Die Pflanze Weihnachtstern in Marokko
 

Aus dem westfälischem Dorf in die Stadt des Lichts:

Die Karriere des Johann Heinrich Riesener


von Eva-Maria Stuckel

   

Ende des 18. Jahrhunderts macht der Gladbecker Schreiner Johann Heinrich Riesener als Fabrikant von Luxusmöbeln für den französischen Hof in Paris Karriere. Eva-Maria Stuckel hat sein Schicksal begleitet:

    Der Ursprung am Oberhof

    "Jean Henri Riesener ist einer der berühmtesten Kunstschreiner aller Zeiten. Nach der Herkunft deutsch, nach seinem Bildungsgang französisch-deutsch, verdankt er Paris und dem französischen Hof die Ursache für seinen Erfolg und sein Talent." So beginnt Pierre Verlet, langjähriger Leiter der kunstgewerblichen Abteilung des Pariser Louvre, seine Monographie über Johann Heinrich Riesener von 1954 - die einzige, die bis heute über Leben und Werk des Hofmöbelkünstlers Gladbecker Provenienz geschrieben worden ist.

    Johann Heinrich Riesener wurde am 04. Juli 1734 als zweiter Sohn von Jan Herman Riesener und Margaretha Brahms in Gladbeck geboren - zu dieser Zeit eine Gemeinde von ungefähr 1800 Mitgliedern. Im Taufregister von St. Lamberti findet sich folgender Eintrag: "1734. J(oh)an Herman Riesener. Margaretha Brahms. - Jo(h)an Heinrich. - Jo(h)an Heinrich Aders. Catharina Brahms op der Heyen. 11. Juli." Nach der Systematik des Pfarregisters sind zuerst die Namen der Eltern, dann der des Kindes und als letztes die Namen der Taufpaten eingetragen.

    Die Eltern Rieseners sind einfache Bauern, die 1720 heiraten und deren Stammhaus sowie bescheidener landwirtschaftlicher Besitz sich am heutigen Oberhof befand. Der Vater verdient sich ein Zubrot als Stuhldrechsler und ist Amtsfron, d. h. unterstes Organ der erzbischöflichen Kanzlei des Fürstbischofs zu Köln und Gerichtsperson, zuständig für Vollstreckungen und Zustellungen gerichtlicher Art. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat Riesener durch seinen Vater die erste handwerkliche Grundausbildung erhalten. Der kärgliche Hof indes läßt nur Platz für einen der drei Riesener-Sprößlinge - ihn erbt der jüngste Sohn, die beiden ältesten Söhne Johann und Johann Heinrich suchen sich eine neue Zukunft im Ausland und wandern nach Frankreich aus.


    Die Lehrjahre in der "Hauptstadt der Welt"

    1755 begibt sich Johann Heinrich Riesener auf seine Wanderschaft nach Paris und tritt in die Werkstatt Jean-François Oebens ein, Hofmöbelkünstler und Protégé der Madame Pompadour, der "Mätresse per Ehrentitel" Ludwig XV. Ob Riesener zum damaligen Zeitpunkt das Empfehlungsschreiben einer wichtigen Persönlichkeit - z. B. des Erzbischofs zu Köln, in dessen Diensten sein Vater stand - besaß, kann nur vermutet werden. Mit dem Beginn seiner eigentlichen Ausbildung in der Werkstatt Jean-François Oebens, die sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Gelände Des Gobelins befand, hatte er zumindest nicht die schlechteste Wahl getroffen.

    Die Manufaktur Des Gobelins hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine lange Tradition hinter sich. Gegründet 1667 von dem "Sonnenkönig" Ludwig XIV. und dessen Minister Colbert konzentrierten sich in der Manufaktur sämtliche Handwerkskünste, mit deren Hilfe die königlichen Schlösser ausgestattet wurden: Polsterei, Möbelschreinerei, Goldschmiede, Malerei, Skulptur, Bronze-Ziselierung und Gießerei. Hatte Ludwig XIV. noch die Manufaktur mit der Absicht erbaut, möglichst viele ausländische Kunsthandwerker anzuziehen, die ihr Wissen an ihre französischen Kollegen weitergeben konnten, erhielten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts viele Lehrlinge aus Deutschland und den Niederlanden erst in Paris ihre eigentliche Ausbildung.

