Die Pflanze Weihnachtstern in Marokko
 

Endstation Sehnsucht

von Franz Wegener

   

Am Dienstag, dem 4. Februar 1992 stürzt sich in der kleinen Ruhrgebietsstadt Gladbeck ein 19jähriger Ex-DDR-Bürger in den Tod. Franz Wegener ging den Motiven für dieseVerzweifelungstat nach:


    Alle Gladbecker kennen es: An der Stelle, an der sich noch vor wenigen Jahren ein Garten befand, steht heute ein grauer, nichtssagender Betonklotz: Das Karstadt-Parkhaus. Vor noch nicht allzu langer Zeit blieben viele Gladbecker im Frühjahr vor dem Garten stehen und bestaunten den dort stehenden, wunderschönen, alten Magnolienbaum, der mit seinen unzähligen, rosa-weißen Blüten die Sparziergänger erfreute. Heute wird der Boden des Gartens von massivem Beton bedeckt.

    Es ist Dienstag, der 4. Februar 1992. Christian Brinkmann betritt mit einigen Freunden das Parkhaus an der Friedrich-Ebert-Straße. Der Hausmeister, der befürchtet, daß es zu Manipulationen an den Autos kommen könnte, ruft die Polizei. Die Polizisten vermuten, daß die Jugendlichen unter Drogen- oder Alkoholeinfluß stehen: Vermutlich war es beides." Als der Streifenwagen kommt, fordern die Schutzpolizisten die Jungen auf, das Parkhaus zu verlassen. Widerwillig gehen sie. Christian jedoch macht kurze Zeit später wieder kehrt und geht erneut in das Parkhaus. Er betritt das kalte, schmuddelige Treppenhaus des Parkhauses, schaut durch die drecktrüben Scheiben auf das Portal der gegenüber liegenden Sparkasse. Das Glas spiegelt ihn für einen Moment: Christian trägt eine schwarze, fleckige Jeans. Der Stoff ist an einigen Stellen aufgerissen, die Haut ist sichtbar. Eine Jeansjacke mit Nieten über dem weißen T-Shirt. Den einzigen Schutz gegen das naßkalte Wetter bietet ein Palästinensertuch mit Fransen und grauen Karos. Christian hat ein schön geschnittenes Gesicht, das von einem Wust schwarzer Locken gerahmt wird. Es sind rund 80 Stufen, dann hat er endlich das Dach erreicht. Es ist kurz vor 17.00 Uhr. Der Himmel ist verhangen, es regnet schon seit Tagen in Gladbeck. Der 19jährige geht auf die aus beigefarbenen Betonfertigelementen bestehende Ballustrade des Parkhausdaches zu, steigt auf die Brüstung und läßt sich fallen: 15 Meter Ewigkeit.

    Frau A. steht hinter der postmodernen Theke in der Elefantenapotheke. Die Apotheke befindet sich im Erdgeschoß des Parkhauses, die tiefliegenden Schaufenster gehen auf den Bürgersteig hinaus. Frau A. hat heute Dienst. Es ist ein ganz normaler Tag in Gladbeck. Plötzlich geht die Tür auf, eine Frau kommt außer Atem hereingestürzt: Einen Notarzt, einen Notarzt!" Frau A. hinter der türkisfarbenen Theke schaut etwas hilflos, die atemlose Frau ergänzt: Da ist einer vom Dach gefallen." Kurz darauf erscheint der Arzt. Eine halbe Stunde bemüht er sich. Umsonst. Die Apothekenangestellte: Dann kam die Feuerwehr und hat ihn zugedeckt, da war ja nicht mehr viel."

    Sieben Stunden vor dem Flug", um 10.00 Uhr nimmt sich Christian einen alten Kassettenrecorder und drückt die Aufnahmetasten. Im Hintergrund spielt laute Musik, dennoch wird die Aufnahme halbwegs verständlich. Er beklagt, daß er kein Geld habe. Er befürchtet, daß ihn die Eltern, die nach der Euphorie des Umzugs in den Westen eine viel zu große Wohnung genommen haben, und jetzt umziehen müssen, zur Obdachlosigkeit verdammen werden. Der Kühlschrank hat jetzt schon ein Schloß. Ich springe vom Parkhaus. Vorher lasse ich Bilder von mir machen. Die Bilder leg' ich für alle, die sie wollen, oben hin. Die Fotos liegen oben, ich lieg unten."

