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Der Ort für Bücher schlechthin - die Bibliothek


von
Eva-Maria Stuckel
   

Der Ort für Bücher schlechthin - die Bibliothek


Der Begriff der Bibliothek

Das Wort "Bibliothek" entstammt ursprünglich dem Griechischen und setzt sich zusammen aus biblion für Buch und theke für Kasten oder Behälter. Schon im 4. Jahrhundert v. Chr. wendet der griechische Komiker Kratinos der Jüngere das Wort "Bibliothek" vermutlich in diesem Sinne an. Im Mittelalter wird der Begriff präzisiert als Sammlung von Büchern und - im heutigen Sinne - auf das Gebäude, in dem die Bücher untergebracht sind, angewandt. Lange Zeit meinte bibliotheke auch Archiv - Archive sind jedoch als reine Dokumentationsstätten für Schriftstücke politischen und wirtschaftlichen Inhalts von der Bibliothek abzugrenzen.


Struktur und Arbeitsweise einer Bibliothek

Der Aufgabenkreis einer Bibliothek ist in drei Gebiete unterteilt - die Erwerbung, die Katalogisierung und die Benutzung. Die Bestände einer Bibliothek beschränken sich hier häufig auf spezielle - historische, sprachliche, regionale - Sammelgebiete. Die Bücher werden katalogisiert in einem alphabetischen oder Nominalkatalog und einem Sachkatalog, der noch einmal als systematischer/Realkatalog vom Schlagwortkatalog unterschieden wird. Typisch für amerikanische Bibliotheken ist die Zusammenfassung von alphabetischem und Schlagwortkatalog im Kreuzkatalog bzw. Dictionary Catalogue. Die durch Kauf, Tausch, Pflichtablieferung oder Geschenk neuerworbenen Bücher werden mit ihrer Signatur akzessorisch nach laufender Zugangsnummer - Numerus currens - oder nach der systematischen Aufstellung abgelegt. Es gibt natürlich auch Bücher, die nur sehr schwer oder gar nicht erworben werden können. Deren Seltenheitswert drückt sich in vier Stufen aus: Vergriffenheit, Seltenheit, Rarissimum und Introuvable, d. h. Unika und verlorene Bücher. J. M. Quérard fertigte im 19. Jahrhundert eine Bibliographie über alle Bücher an, von denen kein einziges Belegexemplar mehr existiert.


Bibliotheken und Architektur

Das beeindruckendste Bibliotheksgebäude der Antike befindet sich in Ephesus und datiert um 100 n. Chr. Der freigelegte Grundriß deutet auf eine Säulenhalle mit mehreren Reihen von Nischen an den Wänden, in denen wahrscheinlich die Schriftrollen aufbewahrt wurden, und einer Apsis mit der Göttin Minerva an der Rückseite. Im Spätmittelalter und während der Renaissance werden die Bücher als libri catenati an Pulte und Bänke angekettet. Das steigende Aufbewahrungsproblem schließlich führt zu den Wandschränken des Barocks und mit ihnen zur Konzeption der barocken Saalbibliothek, in der die Bücher von unten nach oben im Folio-, Quart- und Oktav-Format aufgestellt sind. Die berühmteste dürfte die Wiener Hof- und heutige Nationalbibliothek sein, die 1722-26 durch J. B. Fischer von Erlach erbaut wurde. Das Stellsystem heutiger Büchereien jedoch stammt aus England: Dort wurden die Pulte durch Stellregale im Raum abgelöst wie im von Christoper Wren (1632 - 1723) erbauten Bibliothekssaal des Trinity College in Cambridge.


