Schon lange vor dem Gladbecker Geiseldrama erregte die kleine Ruhrgebietsstadt weltweit Aufsehen:
Der bestialische Sexualmord an dem Abiturienten Helmut Daube, der mit durchschnittener Kehle und fehlenden Genitalien tot aufgefunden wurde, verdrängte sogar den Transatlantikflug des Luftschiffes Graf Zeppelin aus den Schlagzeilen. Angeklagt wurde sein Freund und Mitschüler Karl Hußmann. Aber hat Hußmann das Verbrechen tatsächlich begangen? Die Tat, die in eine Reihe gestellt wird mit den Taten der Serienkiller Peter Kürten und Fritz Haarmann, konnte bis heute nicht aufgeklärt werden.
Der Daube-Mord stellt eine einzigartige, detailreiche Quelle für die Erforschung der Mentalitäten der ersten Dekaden unseres Jahrhunderts dar. Seine historische Dimension - in seiner schulpolitischen Bedeutung für die Richertsche Schulreform für ganz Preußen, in seiner politischen Bedeutung angesichts der reichsweiten, antijüdischen "Der Stürmer"-Kampagne zum Daube-Mord, als sozialhistorisches Fallbeispiel für die Geschichte der Auswanderung nach Übersee, als reichsweit in Fachkreisen diskutiertes kriminologisches Exempel für die Fortschritte der Blutgruppenuntersuchung und in seiner sexualpolitischen Bedeutung für die reichsweit geführte Sexualstrafrechtsreformdebatte (Artikel u.a. von Dr. Magnus Hirschfeld und dem Philosophen Theodor Lessing zum Daube-Mord) - ist kaum abschätzbar.
Dieses Buch gibt Ihnen die Möglichkeit mit Hilfe der dokumentierten Verhör- und Gerichtsszenen, dem Obduktionsbericht und sieben neuen Mordtheorien in das Jahr 1928 abzutauchen und mitzukombinieren: Wer tötete Helmut Daube? Wir wünschen Ihnen viel Spannung beim Lesen des Buches.
Aktuelle Recherchen
Wer tötete Helmut Daube? Die Frage bleibt auch 2011 unbeantwortet, aber manchmal hilft "Kommissar Zufall". Bei Recherchen zu seinem neuen Buch über die Realisierung einer Rassereinzuchtkolonie auf der nordvorpommerschen Halbinsel Darß, stieß Daube-Autor Franz Wegener auf Dokumente, die belegen, dass es 1928 offenbar eine (bislang nirgendwo in der Sekundärlitertur vermerkte) Ortsgruppe der rechtsradikalen Schilljugend in der Ruhrgebietsstadt Essen gegeben haben muss (Bundesarchiv PK Hauerstein, Georg Helmut 14.9.1898 und OPG Hauerstein, Georg Eberhard: Anschreiben Hauerstein an Buch v. 18.9.1928, Brief Theodor Roloff, Essen den 11.9.1928 an Hauerstein, Protokoll v. Stallmann v. 22.11.28, S. 2, 4; Anschreiben Hauerstein an Buch v. 2.11.28, Pkt. 4). Die Schilljugend unterhielt reichsweit eine eigene Abteilung, die sich mit Fotografie beschäftigte, eine Abteilung für Literatur unter ihrem Abteilungsleiter Ernst Jünger und eine Auslandsabteilung, die sich um deutsche Auswanderer in Übersee kümmerte (siehe: Fritsch, Horst (Red.): Flamberg. Jugend zwischen Revolutionen, Koblenz 1994).