    Die Werkstätten der Ebenisten befanden sich entweder traditionell im Viertel Saint-Antoine oder - bei den Hofebenisten - auf königlichen Grundstücken wie dem Louvre, Des Gobelins oder dem Arsenal. Verlet schätzt, daß eine durchschnittliche Werkstatt zu dieser Zeit fünf bis zehn Werkbänke besaß und ungefähr zehn Personen - außer dem Meister Kompagnons, Gesellen und Lehrlinge - beschäftigte. Zusätzlich arbeiteten an einem Möbelstück nicht nur Holzschreiner, sondern Skulpteure, Maler, Lackierer, Ziseleure, Goldschmiede, Polsterer und Metallgießer, deren Namen wohl zum Teil überliefert, deren tatsächliche Leistungen jedoch häufig nur zu erahnen sind, da einzig der Ebenist das Recht hatte, das Möbelstück mit seinem Namen zu stempeln und sich auf diese Weise zu verewigen.

    Johann-Franz Oeben war wie ungefähr ein Drittel aller Kunstschreiner in Paris deutscher Herkunft und hatte wie andere auch seinen ursprünglichen Namen an die französische Aussprache angepaßt. In keinem anderem Metier der dekorativen Künste in Frankreich war die Integration ausländischer und besonders deutscher Kunsthandwerker so groß wie bei den Ebenisten, die sich von den traditionellen Schreinern - den französischen "menuisiers" - dadurch unterschieden, daß sie nicht nur Sitzmöbel aus massivem Holz, sondern furnierte Möbel aller Art unter Verwendung von Kupfer, Bronze, Lacken oder Perlmutt herstellten. 1749 heiratete er Françoise-Marguerite Vandercruse, die Schwester des bekannten Möbelkünstlers Roger Vandercruse dit Lacroix, und tritt in die Werkstatt Charles-Joseph Boulles, des amtierenden Hofmöbelkünstlers der Krone, ein. Charles-Joseph war der Sohn des großen André-Charles Boulle - Hofmöbelkünstler Ludwig XIV. -, nach dem die 1886 in Paris gegründete Eliteschule für Kunstschreiner benannt ist.

    Als Charles-Joseph Boulle 1754 stirbt, erhält J. F. Oeben den offiziellen Titel des Hofmöbelkünstlers, des "ébéniste du roi aux Gobelins". Da ihm jedoch der Meistertitel erst im Jahre 1761 verliehen wird, ist er bis dahin nicht berechtigt, seinen eigenen Stempel zu verwenden, was eine sichere Zuschreibung von Möbeln aus seiner Werkstatt besonders schwierig macht. 1759 zieht Oeben dann in den zweiten Hof des Arsenals, wieder auf königlichen Grund und Boden. Das erlaubt es Oeben gleichzeitig, eine Werkstatt zur Herstellung von Bronzelegierungen zu führen: Die Zunftregeln, die solches sonst untersagt hätten, besaßen im Arsenal, das der Gerichtsbarkeit des Grand Maître der Artillerie unterstand, keine Gültigkeit. Riesener - mittlerweile nicht mehr Johann Heinrich, sondern Jean Henri - war natürlich nicht der einzige Lehrling in Oebens Werkstatt: Ein herber Konkurrent erwächst ihm in dem fünf Jahre älteren Jean-François Leleu, einem einfachen Arbeiter aus Saint-Antoine, der sich ebenfalls Hoffnungen macht, den Grundstein zu einer großen Karriere am französischen Hof zu legen und in die Fußstapfen J. F. Oebens zu treten. Zur gleichen Zeit übrigens arbeitete an der Seite Simon Oebens, des Bruders von Jean-François, ein Georges Riesener, wahrscheinlich ein Cousin von Jean Henri.

