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"Lieber Führer Adolf Hitler! Eine Frau aus dem Sachsenland möchte gern ein Kind von Ihnen haben.[...] Dies ist mein größter Wunsch, dessen Erfüllung ich mit der ganzen Kraft meines Herzens ersehne. Ich lege ihn Ihnen vertrauensvoll zur Kenntnisnahme vor und wünsche Ihnen zur Verarbeitung desselben eine ruhige, stille Stunde." "Ich habe ja nichts als meine Liebe zu Dir. Wenn Du die jetzt noch willst, dann, lieber Führer, nimm sie Dir. Sonst habe ich ja nichts, was ich Dir zum Opfer bringen könnte, als nur diese Liebe[...] und die gebe ich Dir ganz, o nimm sie hin. Deine Emmi" "Liebster, heißersehnter Mann, Herzensbester! Wölflein![...] Bitte schreib mir doch einmal, ich küsse Dich auch auf Deine 4 Buchstaben und tue Front frei, damit Du fühlst, wie lieb ich Dich hab. Mehr Patriotismus kannst Du nicht verlangen[...] Heil Adölflein!" Berlin 1946. Der bei der OMGUS - Office of Military Government of the United States - beschäftigte Soldat William C. Emker betritt aus Neugier Hitlers Reichskanzlei. Auf dem Boden liegt ein Wust von Dokumenten und Papieren, feucht und faulig von dem Regen, der durch die Bombenkrater in der Decke nieselt. Soldaten der Roten Armee haben in den Tagen davor die schweren Kartothek- und Aktenschränke mitgenommen und die amtlichen Papiere des deutschen Diktators ihrem historischen Schicksal überlassen. Er bückt sich, fischt einen Brief heraus und beginnt zu lesen. Es ist der Liebesbrief einer begeisterten Volksgenossin an ihren Führer. In den Tagen danach fährt er über 20 mal zu dem zerstörten Gebäude und verläßt es mit einer vollen Aktentasche Richtung amerikanischer Sektor, wo seine Wohnung liegt. Blenden wir zurück. Das Deutschland der Nazis brachte eine Restauration der traditionellen Hausfrauen- und Mutterrolle, in ihrer ideologischen Begründung und praktischen Umsetzung weitaus schärfer als ihre historischen Vorläufer. Nicht alle Frauen ergaben sich in die von den Nazis propagierte "kleine Welt". Den meisten jedoch schien dies ohne Vorbehalte zu gelingen. Vielleicht, weil sie mangels eigener Antriebskraft oder angesichts äußerer Zwänge diese "kleine Welt" des Haushalts und der Kindererziehung nie verlassen hatten. Häufig geschah das alles andere als leise - sie bejubelten den Führer als ihren Erlöser, bekleideten Positionen in der NS-Frauenschaft, beim Bund deutscher Mädel, in Kriegshilfsorganisationen oder sogar als KZ-Aufseherinnen. Einige von ihnen schrieben ihm Liebesbriefe. Offenbar erhofften sie sich von den Nazis eine Form von Anerkennung, die ihnen in dieser öffentlichen Deklamation bisher versagt geblieben war. Offenbar begriffen sie die Forderung nach dem "rechten" Platz der Frau nicht als Einschränkung, sondern als Bestätigung - und zwar der traditionellen, objektiv politisch einflußlosen Rolle als Hüterin des heimischen Herdes. Das war die bequemere, ungefährlichere Variante würdigen Respekts als die von Margarete Mitscherlich analysierte "Mühsal der Emanzipation". Eine Gertrud Scholz-Klink war als Mutter von elf Kindern nicht nur die für männliche Parteiführer ideale Vorsitzende der NS-Frauenschaft - ihre parteiintern und machtpolitisch belanglose Position begeisterte Millionen Frauen auf verquere Weise für ihr selbst- und fremdgemachtes Schicksal und hob sie ein lächerliches Stückchen über den stumpfen und ermüdenden Alltag hinaus. Die meisten Briefe zeigen deutliche Spuren dieser Ermüdung. Dienstmädchen, die sich einen braunen Märchenprinzen erhoffen. Provinzlerinnen, für die der Brief in die ferne Reichshauptstadt Berlin der Thrill ihres Lebens ist. Fanatikerinnen, die von der "glorreichen Vernichtungsschlacht" sprechen und offen ihre denunziatorischen Dienste anbieten. Aschenputtel, voller Hoffnung, daß des Führers Schirm über deutsche Lande sie ganz besonders behüte. Paranoide, die die Hitlerreden aus dem Volksempfänger als geheime Liebesbotschaften interpretieren. Der Führer vermittelt ihnen durch seine wohl kalkulierten und zahlreichen Auftritte eine Illusion von persönlicher Nähe und Zuwendung, ein Gefühl ihrer staatsbürgerlichen Wichtigkeit für die künftige Mobilmachung im Namen von Volk und Rasse. Die Begeisterung für den als charismatisch empfundenen Führer der Diktatur schlägt bei ihnen in erotisches Begehren, in Hoffnungen auf eine reale Liebesbeziehung oder Heirat um - der klassische Versuch der Aufwertung der eigenen Position über die gesellschaftliche Stellung des Mannes. Die Hoffnungen wurden betrogen. Die von den Nazis angebotene Flucht aus der Trübsal des Daseins endete statt im Paradies in noch größeren Zwängen, im drückenden Kriegsalltag, im Verlust der Familie, im absoluten Chaos. Die Frauen bezahlten teuer für die erduldete Manipulation. Diejenigen, die Hitler Liebesbriefe schrieben, wurden nicht selten von der Sicherheitspolizei bedroht und unter Druck gesetzt. Einige von ihnen wurden als geisteskrank erklärt und in "Heil- und Pflegeanstalten" eingeliefert - die erste Station auf dem Weg zu Euthanasie und Gaskammer. Ein Hohn angesichts des beliebten NS-Werbespruchs: "Jede Frau muß ihrem geliebten Führer ein Kind schenken." Helmut Ulshöfer (Hrsg.), Liebesbriefe an Hitler - Briefe in den Tod. Unveröffentlichte Dokumente aus der Reichskanzlei, Frankfurt am Main 1994, VAS - Verlag für akademische Schriften, DM 29,80 Hier können Sie dieses Buch bei unserem Partner amazon.de bestellen. Eva-Maria Stuckel |
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