Die Entstehung von Bibliotheken im Altertum

Die älteste Bibliothek überhaupt ist die Stadtbibliothek von Chatti, die 150 km von Ankara entfernt liegende ehemalige Hauptstadt der Hethiter. Die zahlreichen Funde, die 1906/07 unter der Leitung des Assyriologen Hugo Winckler entdeckt wurden, stammen vermutlich aus dem 14. Jahrhundert und bestehen zum größten Teil aus klassischen Archivalien wie politischen Korrespondenzen und Staatsverträgen, jedoch auch aus wissenschaftlicher Literatur und alten Sagenbüchern wie dem Gilgamesch-Epos. Aus der Anordnung der Tontafeln läßt sich bereits ein durchdachtes Ordnungsprinzip, wie es für jede Bibliothek typisch ist, erkennen. Eine weitere berühmte babylonische Bibliothek ist die des Königs von Assyrien, Assurbanipal, aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. Der englische Archäologe Austen Henry Layard entdeckte bei Ausgrabungen am Tigrisufer auf dem Gelände der alten mesopotamischen Stadt Ninive in den Resten des Königspalastes insgesamt 20.000 Tontafeln, auf denen zumeist ein Besitzvermerk Assurbanipals eingeritzt ist. Der König sah sich selbst als Buchliebhaber, legte großen Wert auf Lesen und Schreiben und hatte diese Bibliothek zu seinem privaten Gebrauch zusammengetragen. Einige Tontafeln zeigen eine der städtischen Bibliothek von Chatti ähnliche, systematische Katalogisierung.

Die ersten Bibliotheken im antiken Griechenland wurden von kulturell interessierten Privatmenschen gegründet. Zu nennen sind hier vor allen Dingen Peisistratos von Athen (560-527), der viele Lyriker nach Athen zog und auf dessen Veranlassung die homerischen Epen verschriftlicht wurden, und der Tragiker Euripides, der das Material für seine Tragödien, wie er sich selbst rühmte, aus seiner umfangreichen Privatbibliothek bezog. Wenngleich es keine direkten Zeugnisse für die Existenz einer Bibliothek in der platonischen Akademie und später im aristotelischen Lykeion gibt, lassen die öfters erwähnten Bücherkäufe Platons darauf schließen. Als wirkliches Juwel der Antike jedoch gilt die berühmte Bibliothek von Alexandria, gegründet von Ptolemäus I. Soter (280-247) nach dem Vorbild der aristotelischen Schule. Die alexandrinische Bibliothek war aufgeteilt in die eigentliche im Museion - Bestand: 500.000 Rollen - und die kleinere im Serapis-Tempel (42.000 Rollen), deren Bestand durch zum Teil rabiate Methoden laufend aufgestockt wurde. Ptolemäus III. Euergetes z. B. befahl, Bücherrollen im Besitz von Reisenden zu beschlagnahmen und diese mit schnell angefertigten Abschriften zu entschädigen.
Originalhandschriften der drei griechischen Tragiker Aischylos, Sophokles und Euripides, die im Besitz des athenischen Staates waren, gingen in den Besitz von Alexandria über, nachdem Ptolemäus die 15 Talente Pfand als Ausleihgebühr einfach verfallen ließ. Die Bibliothek, deren Größe in vielen antiken Schriften bewundernd erwähnt wird, fiel im Jahre 47 v. Chr. den Flammen zum Opfer, als Cäsar auf seinem Eroberungszug durch Ägypten die ganze Stadt in Schutt und Asche legen ließ. Ihr Bestand zu diesem Zeitpunkt: 700.000 zum großen Teil originale Schriftrollen. Erhalten geblieben ist der Bau der größten Konkurrenz der alexandrinischen Bibliothek - der Bibliothek von Pergamon, die 200.000 Schriftrollen aufbewahrte.

Auch in Rom gehen die ersten Bibliotheksgründungen auf reiche Privatpersonen wie Cicero oder L. Licinius Lucullus zurück. Von einiger Berümtheit ist die Sammelwut des Trimalchio, der sich - ohne intellektuelles Interesse - eine Privatbibliothek aus reinem Geltungsbedürfnis anlegte. Lukian von Samosata verglich Trimalchio mit dem Mann, der den Bogen des Herakles erwirbt, ohne ein Philoktet zu sein, um ihn spannen zu können. Bis heute erhalten ist eine römische Privatbibliothek in einem Landhaus in Herkulaneum. Die erste öffentliche Bibliothek wird auf Initiative von Julius Cäsar 39 v. Chr. im Atrium der Libertas am Forum Romanum durch den Historiker Asinius Pollio angelegt. Die Zahl der öffentlichen Bibliotheken schwillt an bis auf 28 während der Regentschaft Kaisers Konstantin (306-337) - alle weisen die bis ins Mittelalter typische Trennung der griechischen und römischen Bestände auf. Die christliche Antike legte zum Studium der heiligen Schriften und zur Missionierung eigene Bibliotheken an, die jedoch an die Bestände der griechischen Antike nicht heranreichten. Von einiger Bedeutung waren die Bibliothek des Bischofs Alexander in Jerusalem und die des Origines in Caesarea/Palästina mit 30.000 Rollen. Caesarea war durch eine hohe Anzahl anspruchsvoller Schreibstuben der Hauptumschlagplatz für Schriftrollen: Kaiser Konstantin übereignete den Kirchen von Konstantinopel 50 Bibelhandschriften aus Caesarea. Heute noch erhalten ist die von Papst Hilarius im 5. Jahrhundert gegründete Kirchenbibliothek von San Lorenzo fuori le Mura mit der klassischen Trennung griechisch-römischer Bestände.