    Als Oeben im Januar 1763 stirbt, muß seine Witwe Françoise-Marguerite Konkurs anmelden: Offenbar hatte sich Oeben finanziell übernommen oder seine Kunden - darunter auch die Krone - waren in immensem Zahlungsrückstand. Eine Liste seiner Güter wurde von drei Kunstschreinern, unter ihnen Gilles Joubert - Nachfolger Oebens im Amt des Hofmöbelkünstlers - angefertigt, jedoch erlaubte der Verkauf nicht, alle Gläubiger Oebens auszuzahlen. Die Werkstatt wurde daraufhin von Françoise-Marguerite als Leiterin des Unternehmens zusammen mit dem langjährigen ersten Mitarbeiter Oebens, Wynant Stylen, weitergeführt. Soweit auf einen qualifizierten Gesellen zurückgegriffen werden konnte, erlaubten es die Statuten der Pariser Zünfte, daß die Witwe eines Kunstschreiners die wirtschaftliche Verantwortung für eine Werkstatt übernahm.

    Nach dem Tode Oebens beginnt ein erbitterter Konkurrenzkampf zwischen Riesener und Leleu um die Gunst der Witwe ihres gemeinsamen Meisters, der sehr schnell zugunsten von Riesener entschieden ist: Ab 1765 leitet Riesener die Werkstatt im Arsenal. Leleu versucht sich nachweislich zweimal für die verlorengegangenen Pfründe zu rächen: Zum einen ritzt er auf die Rückseite der Schublade eines Toiletten- und Schreibtisches, der eindeutig Oeben zuzuschreiben ist, unerlaubt "L.E.LEU" ein. Zum anderen nutzt Leleu eine zufällige Begegnung mit Riesener in den Straßen von Paris am 12.8.1765, seinen Ex-Konkurrenten mit Schlägen auf den Kopf zu verprügeln und dessen Hut in den Straßenschlamm zu befördern. Einen Tag später erstattet Riesener Anzeige gegen Leleu beim zuständigen Polizeiamt in Châtelet:

    "…aus Haß gegen den Kläger, der die Geschäfte der Witwe Oeben im Arsenal führt, bei der besagter Leleu gearbeitet hat, wurde er einige Male von dessen Frau beleidigt…, als er gestern gegen sechs Uhr abends mit zwei Brettern beladen nach Hause zurückkehrt, begegnet ihm Leleu und dessen Kompagnon, die beide auf ihn zugehen, und besagter Leleu schlägt ihn mehrmals auf den Kopf…"

    Gleichwohl hatte Leleu in den folgenden Jahren keinen Grund zur Klage: Er erhielt bereits im Jahre 1764 - drei Jahre früher als Riesener - den Meistertitel und war berechtigt, seine eigene Werkstatt zu führen. Wenn er auch bis auf ein Möbelstück aus dem Jahre 1785 nicht für die Krone arbeitete, zählten die Comtesse du Barry und der Prinz de Condé zu seinen zahlungskräftigen Kunden. Im Unterschied zu vielen seiner Kollegen gelang es ihm, sein Vermögen durch die Wirren der Revolution zu schleusen. Er starb reich begütert 1807 in Paris.


    Der unaufhaltsame Aufstieg Rieseners

    Für einen Ausländer wie Jean Henri Riesener jedoch war es wesentlich schwieriger, den begehrten Meistertitel und damit einen eigenen Möbelstempel zu erhalten. Der Weg führte zumeist nur über die Heirat mit der Witwe des Meisters bzw. mit der Schwester oder Tochter eines bereits etablierten Möbelschreiners. Am 6. August 1767 heiratet Riesener die Witwe Françoise-Marguerite und lebt fortan im Arsenal direkt bei seiner Werkstatt. In dem fast zwanzig Seiten umfassenden, obligatorischen Ehevertrag gibt Jean Henri als Beruf des Vaters "Gerichtsdiener in der Kanzlei des Fürstbischofs zu Köln" an. Am 23. Januar 1768 ist es dann soweit - Riesener erlangt den begehrten Meistertitel und wird offizieller Inhaber der Manufaktur im Arsenal. Jetzt ist er berechtigt, Möbel aus seiner Werkstatt auch mit seinem eigenen Namensstempel zu versehen. Davor mußte er den Stempel seines verstorbenen Meisters J. F. Oeben verwenden. Die meisten Möbelstücke für die Krone wurden ohnehin nicht gestempelt, weswegen sich viele Ebenisten darauf verlegten, ein unverwechselbares Motiv, ein Bronzeornament oder eine bestimmte Form zu verwenden, um dem Möbelstück ihr persönliches Signum aufzudrücken.