    Die Presseberichterstattung am nächsten Morgen kann den Eindruck erwecken, ein besoffener Penner sei im Suff vom Dach gefallen. Das Band belegt: Es war ein geplanter Freitod. Der Karstadtflieger", wie ihn in Gladbeck die Jugendlichen seitdem nennen, ist im Herbst '89 aus der damaligen DDR in die BRD gekommen. Nach einer Woche Aufenthalt in Bayern kamen sie nach Gladbeck. Der Anfang war nicht leicht, obwohl die Mutter gleich eine Stelle als Krankenschwester fand. Der beige Trabbi, den sie aus der Heimat mitbrachten, wurde von Nachbarn mehrfach demoliert, die Reifen aufgeschlitzt. Seitdem wurde der Trabbi immer drei Straßenzüge weiter geparkt, später dann ein Opel gekauft. Es wird Zeit, daß die gehen", äußert sich ein Anwohner noch kurz vor dem Umzug der Familie weg von Gladbeck - sieben Tage nachdem Christan gesprungen ist. In dem Viertel, in dem die Familie wohnte, grassierte der Haß auf die von drüben". Familien, die ständig mit dem Gang zum Sozialamt rechnen müssen oder dort längst ein und aus gehen, sahen 1992 in den Ossis den Grund für ihre Wohnungs- und Arbeitsplatzprobleme.

    Hans Ritsch, Tischler, hat selbst Kinder im Alter von Christian. Bei Ritsch finden hin und wieder Feten statt, da wird auch mal die Nacht durchgemacht. Christian war öfter unter den Gästen, blieb gerne bis zum nächsten Morgen und frühstückte dann mit den Ritschs.Der Tischler ist entsetzt über die Ignoranz, die die Gladbecker Öffentlichkeit dem Freitod entgegenbringt: Den Zeitungen war der Vorfall acht Zeilen wert, acht!" Zwei Wochen nach Christians Tod verfaßt er einen Nachruf, den alle Zeitungen drucken: Im Kessel gärt es." Er erwähnt, daß die Jugend Gladbecks um einen der ihren trauert." Viele der Jugendlichen, die Christian kannten und sich jeden Samstag vormittag vor der Gladbecker Tschibo-Filiale in der City treffen, sind geschockt, wollen oder können nicht über das Passierte sprechen. Daß in den Zeitungen lediglich von Drogen- oder Alkoholeinfluß die Rede ist, erbost sie. Gekifft haben die meisten von ihnen schon einmal, getrunken auch. Aber deshalb hat sich keiner von ihnen von einem Parkhaus gestürzt.

    Die Mutter ist ratlos: Christan sei im Westen in schlechte Kreise geraten. Alkohol und Drogen seien die Folge gewesen. Ein Bekannter von Christan vermutet: Der wollte gar nicht mit in den Westen, der hatte seine Freundin drüben, der wußte überhaupt nicht, was er hier sollte." Christan besuchte bis zum Beginn seiner Lehre beim Pütt die Ingeborg-Drewitz-Gesamtschule in Gladbeck. Sein bester Freund, der damals die Parallelklasse besuchte, meint: Nach außen hat Christian alles auf die leichte Schulter genommen, aber in Wirklichkeit ist er mit vielem nicht fertig geworden. Er wäre beinahe von der Berufsschule geflogen, hatte keine Lust mehr, das hätte dann das Ende seiner Lehre bedeutet. Und dann waren da noch die Schulden bei der Bank." Während dieser Zeit veränderte er sein Outfit, bis es den letztendlichen Trash-Look erreichte. Für den Außenstehenden stand fest: der Junge hat sich geradezu vorbildlich dem westlichen Habitus angepaßt und hat in der Gladbecker Jugendkultur seinen Platz gefunden. Gladbecker Jugendkultur? Hans Ritsch: Sie haben in INTRO ja letztens noch über den zwanzigjährigen Thomas berichtet, der obdachlos ist. Da stimmt doch in dieser Stadt irgendetwas nicht. Das sind doch keine Einzelfälle."

