Die Pflanze Weihnachtstern in Marokko
 

Buchrezensionen


INTRO-Buchkritiken

   

Wintergrün - Verdrängte Morde.
Mit einem Vorwort von Ignatz Bubis
Anna Rosmus

Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten
John Kennedy Toole


Anna Rosmus
Wintergrün - Verdrängte Morde.
Mit einem Vorwort von Ignatz Bubis
Konstanz 1993 - Labhard Verlag,
28,- DM

Rezension von Eva-Maria Stuckel



Anna Rosmus, das "schreckliche Mädchen" aus Passau, hat abermals Einzelheiten der nationalsozialistischen Vergangenheit ihrer ostbayerischen Heimat ausgegraben.

In ihrem neuen Buch wird anhand bisher unbekannten Aktenmaterials und zahlreicher Aussagen von Zeitzeugen detailliert beschrieben, wie sich einzelne und ganze Gruppen schuldig machten an Zwangsabtreibungen, Massenmorden und grausamer Quälereien. Schier unglaublich scheint es, daß die Existenz mehrerer Konzentrationslager im Raum Passau - zumeist Außenkommandos der KZ's Flossenbürg und Buchenwald - bei vielen Menschen vergessen oder verdrängt scheint. Die akribische Beschreibung zahlreicher Massenmorde an russischen Kriegsgefangenen durch SS-Kommandos oder versprengte HJ-Einheiten - zumeist ein oder zwei Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner - zeigt, wie alltäglich offenbar das Abschlachten sogenannter "Untermenschen", auch abseits der zentralen Kriegsschauplätze , in der Provinz war.

Das ist das Faszinierende an diesem Buch - auch für nicht Ortskundige: Das Einsickern der Brutalität und Unmenschlichkeit in das tägliche Leben. Die Bauernscheune wird zur Kriegsgefangenenbaracke, in der 200 Russen zusammengepfercht werden. Um einen Fliegerhorst wird wie selbstverständlich ein KZ-Lager errichtet. Beschauliche Wiesen und Wälder werden zu Schauplätzen von Massakern an russischen Kriegsgefangenen. Krankenhäuser dienen als Stätte für Zwangsabtreibungen an sogenanntem "fremdvölkischen Nachwuchs" russischer Zwangsarbeiterinnen. Die Familie des Dr. Clarenz, der Hauptverantwortliche für mindestens 220 Zwangsabtreibungen im Hutthurmer Krankenhaus nördlich von Passau, versuchte per Gerichtsbeschluß, die Veröffentlichung des Buches zu verhindern bzw. die belastenten Passagen schwärzen zu lassen was ihr allerdings nicht gelungen ist - zu beweiskräftig war das Material, das Anna Rosmus zusammengetragen hat.

Daß Passau eine Hochburg des Nationalsozialismus war - davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Auch im Ruhrgebiet wurden Zwangsabtreibungen an verschleppten Russinnen vorgenommen, die bei Rüstungskonzernen wie dem "Bochumer Verein" harte Arbeit verrichten mußten, bis sie tot umfielen. In den zum Teil unerforschten Kellergewölben der Bochumer Jahrhunderthalle, deren Gasturbinen zur Herstellung von Strom für die Rüstungsproduktion dienten, sollen die Überreste von Zwangsarbeitern liegen. Zu keiner Zeit durfte die Halle von ihnen verlassen werden, auch nicht bei Bombenalarm. Die Kellergewölbe, die bis in die Innenstadt reichen, waren ihre Schlafräume.