    Als Riesener den noch von Oeben entworfenen Schreibtisch Ludwig XV., das berühmte "Bureau du Roi" - bereits 1760 begonnen - im Jahre 1769 endlich fertigstellen kann, versieht er es stolz mit seinem eigenen Namen: "Riesener H. f., 1769 à l'arsenal de Paris". Er erhält 62.775 Livres - französische Pfund - für das mit Geheimfächern und mit einer von ihm erfundenen, durch Knopfdruck zu öffnenden Rollade versehene "Bureau du Roi", das sein besonderes Talent für Möbel mit komplizierten mechanischen Finessen zeigt. Von diesem Zeitpunkt bis 1775 kann man die erste Phase seiner Schaffensperiode festsetzen, in der Riesener noch unter dem Einfluß Oebens und den stark geschwungenen Formen des Louis XV.-Stiles mit seinen üppigen Bronzeverzierungen steht. Die Möbel dieser Zeit erinnern durch geschweifte Linien, ausgefallene Blumenkorbmotive und überladene Marketeriemuster an das Rokoko.

    Die erfolgreiche Vollendung des berühmtesten Möbelstückes des 18. Jahrhunderts führt zur steigenden Frequentierung seiner Werkstatt durch die königliche Möbelaufsicht. Nach dem Tode von Gilles Joubert ist es schließlich nur folgerichtig, daß Riesener im Juli 1774 beim Thronantritt Ludwig XVI. zum Hofmöbelkünstler und Ebenisten der Krone ernannt wird. Die nächsten zehn Jahre werden seine erfolgreichsten: Die Preise für Möbel steigen auf mehr als das Doppelte im Vergleich zu seinem Vorgänger, der für seine Arbeiten insgesamt 30 - 40 000 Livres von der Krone erhalten hatte. Mit dem Thronantritt Ludwig XVI. ändert sich auch sein Stil: Die Formen werden geradliniger , weniger schwerfällig, Marketerie-Muster im geometrischen Stil werden vorherrschend und Riesener versucht sich besonders bei kleineren Möbeln in einfacher, prägnanter Eleganz.

    Die von Charles Cressent, einem Zeitgenossen André-Charles Boulles, und J. F. Oeben erfundenen Techniken zur Integration geheimer Schubladen oder besonderer mechanischer Vorrichtungen in Möbelstücke wurden von Riesener bis zur Perfektion weiterentwickelt. Auch sein zeitlebens größter Konkurrent David Roentgen, dessen Werkstatt sich in Neuwied am Rhein befand, nutzt die Geheimmaschinen-Technik des Frankfurter Uhrmachers Kintzing, um multifunktionelle Möbel für eine anspruchsvolle Kundschaft herzustellen. Ein berühmtes Beispiel: Riesener ersinnt für die im Wochenbett liegende Königin Marie Antoinette einen Tisch, dessen Platte durch Drehung als Schreibfläche oder als Spiegel benutzt werden kann und durch eine Kurbel an der Seite mehrere Fächer automatisch öffnet.