    Am 12. Februar erscheint im örtlichen Anzeigenblatt eine Todesanzeige für Christian. Aufgegeben wurde sie von Christians Mitschülern aus der Berufsschulklasse: Wir trauern um unseren Freund und Kamerad. Wir werden ihn nie vergessen." Einige Tage nach dem Freitod setzen Gladbecker Jugendliche dem Toten ein Denkmal. Es ist nicht aus Marmor, hat nicht viertausend Mark gekostet und steht auf keinem Friedhof. Das Denkmal befindet sich auf dem Dach des Karstadt-Parkhauses. Die Wände sind mit Graffiti verziert. Niemand wird angeklagt, nur Fragen werden gestellt: Warum hast Du das getan?" steht da in schwarzen Lettern auf weißem Beton und Die Antwort auf die Frage 'Leben' ist 'Tod'." Die Gladbecker Jugend trauert: Wir lieben Dich Christian. Wir denken an Dich. Denk an uns." Die Stelle von der Christian in den Tod gesprungen ist, ist mit einem schwarzen Pfeil markiert. Unter dem Pfeil kann jeder, der will, lesen: Endstation Sehnsucht."

    Franz Wegener


    INTRO-Interview mit Rüdiger, einem Freund von Christian:

    INTRO: Rüdiger, wie hast Du von Christians Tod erfahren?
    RÜDIGER: Wir waren alle in der Ente, einer kam rein und hat es erzählt. Alle saßen da, haben sich umarmt und geheult.
    INTRO: Wer ist wir?
    RÜDIGER: Das waren vor allem Leute aus der Tschibo-Clique. Daher kannte ich auch Christian.
    INTRO: Was sind das für Leute?
    RÜDIGER: Wir haben alle eine politisch extrem linke Denkweise. Die zwei/drei rechten in der Tschibo-Clique werden aber toleriert. Die Meisten rennen ziemlich gammelig rum, mit PLO-Tuch und gefärbten Haaren. Anders als die Normalen.
    INTRO: Wer sind die Normalen?
    RÜDIGER: Das sind die, die sich sagen "Hauptsache ein warmes Bett und was zu essen", die in der Schule einfach so mitlaufen.
    INTRO: Hast Du schon mal an Selbstmord gedacht?
    RÜDIGER: Ich kenn'zwei, die es versucht haben.
    NTRO: Wie?
    RÜDIGER: Mit Tabletten.
    INTRO: Was ist mit Dir?
    RÜDIGER: Ich leb'in ganz anderen Verhältnissen als der Christian. Ich hab'zwar auch Druck zu Hause, aber nur das übliche. Meine Mutter leidet unter Verfolgungswahn. Wir wohnen in Kirchhellen, da mäht jeder seinen Rasen mit der Nadelschere. Wenn ich auf die Straße gehe, heißt es nur "Paß'auf, daß Dich die Nachbarn nicht sehen." Meine Mutter meint, hier ständen die Nachbarn den ganzen Tag hinter der Gardine und würden gaffen. Ich würde vielleicht durchdrehen, wenn ich erfahren würde, daß meine Freundin einen anderen hat. Aber man muß leben um zu überleben.
    INTRO: Glaubst Du daß Christian ein Einzelfall ist?
    RÜDIGER: Es dauert nicht mehr lange, dann springt der nächste. Es ist eine unglaublich depressive Stimmung unter den Leuten.
    INTRO: Hat Christians Tod irgendwas gebracht?
    RÜDIGER: Jetzt reden die Leute endlich darüber.
    (Der Name wurde von der Redaktion geändert.)

    Franz Wegener

   
   
   
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