Die Pflanze Weihnachtstern in Marokko
 

Die "wilde Hummel"
oder
: Die unglaubliche Geschichte der Judith von Loe zum Loe und Dorneburg

von Eva-Maria Stuckel

   

Literatur:

Fest zur Stadtwerdung Marls (1936)
Fritz Kleienburg, Vestischer Kalender (1972)
Geschichte der Stadt Marl oder Stadtgeschichten (1982)
Wochenblatt für den Kreis Recklinghausen vom 1.10.1864


Judith von Loe wurde als älteste Tochter des Dietrich von Loe zum Loe und Dorneburg um 1650 geboren, ihre Geschwister hießen Diederich, Wilmina, Walraw, Maria, Ida und Mechtel. Sie blieb bis zu ihrem Tode wahrscheinlich unverheiratet.

"Während Wilmina im Frauengemach in sittsamer Zurückgezogenheit häuslichen Verrichtungen oblag oder andächtig in der Kapelle betete, ritt Judith mit abenteuernden Junkern durch die Marler Heide, um Hasen zu jagen." - "Sie nahm es im Reiten und Fechten, im Schießen und Jagen mit jedem Mannsbild auf." So viel zum bieder-romantisierenden Blickwinkel auf Judith von Loe zu Loe anlässlich eines Festes zur Stadtwerdung Marls im Jahre 1936, der die Nazi-Ideologie zwischen Mutterkreuz und pseudo-germanischem Sport- und Körperkult unverhohlen erkennen lässt - in einer Sprache, die Geschichte zum Mythos deklariert.

Doch wer war diese "abenteuernde" Judith wirklich, die ihr Leben im Angesicht der verheerenden Auswirkungen des 30-jährigen Krieges beginnt? Ihre Schwester Wilmina jedenfalls heiratet den Freiherrn Christoph Paul Dietrich von Wydenbrück, der einem alten, aber verarmten Geschlecht entstammt und es im Dienste des berühmten Kriegsherrn Fürstbischof Bernhard von Galen in Münster zum Geheimrat gebracht hat. Durch die Heirat kommt er in den Besitz des festen Hauses und der Herrschaft Loe mit großen Wäldern, Heiden, Höfen und Mühlen.

Nach dem 30-jährigen Krieg und dem Friedensschluss von 1648 wird das Land noch lange Jahre von schwedischen Truppen besetzt: Im Haus Loe quartiert sich ein schwedischer Offizier ein, der sich in Judith verliebt. Angeblich trägt sie Mitschuld am gewaltsamen Tod ihres Vaters am 7. Juni 1668: Dietrich von Loe kam von einer Musterung der Ritterpferde in Buer, als er in der Dunkelheit von einem Reiter erschlagen wurde. Am nächsten Tag, als man Judith von dem Tod ihres Vaters unterrichten will, sind sowohl sie als auch der schwedische Offizier verschwunden.

Zu diesem Zeitpunkt beginnt ihr Vagabundenleben: Zwischen 1668 und 1705 wird sie weder in Urkunden noch in Kirchbüchern erwähnt. Offenbar wird sie Reiteroffizier in einem niederländischen Regiment der schwedischen Armee und geht mit dem jungen Oberst ins Standquartier nach Bremen. Der Legende nach taucht zu dieser Zeit ein junger Leutnant Jonkherr Gent van Oyen (der Mädchenname von Judiths Mutter) im Regiment auf. Nach einem Duell und schwerer Verwundung des Obersten kehrt dieser nach Schweden zurück und schreibt einen Brief an das Regiment, in dem steht, dass der Leutnant Gent van Oyen nicht das sei, wofür er sich ausgebe.

1705 besetzt sie als schwedischer Rittmeister mit sechs Landsknechten in schwedischer Dragonertracht Haus Loe (Strevelsloe). Zuerst will der Erzbischof von Münster mit seiner neuen Haubitze das Schloss beschießen lassen, der Freiherr und Geheimrat von Wydenbrück jedoch rät ab, da Haus Loe auf dem Gebiet des Erzbischofs zu Köln liegt. Nach einem Briefwechsel beauftragt der Kölner Erzbischof den Marschall Bertram von Nesselrode, das Schloss zu stürmen: Sechs Wochen wird Haus Loe von der gesamten vestischen Ritterschaft belagert. Der Legende nach überbringt ein reitender Bote dem Freiherrn von Wydenbrück ein Schreiben mit der Bitte um eine nächtliche Zusammenkunft auf dem "Brahme", dem Richtplatz der Feme. Auf dem Hügel erkennt der Freiherr in der Rittergestalt Judith von Loe, die von ihm ihr Erbe einfordert - andernfalls werde sie eine ritterliche Fehde beginnen. Daraufhin erhält sie nach freiem Abzug 3000 Goldgulden als Erbentschädigung.

Als Judith erfährt, dass ihre Geschwister jeweils 11 000 Goldgulden erhalten haben, strengt sie einen Prozess vor dem Reichskammergericht in Wetzlar an, den sie 1715 gewinnt. Sie erhält von ihren Geschwistern 7000 Goldgulden, 22 Silbergroschen und acht Pfennige nachträglich - die Differenz von 1000 Goldgulden waren Gerichts- und Notarkosten. 1720 ist sie Taufpatin in Marl bei den Kindern ihrer Nichte Antoinette. Sie stirbt 1721 wahrscheinlich im Wald von Münstereifel als Einsiedlerin und Klausnerin; nach einer zweiten Quelle wird sie als Mitglied Nr. 166 der Abendmahlgenossen der Willibrodis-Kirchengemeinde, einer reformierten Kirche in Wesel, geführt. Auf der Brust der Toten findet man eine Goldkapsel mit dem Familienwappen, in der sie eine Haarlocke der Mutter aufbewahrte. Ihr Grab ist nicht bekannt.


Eva-Maria Stuckel


   
   
   
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