Am Mordtag fuhr der in Guatemala geborene Karl Hußmann von Gladbeck aus nach Essen, um dort mit seinen Eltern einen Fotoapparat zu kaufen. Die neueste, ausgesprochen spekulative Mordtheorie: Karl Hußmann war über die Auslandsabteilung der Schilljugend an die Organisation geraten. Als Betätigungsfeld in der Essener Gruppe hatte er sich die Fotografie gewählt. Nach dem Kauf des Fotoapparates in der Essener City traf er sich womöglich kurz mit Freunden aus der Schilljugend, um über seine neue Kamera zu fachsimpeln. Bei dieser Gelegenheit verplapperte er sich womöglich und ließ durchblicken, wer den Fememörder Richard Eckermann (Sohn des Admirals Eckermann) einige Wochen zuvor in Guatemala an die deutschen Behörden verraten haben könnte. Da seine Familie aktuell in Guatemala eine Kaffee-Plantage betrieb, könnte er über diese sensiblen Informationen verfügt haben. Eckermann war Mitglied in der paramilitärischen "Schwarzen Reichswehr" (zu diesem Bund: Sauer) wie der Fememörder Gerhard Roßbach (Roßbach: Mein Weg durch die Zeit, 1950, S. 77), der die Schilljugend mit aufgebaut hatte, zudem Kopf einer geheimen Terrororganisation war und der sich später den Jungen in seinem "Bund Ekkehard" widmete (zu Gerhard Roßbach, Edmund Heines und Karl Ernst siehe: Hergemöller, Bernd-Ulrich: Mann für Mann, 2010 [1998]). Roßbach (siehe: Hergemöller) und Eckermann (siehe: Sauer, Bernhard: Schwarze Reichswehr und Fememorde, 2004, S. 228) waren homosexuell; Eckermann wurde deshalb später von den Nazis ermordet. Roßbach selbst durfte im Nationalsozialismus untertauchen. Eckermann hatte 1923 als Mitglied der "Schwarzen Reichswehr" Karl Boldt zum Fememord an Fritz Beyer angestiftet und war deshalb 1925 zum Tode verurteilt worden, hatte sich dem Urteil aber durch Flucht zunächst nach Spanien, dann nach Mexiko und schließlich nach Guatemala entzogen. Dort hatte ihn jemand an die deutschen Behörden verraten, die dann von der guatemaltekischen Regierung die Auslieferung Eckermanns an Deutschland forderten. Die juristische Auseinandersetzung über die Auslieferung Eckermanns gilt bis heute im internationalen Recht als Präzedenzfall. Eckermann sprangen etliche der deutschen Einwanderer in Guatemala unterstützend zur Seite, aber schließlich wurde er doch ausgeliefert. In Deutschland sah man dann aber doch von einem neuen Prozess ab, da bei dieser Gelegenheit die Verstrickung von Teilen der Regierung in die Aktivitäten der aus den Freikorps hervorgegangenen "Schwarzen Reichswehr" hätte aufgedeckt werden können (Bundesarchiv R43I/1249 Reichskanzlei, Akten betreffs Auslieferungen, Briefwechsel 1929 Auswärtiges Amt, Ministerium des Auswärtigen Guatemala, Dt. Gesandtschaft in Guatemala, Reichswehrminister, Reichsminister des Inneren und: Bundesarchiv R 901/27458 Bericht des dt. Gesandten in Guatemala, Wilhelm von Kuhlmann vom 21. Dezember 1928 an das Auswärtige Amt).
Konkrete Beweise für diese Theorie gibt es nicht, aber vieles würde passen: Sadistische, homosexuelle Mörder aus dem rechtsradikalen Milieu wollen einen der Ihren rächen und verbinden eine politisch motivierte Tat mit der Befriedigung privater Gelüste. Hußmann gerät über seine guatemaltekischen Wurzeln in den Vorgang Eckermann und am Ende liegt Helmut Daube blutüberströmt am Boden. Welche Rolle Helmut in diesem denkbaren Szenario spielte, muss offen bleiben.
Aus dem Inhalt des Buches

I Die Tat
Das Vorspiel
- Die Auswanderung nach Guatemala
Die Mordnacht
- Der Obduktionsbericht
- Dr. Magnus Hirschfeld
- Die Bibelkreisbewegung
Der Tag danach
Der Prozess
- Auf der Anklagebank: Weimar und die Freiheit der Schüler
II Die Mordtheorien
Rektor Daube und Dr. Lutter waren es
Die tragische Tat des Metzgergesellen
Karl Hussmann: Sadistischer Hass
Der unbekannte Serienmörder
- Neu in der Kriminalistik: Die Blutgruppenuntersuchung
Der okkulte Osiris-Orden
- Die ägyptisierende Fassade des Ratsgymnasium Gladbeck
- Der Daube-Mord im Spiegel antijüdischer Mythen und nationalsozialistischer Propaganda
Spielzeug der Macht
- Macht und Einfluss: Die Familie Abydos in Hannover
Der SS-Arzt Dr. Erich Hussmann (nur in der Print-Fassung)
Bibliographische Daten
Wer tötete Helmut Daube?
von Sabine Kettler, Eva-Maria Stuckel, Franz Wegener
EUR 14,80
Taschenbuch - 148 Seiten - 51 Fotos und Grafiken - KFVR.
ISBN: 3-931300-03-X
Sie können das Buch bei AMAZON kaufen oder im Buchhandel bestellen.
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KFVR-specials
Das special zur Gnosis, einer antiken Weltreligion
Das special zur Memetik, einer neuen Sicht der Evolution von Kultur
Das special über Beschäftigung Himmlers mit den Hexen, die Hexenbibliographie des Reichsführers SS