    Von 1774 bis 1784 verdient Riesener 938 000 Livres - verglichen mit dem heutigen Franc mindestens das Zehnfache, also rund 4 Mill. DM. Comte François de Salverte hat in den königlichen Archiven sämtliche Zahlungen, die er in diesen Jahren erhalten hat, recherchiert:

    1775 58 470 Livres 1776 109 803 Livres 1777 71 948 Livres
    1778 14 533 Livres 1779 135 513 Livres 1780 50 998 Livres
    1781 140 926 Livres 1782 135 544 Livres 1783 81 369 Livres
    1784 78 026 Livres

    Zum Vergleich: Ein Kunstschreinergeselle verdiente nach mindestens sechs Jahren Lehrzeit höchstens 2 Livres pro Tag.

    Die ganze gehobene Gesellschaft im Umkreis des Hofes macht Riesener zu ihrem bevorzugten Möbellieferanten. Aufgrund seiner außerordentlichen Aktivität, die ein System von Serienfertigung vermuten läßt, kann Riesener in kurzer Zeit ein beträchtliches Vermögen anhäufen, wie überhaupt viele Ebenisten im Unterschied zu den klassischen Pariser Schreinern gleichzeitig als wirtschaftliche Unternehmer mit hoher Kompetenz agierten - die Hofebenisten besaßen ebenfalls den Titel "Händler gemäß dem Hofe". Nur selten griffen sie auf etablierte Zwischenhändler zurück, die zudem häufig ungestempelte Möbelstücke verlangten, um ihre private Kundschaft über die Herkunft der Möbel im Unklaren zu lassen.

    Der Überfluß an Bestellungen bei Riesener führte mitunter zur Auslagerung von Aufträgen an renommierte Künstler, die ihre Werkstätten in den traditionellen Pariser Handwerksvierteln hatten. Alle Hofebenisten seit 1726 verfuhren auf diese Weise - Riesener nahm die Künste Adam Weisweilers als Unterfabrikanten in Anspruch: Diese Möbel wurden dann von Riesener gestempelt. Nicht selten geschieht es auch, daß bei besonders eiligen Bestellungen teilweise fertiggestellte oder alte, ausrangierte Möbel früherer Ebenisten dazu benutzt werden, neue Möbel zu fabrizieren. Der Wechsel in Geschmack und Stil bedingt eine permanente Umarbeitung und Veränderung von Möbeln früherer Epochen - im günstigen Fall wird der Ebenist mit der Restaurierung von aus der Mode gekommenen Möbelstücken betraut, die die Werke seiner Vorgänger im ursprünglichen Zustand belassen.

    1776 stirbt seine Frau Françoise-Marguerite. Sie hinterläßt ihm einen Sohn namens Henry-François, der ein bekannter Portraitmaler wird. Sieben Jahre später heiratet Riesener die minderjährige Tochter eines Pariser Bürgers, Marie-Anne Grezel. Die Ehe scheint nicht sehr glücklich gewesen zu sein. Unsicher ist darüber hinaus der juristische Zustand der Ehe in den folgenden Jahren: Zum einen wird Riesener in seiner Sterbeurkunde als - gemäß dem neuen Revolutionsrecht - 1793 geschiedener Ehegatte bezeichnet, zum anderen existiert eine notarielle Akte vom Juli 1799, mit der Madame Riesener ihrem Mann eine Schenkung macht, bestehend aus ihrer Mitgift und dem Vermögen, das ihr nach einer Gütertrennung zugefallen ist:

    "Vor den öffentlichen Notaren unterzeichnet…: Bürgerin Marie-Anne-Claudine Grezel, Frau des Jean-Henry Riesener, wohnhaft in Paris, Hof der Veteranen, im Arsenal…autorisiert insbesondere durch die Gegenwart ihres Gatten, mit ihr zusammenwohnend zum gegenwärtigen Zeitpunkt, bei guter Gesundheit, bedenkend, daß sie keine Kinder hat, will dem Bürger Riesener, ihrem Gatten, Zeugnisse ihrer Wertschätzung und ihrer Freundschaft geben…hat durch die Anwesenden, zwischen den Lebenden, dem Bürger Jean-Henry Riesener, ihrem Mann, eine Schenkung, das bestätigend, von ihrem bloßen Eigentum überschrieben: 1) eine Summe von 12 000 Francs, die sie in die Ehe getragen und und die sie ihm als Aussteuer durch ihren Vater und ihre Mutter gemäß dem Heiratsvertrag, verfaßt von Guillaume, Notar in Paris…den 27. Mai 1783, gemacht hat; 2) den Teil, der der Bürgerin Riesener, Geberin, anläßlich der Auflösung der Gemeinschaft zwischen ihr und ihrem Gatten an beweglichen und unbeweglichen Gütern zugefallen ist, die sich aus dem Nettoaktivvermögen zusammensetzten…Geschrieben in Paris, in der Kanzlei, im Jahre VII der einen und unteilbaren französischen Republik, den 4. Thermidor, vormittags."

