
![]() |
|
Franz Wegener ist für INTRO der Frage nachgegangen, was postmoderne Gebäude miteinander verbindet: Was ist und was will die Postmoderne? Der Begriff "Postmoderne" wurde Anfang der 70er von dem Architekturtheoretiker Charles Jencks geprägt. Als Gründungsbau kann das Haus, das Robert Venturi 1962 in Chestnut Hill, Pennsylvania für seine Mutter baute, gelten: Statt einem Stil zu huldigen, vereinte Venturi ein wahres Feuerwerk von unterschiedlichen Stilelementen in einer überladenen, fast barocken, Kompostition. In seinem Buch Learning from Las Vegas" verteidigt er Fließband-Kommerzarchitektur mit dem Satz "Main Street is almost all right" und parodiert ein berühmtes Zitat des Bauhaus-Architekten Mies van der Rohe, mit dem dieser eine durchgängige, strenge Form fordert Less is more" - Weniger ist mehr" mit dem Spruch "Less is a bore" - Weniger ist Langeweile". Die postmoderne Architektur wendet sich gegen eine zu starre Technik- und Geometriehörigkeit in bezug auf die Gesamtkonzeption eines Baus und zeichnet sich einerseits aufgrund des Stilmischmasches durch ein beim Betrachter erzieltes Gefühl von Vertrautheit aus, andererseits durch eine ironische Distanzierung zum integrierten Einzelstilelement. Die Einzelelemente werden in der Regel fabrikmäßig vorgefertigt und jeweils beliebig neu kombiniert. Durch die Collage der Einzelstile werden diese aus ihrem ursprünglichen historischen Bedetuungszusammenhang gerissen und damit ihrer Bedeutung enthoben, sinnentleert und beliebig. In den 80er Jahren entstanden in Deutschland vor allem öffentliche Gebäude im postmodernen Allerlei-Design: Die Neue Pinakothek in München von v. Branca (1981), das Museum am Abteiberg in Mönchengladbach von Hollein (1982) und die Erweiterung der Staatsgalerie in Stuttgart von Stirling (1984). Derweil wird der Begriff nicht nur in der Architektur, sondern auch in Philosophie, Literatur- und Naturwissenschaft verwandt. In der Philosophie wird die Postmoderne als Nachfolger der Moderne gesehen. Die Moderne, das ist eine bestimmte, mechanistische Weltanschauung, die unter anderem mit Descartes ihren Anfang nahm. Er stellte die Vernunft und die naturwissenschaftliche Beobachtung in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen und löste sich damit aus der Abhängigkeit von traditioneller Überlieferung und Religion. Als Heilsbringer der Menschheit galten fortan der wissenschaftliche Fortschritt und die Marktkräfte der Weltwirtschaft. Nachdem unter anderem der erste Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise die Tücken von Kapitalismus, bürokratischer Rationalität und wissenschaftlichem Fortschritt - auch in der Rüstung - aufgezeigt hatten, gewannen die kulturpessimistischen Vorreiter noch mehr Zulauf als sie ihn im 19. Jahrhundert ohnehin schon besaßen. Zahlreiche Autoren der Konservativen Revolution im Deutschland der 20er Jahre gelten als Vertreter dieser antimodernistischen Richtung. Als Gegenbewegung zu diesen Kulturpessimisten formierte sich in Kunst, Literatur und Architektur der Modernismus, der einen Ausfluß im italienischen Futurismus fand. Eine Kunstrichtung, die mit Blick auf die Wirkkraft der von ihr glorifizierten Maschine Gegenwart und Zukunft optimistisch einschätzte. Als Ausdruck einer diesem Modernismus gegenläufigen Bewußtseinshaltung und nicht etwa als Oberbegriff einer Epoche ist demnach auch der Postmodernismus" vom Begriff der Postmoderne" zu scheiden. In den späten 70ern wurde dann ein Wechsel in Epoche und Weltanschauung des Abendlandes postuliert: Der Übergang von der Moderne in die Post (Nach)-Moderne, vom Modernismus in den Postmodernismus. Der Philosoph Jean-Francois Lyotard sah in La condition postmoderne" als herausstechendes Charakteristikum der Postmoderne den Zweifel an allen großen Erzählungen"; gemeint sind alle Ideologien, die versprechen, die Welt und den Einzelnen erklären und führen zu können: etwa die Psychoanalyse und der nach der weltweiten Versuchsreihe als untauglich abgehakte Marxismus. Dieses Ende der Ideologien kennzeichnet das Ende der Geschichte der Ideen, der Visionen, die in der Zukunft