter dem Schutz der Polizei, Büros hinter Sicherheitsglas und Gegensprechanlagen an den Türen. Jude sein - das ist auch im Deutschland des Jahres 1995 nicht ungefährlich. Wird sich diese Situation jemals ändern? Benno Reicher weiß es nicht: Ob wir hier in zwanzig Jahren ohne Sicherheitsvorkehrungen sitzen können kann keiner sagen: Wünschenswert wäre es, doch der Antisemitismus sitzt zum Teil tief: Auch wenn es so gut wie keine Juden gibt, nur knapp 4000 bei fast 6 Millionen Menschen im Ruhrgebiet: Antisemitismus braucht keine Juden. Ich weiß, das es nur eine Minderheit ist, die nicht wächst und in den letzten Jahrzehnten stabil geblieben ist, aber ob es je zu so etwas wie Normalität kommen wird, kann keiner sagen." Stefan Laurin |
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