Die Geschichte der Bibliotheken im Mittelalter

Mit dem Ende des römischen Kaiserreichs ist auch der Niedergang vieler vom klassischen antiken Geist inspirierten Bibliotheken verbunden. Das Bibliothekswesen des Mittelalters wird entscheidend geprägt von Benedikt von Nursia, der 529 das Kloster Monte Cassino gründet. Das Studium der Literatur gilt fortan nicht als fundamentales Element von Bildung, sondern lediglich als fromme Übung. In der dritten Gründerzeit 949 - 1349 erlebt Monte Cassino, das mehrmals durch langobardische und arabische Truppen zerstört wurde, seine höchste Blüte: Es bewahrt neben den obligatorischen theologischen Schriften Texte griechischer und arabischer Mediziner sowie antiker und zeitgenössischer Historiker auf. Allerdings gibt es auch eine bedeutende Gegenbewegung: 540 legt der Römer Cassiodor alle Staatsämter nieder und gründet das Kloster Vivarium. In seinem Hauptwerk, den "Institutiones", legt er verbindliche Regeln für das Klosterleben fest, in denen das Abschreiben von theologischer, klassischer und belletristischer Literatur verpflichtend vorgeschrieben wird. So wurde die einzig mögliche Art des Verfielfältigens von Bücher - nämlich die Verfertigung von Handschriften - mit dem Studium eines breiten Spektrums anspruchsvoller Literatur verbunden.

Von herausragender Bedeutung gelangt das irische Klosterwesen. Die Mönche sehen es als ihre wesentliche Aufgabe an, durch sorgsame Ausarbeitung der Handschriften, schmuckvolle Einbände und eingehendes Literaturstudium zur Erhaltung wichtiger Texte beizutragen. Auf ihre Initiative werden nicht nur lateinische Werke vervielfältigt - auch volkssprachliche Literatur wird verschriftlicht. Viele nichtlateinische Texte sind auf diese Weise der Nachwelt erhalten geblieben. Die Überlieferung des mittelhochdeutsche Hildebrandslied z. B. ist dem Einfluß irischer Missionare zu danken, die bis heute bekannte Kloster wie St. Gallen in der Schweiz oder Bobbio in Italien gegründet haben. Wie in vielen Bereichen tritt Karl der Große auch im Bibliothekswesen als reformfreudiger Mäzen auf. Er richtet eine berühmte Palastbibliothek ein, die von vielen literarisch interessierten Persönlichkeiten genutzt wird und stattet zahlreiche Klosterbibliotheken mit kostspieligen Handschriften aus. Nach seinem Tode läßt er durch testamentarische Verfügung seine Privatbibliothek versteigern und widmet den Versteigerungserlös den Armen. Unter den ottonischen Sachsenkaisern wird diese bibliophile Tradition fortgesetzt. Viele gelehrte Frauen wie die Dramatikerin Hrotsvita von Gandersheim oder die Illustratorin des Hortus deliciarum, Herrad von Landsberg, treten in der literarischen Öffentlichkeit hervor.