als Leitstern strahlten und so den Menschen in der Gegenwart lenkten, trieben, führten. Eine solche Vision war die Idee der Apokalypse, des Jüngsten Gerichts und der Eingang der Menschen in das hierauf folgende Himmelreich. Mit dieser Zukunftsverheißung wurde der Mensch aus dem kosmologischen Weltbild der Antike heraus in den aufsteigenden Zeitstrahl mit Endziel Himmel gerissen. Er sah sich nicht mehr im zyklischen Lauf der Zeit der ewig wiederkehrenden Jahreszeiten eingebettet und geborgen, er lebte nicht mehr ganz entspannt im Hier und Jetzt, sondern sah sich angesichts der prophezeiten Goldenen Zukunft in einer mangelhaften Gegenwart verfangen. Das Ende der Ideologien, der utopischen Leitbilder - des Christentums und seiner sozialistischen Ersatzutopien - wirft den Menschen nun zurück in den kosmologischen Mythos, in die kostbare Erfahrung des gegenwärtigen, ewigen Augenblicks: den Kairos. Ausdruck dieses zyklischen Weltbildes ist der Kreis, der in Antiker Sicht die ewige Umkreisung der Erde durch die Sonne symbolisiert. Entsprechend häufig findet sich der Kreis und seine Andeutung als Rundung als Stilstereotyp in der postmodernen Architektur. Mit der Wiederkunft des Mythos und des zyklischen Weltbildes ist auch das Ende des linearen, auf Fortschritt ausgerichteten Geschichtsbildes verbunden; ja der Geschichte überhaupt. Da, wo alles immer gleich ist, in ewiger Wiederkehr befangen ist, erübrigt sich auch die Geschichtsschreibung. Posthistorie ist aus dieser Perspektive gleichbedeutend mit Postmoderne. Aber ohne Fortschritt auch keine Fortentwicklung in den Stilen: Der postmoderne Mischmasch altbekannter Stile ist Ausfluß und Indiz dieses Endes der Ideen, sind neue Stile doch nur Begleiterscheinung neuer Ideen-Bewegungen. Die Überwindung der Ideologien zeigt sich Jencks zufolge in einem Erstarken der grün-alternativen, postfeministischen, befreiungstheologischen, ökumenischen, individualistischen Bewegung, die in ihren globalen Netzwerken einem neuen Holismus, dem Gedanken der Ganzheitlichkeit, den Weg bahne. Hierbei haben allerdings zumindest die bundesdeutschen Grünen den alten Anspruch ihrer Gründerjahre derweil als bloßes Anhängsel der christlich-sozialen-linearen Fortschrittspartei SPD längst eingebüßt. Hierin dürfte auch einer der Gründe für die personellen wie prozentuellen Verluste der letzten Jahre liegen. Die neue Naturwissenschaft der Postmoderne wendet sich ab von einer früher behaupteten Objektivität - zugunsten einer Wissenschaft, die nicht länger Fakten von Bedeutung und Werten trennt. So bedarf ein Tierversuch nicht nur einer zweckrationalen Abwägung, sondern auch einer ethischen Infragestellung: Political Correctness" eines jeden Vorhabens und der eingesetzten Sprache sind hier ein Muß. Moderne Wissenschaftler kontern mit der Vermischung von Werten, Glauben und Fakten in der nationalsozialistischen und marxistischen Wissenschaftpraxis. Darüber hinaus sei die anti-wissenschaftliche Attidüde, wie sie etwa in Spielbergs Jurrasic Park zum Ausdruck komme, überzogen: Kaum jemand wolle auf die Errungenschaften der Naturwissenschaften verzichten, sei es die Heizung oder der HIV-Test. Die konservative Historikerin Gertrude Himmelfarb betrachtet hingegen die Postmoderne als eine destruktive, nihilistische Ideologie, die über die behauptete Beliebigkeit aller Ideen die traditionellen Werte untergrabe. Auch von Links setzt es Haue: Fredrio Jameson etwa sieht die Postmoderne keineswegs als Absetzbewegung von der Moderne, sondern als in ihrer Tradition gefangene Fortsetzung an. Wer heute bereits davon rede, es gäbe ein neues Paradigma, das wieder den Menschen, seine Mythen und Werte in den Mittelpunkt stelle, übersehe, daß er nach wie vor Teilchen einer kapitalistischen Konsumkultur sei, einer höllischen Maschinerie, die alle Ideen aus ihrer historischen Einbettung herausreiße und alles und jeden im Rahmen der laufenden Disneyfikation vor dem Hintergrund der Idee eines globalen Hubba-Bubba-Dorfes trivialisiere.
|
|
| GESCHICHTE | LITERATUR | ZUKUNFT | PSYCHOLOGIE | KULTUR | DAUBE | WEBIMPRESSUM | FITUG | START |
© KFVR 2001 |