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"Wir werden vollkommen vernichtet.", sagt US-Präsident Whitmore in Emmerichs Blockbuster "Independence Day" und beginnt mit einem Vergeltungsschlag gegen eine Rasse stinkender Aliens, die in biomechanischen Kampfanzügen auf unserem Planeten einfallen. Das Tagwerk der Aliens besteht darin mit ihrem gigantischem Mutterschiff von Planet zu Planet zu ziehen, das gerade aktuelle Ziel heuschreckenartig zu besetzen, seine natürlichen Resourcen auszubeuten, um dann weiter in die unendlichen Weiten des Alls zu düsen. Emmerichs Film wurde und wird allgemein als Rückfall in die Science-Fiction-Schwarz-Weiß-Bilder der Kalten-Kriegs-Jahre gesehen, als jeder Marsmensch im Grunde seines Herzens doch nur ein verkappter Russe war gegen den es sich - ob nun mit Untersuchungsausschuß oder Lasergun - zu wappnen galt. Independence Day so zu deuten, hieße allerdings die Botschaft die uns die Fünfziger-Jahre-Geschichte lehrt zu übergehen: Science Fiction - das ist in der Regel nicht Zukunftsentwurf, das ist in der Regel Gegenwartsdeutung, Spiegel der eigenen Zeit. Folglich müssen die Rollen in ID4 neu besetzt werden: In Kalifornien wird heute an Übermorgen gearbeitet. Einer der Philosophen der Neuen Zeit, Max More, ist derzeit bemüht das dortige Treiben im Silicon Valley, Fitness Studios und Biotechfirmen auf einen philosophischen Nenner zu bringen: Den Extropianismus. Was das ist? Das ist die Gegenbewegung zu den Entropianern. Wer die sind? Das sind Menschen, die dem physikalischen Entropie-Grundsatz hoffnungslos verfallen sind: In geschlossenen physikalischen Systemen strebt alle Ordnung zum Chaos: Der Apfel verfault, der Mensch stirbt und die Planeten erglühen im letzten Aufbäumen sterbender Sonnen. Leben - das ist der vorübergehende und letztendlich zum Scheitern verurteilte Versuch einer Rebellion gegen die Entropie, gegen das um sich greifende Chaos. Die Extropianer um Max More im sonnigen Westen der USA sehen das anders: Ja, der Entropiesatz sei schon richtig - aber er gelte ja nur für geschlossene physikalische Systeme. Ob das Weltall aber überhaupt ein geschlossenes System sei, das sei noch nicht ausgemacht. Also kein Grund zum Hadern und genug Stoff für grenzenlosen Optimismus: Der Extropianer glaubt nicht an den körperlichen Verfall: Dafür gibt es Fitness Studios. Max hat Muskeln wie Arnie. Krankheit? Defekte Körperteile werden einfach ausgetauscht. Dummheit? Die Kopplung von Mensch und Computer über Neurointerfaces und Chipimplantate wird damit aufräumen und damit auch mit einem weiteren Manko: Die globalen Umweltprobleme. Die seien leicht in den Griff zu kriegen, verfüge der Mensch erst einmal über die notwendigen Rechenkapazitäten- und geschwindigkeiten zur intelligenten Problemlösung. Schon heute greife der Mensch auf Festplatten als Gedächtniserweiterung zurück. Für Max befinden wir uns nicht mehr in einem Proto-Cyborg-Zeitalter, wir stecken bereits mitten im Posthumanismus: Die Mensch-Maschine sei längst Realität: Fernsehen, Brille und für Blinde der auf der Retina schwimmende Minicomputer, der die Nervenenden im Auge stimuliert; Autos als maschinelle Beinverlängerungen, Waffen als Armanbauten; Uhren, um uns gegen den Biorhythmus zu synchronisieren; Hörgerate und Telefone als Ohrvergrößerer und mittendrin der microprozessorgesteuerte Herzschrittmacher: Die Menschheit in ihrer heutigen Größe wäre ohne den andauernden Prozeß der Cyborgisierung nicht denkbar. Der Tod? Dafür gibt es rund 150 Gentechfirmen, die an der Lösung dieser alten Malaise arbeiten. Bis das Problem vom Tisch ist, läßt sich der Extropianer kryonisch einfrieren. Auch der Verweis auf die dann ja wohl drohende Überbevölkerung, läßt Max kalt: Dafür gelte es die Weltraumfahrt weiter voran zu treiben, damit wir eines Tages auf fremden Planeten siedeln können. - Oder anders: Ist die Erde erstmal voll, wechseln wir den Planeten. Die Perfektionierung von