Spätestens jedoch im 12. Jahrhundert ist diese Zeit der Förderung von Literarisierung und Literaturstudium vorbei. Eine Reihe von Klostergründungen der Zisterzienser, die durch eine strenge Auslegung der Regel des Benedikt von Nursia hervorstechen und der körperlichen Arbeit den Vorrang geben, führt zu einer Verwahrlosung der Klosterbibliotheken und zum Verlust vieler wertvoller Handschriften. Der weitere Niedergang durch die Entstehung der Bettelorden, die sich ausschließlich der weltlichen Seelsorge widmen, ist vorprogrammiert - das Gelübde freiwilliger Armut führt zur Konzentration auf das theologisch notwendige und zur Vernachlässigung der als "überflüssig" angesehen Literatur.


Die Geschichte der Fürstenbibliotheken

Was die Klosterbibliotheken nicht mehr zu leisten gewillt oder fähig sind, wird in der Folge von den zuvor eher desinteressierten Fürstenhäusern übernommen. Die Entstehung des humanistischen Bildungsgedankens in der Renaissance und das Erscheinen bibliophiler Werke - die Biblionomia Richard de Fournivals aus dem 13. und das Philobiblon Richard de Burys im 14. Jahrhundert - bereiten den Weg für das literarische Interesse Adligen und Bürgern. Ludwig IX. ist der erste in einer langen Reihe von Bücherfreunden des französischen Königshauses, dem die Entstehung reich ausgestatteter Gebetbücher, den berühmten Livres d'heures zu schulden ist. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, währenddessen viele Bibliotheken geplündert wurden - das Gotenevangelium des Ulfilas, das Gustav Adolf aus Prag erbeutete, landete auf diesem Wege nach Schweden -, gründen viele Fürsten unter dem Einfluß der europäischen Aufklärung eigene Bibliotheken, deren Bestand und Benutzungsfreundlichkeit paradoxerweise die Universitätsbibliotheken lange Zeit überragen.

Viele dieser Fürstenbibliotheken speisen sich durch die Reformation und den Zweiten Pariser Frieden aus säkularisierten Klosterbeständen und werden nach 1918 zu Staats- und Landesbibliotheken - häufig mit historischen Schwerpunkten. Aufgeklärte Adlige verpflichten hochstehende Persönlichkeiten als Bibliothekare mit der Betreuung und Verwaltung der wertvollen Bücherbestände: Lessing in Wolfenbüttel, Leibniz in Hannover und die Brüder Grimm in Kassel. Auch die Bewohner des Ausstellungsortes Schloß Strünkede bilden in den Jahrhunderten des intellektuellen Erwachens der nichtgeistlichen Bevölkerung keine Ausnahme: Jobst von Strünkede mit dem bezeichnenden Namen "der gelehrte Jobst" war ähnlich wie Herzog August in Wolfenbüttel ein wissenschaftlich interessierter Bücherliebhaber und trug bis zu seinem Tode 1602 eine beachtliche Bibliothek zusammen.


Die Entstehung der wissenschaftlichen Bibliotheken

Ähnlich wie bei der Gründung der ersten fürstlichen Bibliotheken war es der humanistische Bildungsgedanke der Renaissance, der zur Herausbildung eines weltlichen Gelehrtenstandes und damit zu einem neu erwachten Interesse an vorzugsweise antiken Schriften führte. Die Universitäten etablierten das System der sogenannten stationarii, d. h. Handschriftenhändler, die per Eid verpflichtet waren, nur zuverlässige und sorgfältig angefertigte Handschriften für die Bibliothek zu erwerben und die von einer Kommission aus Petiarii, zumeist Professoren, überprüft wurden. Auch die weltberühmte Vatikanische Bibliothek verdankt ihren Ruhm einem Humanisten auf dem päpstlichen Thron, nämlich Nikolaus V. Ihm gelang es, die unbedeutende Vaticana, die 1447 gerade einmal 250 Bücher umfaßte, innerhalb von acht Jahren umfangreich auszubauen, indem er griechische Literatur aus dem Orient und aus Konstantinopel aufkaufte. Heute umfaßt die Vaticana mehr als eine halbe Millionen Bände, darunter zahlreiche Originalschriften der Reformation und unschätzbare Einzelexemplare. Als lange Zeit vorbildlich galt die 1250 von Robert von Sorbona am Pariser Kolleg der Sorbonne eingerichtete Universitätsbibliothek. Weitere bekannte Beispiele wissenschaftlicher Bibliotheken sind die Bodleiana, benannt nach dem Gesandten der Königin Elisabeth, Sir Thomas Bodley (1545 - 1612), die an der Stelle der zerstörten Universitätsbibliothek Oxfords im Jahre 1602 erbaut wurde und deren Lesesaal noch heute existiert, und die erste wissenschaftliche Bibliothek Italiens, die Ambrosiana, gegründet 1609 von dem humanistisch inspirierten Erzbischof Conte Federigo Borromeo in Mailand.