    Seine dritte Schaffensperiode und die Vollendung seines Stils "à la Grecque" kann von 1780 bis 1791 festgelegt werden. Er produziert Möbelstücke mit beinahe geraden, klassischen Formen sowie einfachem Furnier und einer sparsamen Marketerie aus gleichförmigen Rauten. Riesener verlegt sich auf die Bearbeitung kostbarster Materialien, besonders von Mahagoni, das er in verschiedensten Sorten - rötliches einfarbig, samtig und gefleckt bzw. helles blond, milchig oder gemasert - verwendet, sowie auf die Verfeinerung der Bronzemarketerien, für die ihm der größte Meister seines Fachs, Gouthière, zur Verfügung stand.

    Im Jahre 1784 - dem Höhepunkt seiner Karriere - verkauft der Intendant der Möbelaufsicht der Krone, der Chevalier de Fontanieu, sein Amt an den Dragoneroffizier Thierry de Ville d'Avray. Dieser schafft das seit dem späten 17. Jahrhundert benutzte "Journal der Möbelaufsicht" als Buchhaltung aller Möbelkäufe ab und führt stattdessen ein neues, detaillierteres System mit mehr Kontrollen ein. Die Preise, die Riesener für seine Möbel fordert, werden von ihm als "exzessiv und sogar lächerlich" bezeichnet. Rieseners Kostenaufstellungen pro Möbelstück werden von nun an pauschal um 10 % gekürzt. Konflikte bleiben nicht aus: Riesener streitet sich mit der Möbelaufsicht über die in Rechnung gestellten Materialkosten und Löhne der Arbeiter. Er muß jedoch ein Papier der "Unterwerfung" und des "Gehorsams" unterzeichnen, das ihn dazu verpflichtet, für jedes Möbelstück einen Kostenvoranschlag anzufertigen und sämtliche Expertisen über den Wert seiner Arbeiten zu akzeptieren. Er wird bei der Vergabe von Möbelaufträgen durch die Krone immer mehr von seinem Landsmann Guillaume Benneman verdrängt, an den er schließlich 1785 den offiziellen Titel des Hofebenisten abtreten muß.

    Guillaume Beneman kam bereits im fortgeschrittenen Alter aus Deutschland nach Paris. Eine schriftliche Notiz aus dem Jahre 1791 zeigt, daß er ein miserables Französisch sprach. Die Möbel, die er an die Krone lieferte, fertigte er unter Anleitung des künstlerischen Leiters der königlichen Möbelaufsicht, des Skulpteurs Hauré, auf Grundlage von Entwürfen Joseph Stöckels, ebenfalls Kunstschreiner in Paris und Meister seit 1775. Es waren also nicht ästhetische Erwägungen, die Beneman bis 1790 fast alle Aufträge des Hofes zuschanzten, sondern rein finanzielle. Thierry de Ville d'Avray hatte sich die fast unlösbare Aufgabe vorgenommen, die desolaten Staatskassen der Monarchie zu sanieren, und seine Einschätzung von Rieseners Preisen war nicht ganz aus der Luft gegriffen: Eine Kommode, die Riesener nach seinen Entwürfen 1784 ohne Marmorplatte an die Königin lieferte, wurde von ihm mit 1560 Livres veranschlagt - eine Kopie dieser Kommode, die Beneman im Auftrag der Krone 1788 ausführte, kam gerade mal 1096 Livres zu stehen.