Auch ein Blick auf das Kartenmaterial der Stadt Essen - zu sehen in der aktuellen Ausstellung im Gasometer Oberhausen - offenbart so einiges: Das Essener Stadtgebiet war fast flächendeckend bestückt mit kleineren KZ-Außenkommandos, Umerziehungslagern, Straf- und Arbeitslagern. Bezeichnend für die Motivation der NSDAP, möglichst viele Menschen an möglichst vielen Stellen in der deutschen Kriegswirtschaft zu verschleißen. Dieses Buch ist im Grunde genommen auch ein Anstoß, den Spuren der nationalsozialistischen Verbrechen, die häufig in ihrer scheinbaren Alltäglichkeit verdrängt wurden, überall nachzugehen. Das Ansinnen, den Opfern Gerechtigkeit zukommen zu lassen, indem namenlose Verbrechen benannt und deren Täter namhaft gemacht werden, spiegelt sich in einer klaren und unpathetischen Sprache, die die Zeugnisse größtenteils für sich sprechen läßt.

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John Kennedy Toole
Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten
München 1994. dtv
18,90 DM

Rezension von Eva-Maria Stuckel



Sumpf und Sünde in New Orleans

"Jeder weiß, dass diese Stadt voll ist von Spielern, Huren, Exhibitionisten, Gotteslästerern, Alkoholikern, Sodomiten, Rauschgiftsüchtigen, Fetischisten, Onanisten, Pornographen, Betrügern, Nymphomaninnen, Schwulen und Lesbierinnen, die alle den Schutz der Obrigkeit genießen, weil sie am rechten Ort schmieren." Dagegen helfen nur Theologie, Geometrie und ein kluger Monarch, der seine Untertanen in Ruhe "Dr. Nut" schlürfen und im Fernsehen den Yogi Bär schauen lässt, meint der überdimensional große und fette Held von John Kennedy Tooles "Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten".

Ignaz J. Reilly, mit Herz und Seele Bürger von New Orleans irischer Abstammung, ist Anfang 30, studierter Mediävist, passionierter Egoist und seit Jahren mit Überzeugung dem Müßiggang verfallen. Dieser wird von Zeit zu Zeit gewürzt durch sporadische Pamphlete über den Zusammenbruch der mittelalterlichen Weltordnung durch das teuflische Machwerk der philosophischen Aufklärung. Dämonischer Auswurf des bürgerlichen Zeitalters, das verantwortlich zeichnet für den organisierten Zwang zu Arbeit, Beruf und Strebsamkeit.

Und Ignaz würde wohl endgültig im schwülen Sumpf der Südstaaten versinken - wäre da nicht seine ehemalige Kommilitonin Myrna Minkoff aus dem fernen Manhattan, Sex-Revoluzzerin mit Pferdeschwanz und Hornbrille, unermüdlich mit der New Yorker U-Bahn von Vortrag zu Vortrag und von Demo zu Demo hetzend, willig, dem sauberen Amerika mittels Therapiegruppe und folkigen Protestsongs den schleimigen Spiegel vor´s reaktionäre Gesicht zu halten.

Doch bevor sie Ignaz endgültig zu einer Tasse Cappuccino ins Greenwich Village errettet und ihn von seinen exzessiven Masturbationszwängen befreit, muss unser großkotziger Held noch einige Abenteuer bestehen. Sei es zum Beispiel als Archivar bei Hosen-Levy´s, wo er zum unglücklichen Anführer eines Aufstandes gegen die Entrechtung der Mohren arriviert. Oder als Würstelverkäufer im französischen Viertel, Schauplatz seines tragischen Versuchs, die Schwulen dieser Welt zur Unterwanderung des Militärs zu überreden, damit künftige politische Auseinandersetzungen statt auf dem Schlachtfeld auf der Herrentoilette des UNO-Sitzes ausgetragen werden.

Machen wir es kurz: Das Buch ist der Hip-Hit in den USA, durchsetzt mit vulgär-distinguiertem Witz und von extravaganter Charakterführung. Mr. Toole, der Autor, hat sich 1969 - nach Jahren vergeblicher Suche nach einem Verleger - leider das Leben genommen und wurde zum Trost von der amerikanischen Fachwelt 1981 postum mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Und wenn Sie bis heute noch nicht wissen, was ein Pylorus ist - in diesem Buch werden Sie ihn schon kennen lernen, den Schließmuskel am Magenausgang.

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