Die erste namhafte Bibliothek in Deutschland, die Bibliotheca Palatina in Heidelberg, wurde durch Ludwig III., Kurfürst von der Pfalz, bewußt als Universitätsbibliothek gegründet. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde sie geplündert und 1622 nach München gebracht, gelangte als Schenkung an den Vatikan und schließlich als Beute Napoleons nach Paris. Jacob Grimm gelang es im 19. Jahrhundert, zumindest die deutschsprachigen Handschriften durch Verhandlungen nach Heidelberg zurückzubringen. Die anderen deutschen Universitätsbibliotheken waren bis ins 18. Jahrhundert hinein nicht gerade ein Ruhmesblatt. Schlecht ausgestattet, in häufig nicht wetterfesten Gebäuden und mit gebrauchsfeindlichen Benutzungsordnungen - die Öffnungszeiten hingen von der Willkür der Bibliothekare ab, die nur ein geringes Entgelt bekamen - konnten sie lange Zeit keine ernsthafte Konkurrenz für die luxuriös ausgestatteten Fürstenbibliotheken sein. Das änderte sich schlagartig, als Christian Gottlob Heyne (1729 - 1812) als Bibliothekar, verantwortlich für die Bibliothek der 1737 gegründeten Universität in Göttingen, eingestellt wird. Er stockt den Bestand beträchtlich auf und schafft ein vorbildliches Katalogsystem, das es zum ersten Mal ermöglicht, den Eintrag von Büchern in den Katalogen mit dem Standort zu verbinden. Was heute selbstverständlich erscheint, hing bis dato vom Gedächtnis des Bibliothekars ab. Folgerichtig wurden durch die Heynesche Reform lange vermißte Bücherschätze wiederentdeckt, die jahrzehnte- oder sogar jahrhundertelang unbeachtet im Regal standen.


Die Nationalbibliotheken

Nationalbibliotheken sind zentrale staatliche Bibliotheken, die, mit dem Recht auf ein Pflichtexemplar eines jeden erschienenen Buches ausgestattet, die Aufgabe haben, sämtliche in einem Land erschienenen Bücher zu archivieren und zu katalogisieren. Die erste Nationalbibliothek wurde 1536 durch Franz I. (1494 - 1547), König von Frankreich, eingerichtet, der die Bestände der Bibliothèque du roi erheblich erweiterte und der Öffentlichkeit zugänglich machte. Gleichzeitig erließ er ein Dekret, das den Buchhandel zum ersten Mal verpflichtete, ein obligatorisches Exemplar an die Bibliothèque du roi abzuliefern. Diese vorbildliche Regelung wird außerhalb Frankreichs erst im 19. Jahrhundert eingeführt - St. Petersburg 1810, Florenz 1865, Washington 1870. In Deutschland wurde zu diesem Zeitpunkt die viel diskutierte Reichspflichtablieferung nach Berlin durch Bismarck verhindert, der die Kulturpolitik und damit die Regelung des Bibliothekswesens den Ländern überließ. Erst durch die Initiative des Börsenvereins der deutschen Buchhändler - 1909 verfaßte der Dresdener Verleger Erich Ehlermann die Denkschrift "Eine Reichsbibliothek in Leipzig" - wurde 1912 unter Beteiligung des Staates Saches und der Stadt Leipzig die Deutsche Bücherei gegründet. Ab dem 01.01.1913 sind der deutsche Buchhandel, Verlage und andere Einrichtungen verpflichtet, ein Exemplar jeder Veröffentlichung in Leipzig abzuliefern - entsprechend groß sind die Lücken vor diesem einschneidenden Datum.