    Sicher schwingt ein Moment handwerklichen Selbstbewußtseins mit, als Riesener sich 1785 von dem bekannten Gesellschaftsmaler Antoine Vestier portraitieren läßt: Das mehr als halbfigürige Portrait - eine Kunstform, die sonst nur dem Adel zukam - zeigt Riesener in souveräner Pose während des Arbeitsprozesses. Fast zwanzig Jahre später wird dieser Akzent der Darstellung zum bevorzugten Mittel des Bürgertums, den sittlichen Adel des Geistes und der Leistung dem Adel durch Geburt entgegenzusetzen. Pierre Verlet: "…die gepuderte Perücke, die gestickte Weste, Jabot und Manschetten in Spitze zeugen für seinen Wohlstand, der nicht der eines Handwerkers ist, sondern einer Persönlichkeit, die in der Gunst des Hofes lebt. Er sitzt auf einem geschnitzten Stuhl und stützt sich auf einen prunkvoll ausgearbeiteten Tisch…Riesener hat einen Kohlestift in der Hand, und auf dem Tisch erkennt man eine Anzahl Zeichnungen, die Entwürfe von Laubwerk, Verzierungen und Rosetten darstellen und die - in Bronze ausgeführt - zum Schmuck seiner Möbel dienten."


    Der "Bürger" Riesener und die Revolution

    Rieseners Beträge, die er durch Aufträge der Krone erhält, fallen bis zum Morgengrauen der Revolution bis auf 15 000 Livres. Einzig Königin Marie Antoinette mit ihrer Vorliebe für exquisite Materialien und ausgefallenes Design läßt es sich nicht nehmen, für ihre Schlösser in Saint-Cloud und Fontainebleau weiterhin bei Riesener Möbel in Auftrag zu geben. Der Wandel seines Stils hin zu eher femininen, leichteren Formen, weg vom repräsentativen, majestätischen Stil früherer Epochen, liegt auch hierin begründet - in der Produktion für ihre Privatgemächer mit kleinen Raumdimensionen und eher praktischen Anforderungen. Berühmt ist eine Serie von Möbeln mit Marketerie aus Perlmutt, das als Material sehr selten verwandt wurde. Selbst nach der Revolution und der Entmachtung des Königs 1789 fertigt Riesener für die Königin sündhaft teure Stücke an - ein eklatantes Beispiel für die Naivität und Fehleinschätzung der politischen Situation.

    Die letzten Stücke für den französischen Hof aus den Jahren 1790 und 1791 produziert er offenbar zusammen mit seinem Kollegen Ferdinand Bury. Durch die Emigration seiner aristokratischen Klientel verliert Riesener endgültig seine traditionelle Kundschaft - er ist gezwungen, von seinen Arbeitern Gewehrkolben herstellen zu lassen. Gleichwohl scheint er sich mit dem neuen Regime zu arrangieren: Gemeinsam mit den Malern Jean-Louis David - Jakobiner und Mitglied des Nationalkonvents - sowie Hubert Robert wird er 1793 Mitglied einer Kommission, die Expertisen der beschlagnahmten Kunstwerke des Adels für die großen revolutionären Auktionen erstellt.

    Auf der Versteigerung der königlichen Möbel 1793 gemäß Beschluß des Nationalkonvents kauft er einen Teil seiner Werke zurück - in der Hoffnung, einen großen Gewinn zu machen, wenn sich die Verkaufschancen gebessert hätten. Auf Befehl des Revolutionsregimes muß er die meisten königlichen Insignien entfernen und sie durch Porzellaneinlagen à la Sèvres ersetzen. Im Januar 1794 veröffentlicht er eine Anzeige, mit der er seine Möbel anbietet:

    "Verkauf schöner Werke der Möbelkunst aus der Fabrik des Bürgers Riesener, Ebenist, nämlich: Sekretäre, Kommoden, Schreibtische, Tische und Regale, Toilettentische, Kassetten, Reisesekretäre, zum größten Teil aus dem hübschesten Mahagoni; andere zum Teil mit schattierter Marketerie, aus Ebenholz, bestimmt für die Privatgemächer des vorgelagerten Schlosses von Versailles; alle reichlich geschmückt mit schönen Frisen und Girlanden, Blumen und anderen Ornamenten, neuen Modellen, vorzüglich ziseliert durch die geschicktesten Künstler von Paris und die schönste Vergoldung in mattem Gold. Der Verkauf soll freihändig vonstatten gehen, vorliegend bei dem Bürger Riesener, Ebenist, Hof der Veteranen, im Arsenal."

    Er wiederholt diese unter dem Direktorium, jedoch ohne Erfolg: Der Geschmack hatte sich gewandelt, es gelten jetzt die "Doctrines de David". Nach einer gewissen Zeit ist er gezwungen, die Reichtümer, die seinen Lagerraum überfüllen, aufzulösen. Er stellt weiterhin Möbel her, hat jedoch nicht mehr die Mittel, um qualifizierte Arbeiter zu beschäftigen oder hochwertige Materialien zu verwenden. Dennoch hat er bis zuletzt Sitzmöbel in Mahagoni gefertigt, wie von ihm gestempelte Beichtstühle aus diesen Jahren zeigen. Die Möbel, die er in den Jahren der Republik produziert, werden mehrheitlich als unbedeutend angesehen. Gleichwohl muß man bedenken, daß Riesener bereits lange vor der Revolution Möbel in einfacher Ausführung und ohne Bronzebeschläge produzierte - vorrangig für zweitrangige Schloßappartements ohne repräsentative Funktion und für niedrigrangige Mitglieder des Hofes. Verlet schreibt dazu: "Dies bedeutet vielleicht das höchste Lob, das man der Kunst Rieseners zollen kann: gewöhnt kostbarste Stücke herzustellen, arbeitet er nun sehr einfache mit derselben Eleganz."

    Der Respekt für seine Kompetenz und sein Wissen ist trotz des Anbruchs des bürgerlichen Zeitalters weiterhin ungebrochen: Er wird am brancheninternen Handelsgerichtshof oft als Schlichter benannt - im Januar 1799 schreibt er den letzten Bericht für das "Tribunal de commerce". Er schließt seine Werkstatt definitiv 1801 und verläßt das Arsenal, um in die Rue Saint-Honoré Nr. 2, in einen der Pavillons auf den Grundstücken der Jakobiner zu ziehen. Auch hier war er noch unter Kollegen: Das Viertel Saint-Honoré war für Jahrzehnte der Ort, an dem viele Möbelhändler und Lieferanten exklusiver Materialien für die Ebenisterie ansässig waren - wie Simon Philippe Poirier, Spezialist für Porzellandekor "à la Sèvres".

    Am 6. Januar 1806 stirbt Jean-Henri Riesener im Alter von 71 Jahren um 6.00 Uhr abends. Sein Grab ist unbekannt. Seine Nachfahren, die noch zwei seiner Werkzeuge im Familienbesitz aufbewahren, haben ihm einen Gedenkstein auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise gesetzt. Sein Stil der Möbelkunst war für das französische Kunsthandwerk noch hundert Jahre später - im Zweiten Empire - vorbildlich. Comte François de Salverte:

    "Die Anpassungsfähigkeit seines Genies sowie die Kraft der korporativen Institutionen haben aus diesem Fremden den französischsten, den pariserischsten unserer Ebenisten gemacht, ihn, der in seinen Kreationen die liebenswürdige und brillante Eleganz der zeitgenössischen Gesellschaft am besten wiederzugeben wußte."

    © by Eva-Maria Stuckel, Vorsitzende des Kulturfördervereins Ruhrgebiet.

    Für die freundliche Unterstützung meiner Recherchen danke ich dem Historiker Franz-Josef Wegener, Stadtarchivar Rainer Weichelt und Museumsdirektor Dr. Wolfgang Schneider.

   
   
   
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