Geist und Körper, das Abstreifen überkommender Religionen und Zwänge: Max hat seinen Nietzsche genau studiert. Auf der anderen Seite die Entropianer, etwa die Jünger der neu gegründeten "Kirche der Euthanasie". Einer ihrer Priester verkündete unlängst in einer per Internet verbreiteten Predigt, Leben, das sei negative Entropie. Das höchste Ziel seiner Kirche sei aber der Tod, die positive Entropie. In Kontakt mit der "Kirche der Euthansie" steht die "Bewegung zur freiwilligen Vernichtung der Menschheit" in Portland, Oregon und die "Gaia Befreiungsfront" in Toronto, Kanada. Die Front widmet sich der Rettung des planetarischen Ökösystems. Der Mensch sei sinnvoll mit einem Krebsgeschwür zu vergleichen oder einer Virusepedimie. Bildhaft sei er noch am besten mit einer Spezies von Außerirdischen gleichzusetzen, die sich wie die Außerirdischen in Science Fiction Filmen überlegender Technik für ihre Zwecke bedienten. Überlegen insofern, als Mutter Natur ihnen nichts entgegenzusetzen hätte. Der Mensch sei zwar ein Kind der Gaia, habe sich aber derweil von ihr losgesagt. Er ziehe selbst eine Grenzlinie zwischen sich und der Natur und sei darauf auch noch stolz. Dabei sei der Siegeszug der menschlichen Aliens nur über eine Ausrottung von täglich mehreren zahlreichen Tier- und Pflanzenarten möglich. Ein globaler Verdrängungs- und Vernichtungskreuzzug gegen die anderen. Da der Gebrauch von Werkzeugen, Landwirtschaft, Tierhaltung, Schreiben und Bürokratie in den unterschiedlichsten Völkern unabhängig von einander auftauchten, sei der menschliche Hang zur Technik wahrscheinlich genetisch eingeboren. Der Mensch müsse daher als feindliche Alienspezies gesehen werden, die genetisch auf die Zerstörung des Planeten programmiert sei. Daher sei - konsequent zu Ende gedacht - Gaia nur durch die Auslöschung der gesamten menschlichen Spezies zu retten. Eine bloße Verringerung der Bevölkerungszahl helfe auch nicht, da die Menschheit die erste Chance zu einem erneuten Aufstieg auch nutzen werde: Eine nicht herausoperierte Krebszelle reiche aus, um den Tumor wieder wachsen zu lassen. Auch die mit der Natur zur Zeit noch im Einklang lebenden Naturstämme müßten ausgerottet werden, da auch die heutigen Europäer und Amerikaner einmal Stammesangehörige waren. Ein Nukleareinsatz zur Erreichung des Endzieles verbiete sich wegen der Umweltschäden. Sterilisation komme ebenfalls nicht in Frage, denn selbst wenn alle Menschen sterilisiert würden ginge der Zerstörungsspuk 100 Jahre weiter. 100 Jahre in denen auch ein Gegenmittel gefunden werden könnte. Selbstmordwellen würden sicherlich nicht alle Menschen erfassen. Nein, zu bevorzugen sei die Biotechnologie, deren Vorzüge auf der Hand lägen: Sie sei funktionsfähig und könne bereits von einer befähigten Person entsprechend genutzt werden. Genetisch manipulierte Virusstämme seien sinnvoll einsetzbar, da sie nur eine eine bestimmte Spezies träfen. Um die Findung von Impfstoffen und das Überleben einzelner von Haus aus immuner Menschen unmöglich zu machen, sei es zweckmäßig, gleich mehrere Viren zeitgleich in Umlauf zu bringen, gefolgt von einer neuen Welle. Leider habe sich die Hoffnung auf AIDS zerschlagen, da der Mensch sich zu leicht vor dem Virus schützen könne. Aber GAIA-Sprecher Geophilus ist zuversichtlich: "Wir würden das Ausbrechen eines neuen antimenschlichen Virus begrüßen - etwa eine über den Luftweg transportierte Variante des Aidsvirus, die vielleicht aus der Aidsforschung an Mäusen - wie in "Science" vom 16. Februar 1992 beschrieben - resultiert." Gefragt, ob der Vollzug der Vorstellungen der Befreiungsfront nicht einem Genozid gleich komme, meint er: "Ja, sicher. Das wäre so. Und wenn sich jemand zunächst nur eine bestimmte Rasse vornehme: Auch OK. Ich wünschte nur, es wäre meine, denn die richtet den größten Schaden an. Aber ich wäre nur weniger glücklich - aber keineswegs unglücklich, wenn es andere zuerst träfe." Warum er nicht