Die Entstehung der öffentlichen Bibliothek

Den ersten öffentlichen Bibliotheken in der römischen Antike folgte lange Zeit nichts Vergleichbares. Francesco Petrarca (1304 - 1374) äußerte im Rahmen humanistischer Bildungsgedanken die Idee, eine öffentliche Bibliothek mit dem Schwerpunkt römische Literatur einzurichten, die von Cosimo de 'Medici mit der Marciana in Florenz und auch durch den humanistisch orientierten Kardinal Nicolaus Cusanus (1401 - 1464) verwirklicht wurde. Kaufleute, Adlige und Ratsherren - z. B. in Augsburg, Nürnberg oder Magdeburg - stifteten namhafte Bibliotheken, die häufig mit der Katalogsystematik der Biblionomia Fournivals arbeiteten. Während der Reformation entstanden gemäß der Forderung Martin Luthers viele städtische Büchersammlungen, deren Bestände häufig säkularisiertem Klosterbesitz entstammten. Nach der reformatorischen Gründerzeit jedoch setzte eine jahrhundertelange Stagnation ein. Ein Höhepunkt dieser sträflichen Vernachlässigung ist zweifellos die Auflösung der Dombibliothek 1784 in Hamburg und die Versteigerung von Handschriften antiker Autoren zu zwei Talern das Stück. Die Entwicklung zur modernen Bücherei schließlich setzt Mitte des letzten Jahrhunderts ein. Ab 1850 werden in England und den USA - durch Stiftungsgelder oder spezielle Steuern - Public Librarys mit hauptamtlichen Bibliothekaren und dem Schwerpunkt auf lokale historische Sammlungen eingerichtet. Obwohl in Deutschland bereits zu diesem Zeitpunkt sogenannte Volksbüchereien existieren, erhalten diese erst nach Bekanntwerden der Leistungen der amerikanischen Stadtbibliotheken auf der Weltausstellung 1893 in Chicago die nötige Infrastruktur, um auch Nichtakademikern einen gleichberechtigten Zugang zu einem breiten Spektrum von Literatur zu ermöglichen.


Zukunft: Die Bibliothek als Memsphere

Mit dem Aufkommen der Memetik als brandneuer Wissenschaft wird die Bibliothek aktuell auch gerne mit dem Begriff der Memsphere belegt, wie etwa in Wegeners Klassiker „Memetik“:

„Ende der 80er Jahre schloss ich mit Norbert R. Adami Bekanntschaft. Adami arbeitete damals an der Ruhr-Universität Bochum und ich hatte das Vergnügen ihm bei der technischen Realisation eines internationalen Newsletter für Ainu-Forschung unter die Arme greifen zu dürfen. Adami war schon damals eine imposante Erscheinung von verschmitzter Intelligenz und herausragender Bildung. Sein Job war die Verwahrung der umfangreichen Bibliotheksbestände und ich war sicher, dass er sich im Falle eines Brandes höchstpersönlich unter Einsatz seines Lebens vor die Flammen geworfen hätte, um eine Ausbreitung des Feuers zu unterbinden. Umso erstaunlicher verlief ein Gespräch über seine Publikationspläne, das ich eines Tages im betonlastigen Zentrum der Universitätsbibliothek mit ihm führte. Von mir gefragt, ob er sein umfangreiches Spezialwissen über die Ureinwohner Japans, die Ainu, nicht demnächst in Buchform zu verbreiten gedenke, kam lediglich ein gestöhntes „Das muss ja nicht sein“ und er zeigte mit ausgestreckter Hand auf die Dutzende von Bücherregalen mit ihren abertausenden von Bänden um uns herum. „Es gibt schon viel zu viele Bücher. Alles was zu sagen ist, ist bereits gesagt und die tausendfache Wiederholung macht es auch nicht wahrer. Es reicht. Ehrlich gesagt: Ich verstehe gar nicht mehr, was das alles noch soll.“ Seinem impliziten Anliegen nach Mäßigung wurde seitdem allerdings von der Mehrzahl der Buchautoren nicht entsprochen. Die Zahl der jährlichen Neuerscheinungen in Deutschland liegt bei etwa 60.000 Titeln, Wiederauflagen nicht eingerechnet. – Mit steigender Tendenz... Vielleicht wird sich ja mit Hilfe der Memetik die Frage nach dem rasant wachsenden Bücherberg beantworten lassen...