selbst mit gutem Beispiel vorangehe und Selbstmord verübe? "Der Nutzen zu leben und unsere Gedanken zu verbreiten, überwiegt den Schaden, den ich zur Zeit durch mein Leben anrichte." Held der drei Organisationen ist der "Unabomber", ein Mathematikprofessor, der in den 70er Jahren luddistisch motiviert damit begann, High-Tech-Forschern per Post bombige Grüße zukommen zu lassen. Sein 206 Thesen umfassendes Manifest beginnt mit dem Satz "Die Industrielle Revolution und ihre Konsequenzen sind ein Disaster für den Menschen." und endet mit der Schlußfolgerung "Unter Berücksichtigung der revolutionären Strategie, ist das einzige Ziel, auf dem wir unabdingbar bestehen, die Eleminierung der modernen Technologie." Beiden, Extro- wie Entropianern ist die Alienmetapher eigen: Für den Extropianer ist eine optimistische Zukunftsperspektive nur über eine Flucht von der Erde und damit einen auf andere Planeten verlagerten Verdrängungs- und Vernichtungsprozeß zu haben. In seinem Menschenbild ist er selbst längst zur Maschine geworden, der biomechanische Alienanzug ist für ihn bereits Realität geworden. Die Überwindung des Organischen wird nicht nur in Kauf genommen, sie wird als Verbessserungsoption aktiv angestrebt. Der Gebrauch von Werkzeugen aller Art ist für ihn nicht primatenspezifisch - was er tatsächlich nicht ist - und damit in Fortschreibung dieses Werkzeuggebrauchs auch die Cyborgisierung des Menschen nicht außerhalb der Natur stattfindend, den Evolutionsprozeß nicht sprengend, sondern lediglich verlagernd. Ganz "natürlich". Für den Extropianer sind wir - auch in neodarwinistischer Perspektive - längst selbst Aliens. Und das wird akzeptiert. Für den Entropianer gilt unter anderen Vorzeichen das Gleiche: Wir SIND die Aliens unserer Science Fiction, die ein Ökosystem aggressiv übernehmen, ausbeuten und nach dessen Resourcenverbrauch weiterziehen. ID4 steigt zur Zeit zum erfolgreichsten Streifen in der Geschichte des Films auf und das zurecht: Oberflächlich sehen wir da den Kampf zwischen guten Menschen und bösen Aliens. Tatsächlich verläuft die Frontlinie zwischen - sie haben's geahnt - unserem alten, bewußt noch immer vor uns hergetragenen Selbstbild und der neuen Wahrheit. "Wir werden vollkommen vernichtet." lautet die Erkenntnis, die US-Präsident Whitmore in ID4 angesichts der ersten Zerstörungen durch die Aliens ausspricht. Gemeint sind andere: Selbst dem einfach strukturierten Menschen ist angesichts diverser Aufklärungskampagnen von Artenschützern wie Edward Wilson und angesichts der Bevölkerungsexplosion in den letzen Jahrzehnten derweil bewußt, daß da etwas aus dem Ruder läuft. Da der gemeine, sich selbst als "unnatürlich" empfindende, kulturpessimistische Entropianer - und nach Max More ist das im Grunde fast jeder Europäer - aber nicht Manns genug ist, seine eigene Ausrottung zu denken, projeziert er seine gewissensentlastenden Vernichtungsfantasien auf tentakelbewehrte Sabberwesen. Der ebenfalls aktuelle Streifen "Twelve Monkeys" mit Brad Pitt als schielendem Tierschützer und Ökoterroristen, dem unterstellt wird, mittels Killervirus der Menschheit ein schnelles Ende bereiten zu wollen, war zu platt strukturiert und bot nicht, was ID4 bietet. ID4 wirkt subtil aber effektiv: Bezeichnend, daß der Mann (Jeff Goldblum, zuletzt als Gentechnikkritiker in Jurassic Park zu sehen), der letztendlich das Mutterschiff und damit alle Aliens mittels einer Atombombe vernichtet, ein passionierter Ök ist: "Wie oft habe ich Dir gesagt: Die Dose gehört ins Recycling?!", lautet sein Lieblingsspruch. ID4 hebt im genozidalen Zerstörungsakt für Sekunden kathartisch den Spannungsbogen zwischen Schein und Sein, Selbsttäuschung und Wahrheit auf. Und hunderte von Kinogängern beklatschen begeistert ihre eigene Vernichtung. Sehenswert. Franz Wegener **** Hier können Sie "Independence Day" von Roland Emmerich bei amazon.de bestellen: |
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