Auch Meme müssen nach Dawkins egoistisch agieren. Sie kämpften zwar nicht um Chromosomenstandorte, aber um Speicherplatz in unseren Hirnen, um Rechenkapazität, Rundfunk- und Fernsehzeit, Raum für Anschlagtafeln, Zeitungsspalten sowie Regalstellplätzen. Meme replizierten sich nach den gleichen evolutionären Gesetzmäßigkeiten wie Gene: Fruchtbarkeit, Wiedergabetreue und Langlebigkeit müssten gewährleistet sein. Fruchtbarkeit, also die Zahl und Schnelligkeit der Kopierabfolge und die Kopiergenauigkeit könnten den Informationswert eines einzelnen Mems [fast] unvergänglich werden lassen: Von den Genen des Sokrates existierten heute noch ein oder zwei. Die von ihm vorgetragenen Memkomplexe „sind noch immer ungeschwächt“. Dies verdankten sie nicht zuletzt der Überlieferung in Schriftform, die sicherlich eine höhere Kopiergenauigkeit böte, als die mündliche Form. Bücher können auch Jahrzehnte in einer alten Klosterbibliothek als passive Memsporen inaktiv überdauern. Wird gar eine ganze Bibliothek gefunden, steht einer breiten Memevokation zur Revitalisierung ganzer Memspheren – dem Verbund von Memplexen – nicht mehr viel im Wege.

Brodie definiert – immer auf die Anwendbarkeit der Erkenntnisse bedacht - das Mem so: „Das Mem ist der geheime Code des menschlichen Verhaltens, ein Stein von Rosetta, der uns endlich die Möglichkeit eröffnet, Religion, Politik, Psychologie und kulturelle Entwicklungen zu verstehen.“ Gleichzeitig komme die Aufdeckung memetischer Prozesse dem Öffnen der Box der Pandora nahe, die uns neue Massenmanipulationstechniken erschließen werde, gegen die die aktuellen, manipulativen Werbespots, Politkerreden und Fernsehevangelisten alt aussehen würden. Memetik wird von ihm so definiert: „Memetik ist das Studium der Arbeitsweise von Memen: Wie sie untereinander interagieren, wie sie sich replizieren und entwickeln.“ Meme über Meme seien Metameme.

Neben den innersomatischen Memen gibt es für den britischen Philosophen Daniel Dennet noch die ausserkörperlichen Meme. Und so wie die organischen Körper lediglich Hüllen und Vehikel der Gene sind, so sind für Dennet Wörter und Sätze lediglich die Phänotypen der Meme: „We pick up our vocabulary from our culture; words and phrases are the most salient phenotypic features – the visible bodies – of the memes that invade us...““

(Auszug aus: Wegener: Memetik.)

Da Meme hier als autonome, mit eigenem Willen agierende Informationseinheiten gesehen werden, könnte die Bibliothek auf dem Weg über die Memetik neu als Wohnstätte von Millionen von Lebewesen definiert werden. Eine faszinierende Perspektive.

Eva-Maria Stuckel



Literatur

Rupert Hacker, Bibliothekarisches Grundwissen. 6., völlig neu bearbeitete Auflage, München 1992 - bei Amazon.de.

Handbuch der Bibliothekswissenschaft. Begründet von F. Milkau. 2. verm. Auflage, hg. von Georg Leyh. Wiesbaden 1952

Uwe Jochum, Kleine Bibliotheksgeschichte (Reclam Wissen/Lernmaterialien), Ditzingen 1993 - bei Amazon.de.

Richard Mummendey, Von Büchern und Bibliotheken. 6. Auflage, Darmstadt1984

Franz Wegener: Memetik. Der Krieg des neuen Replikators gegen den Menschen, Gladbeck 2001 - bei Amazon.de.

Dieter E. Zimmer, Die Bibliothek der Zukunft. Text und Schrift in Zeiten des Internet, Ullstein TB-Vlg., Berlin 2001 - bei Amazon.de.



   
   
   
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