Kann weibliche Körpererfahrung direkt in weibliche Textualität übersetzt werden?
von Eva-Maria Stuckel
Den französischen Theoretikerinnen, deren Auffassungen Ann Rosalind Jones in knappen Zügen darstellt und anschließend kritisiert, ist gemeinsam, dass sie in ihrer Konzeption der différence auf die Psychoanalyse rekurrieren und im Anschluss an Lacan die phallische Ordnung als repressive enthüllen. Der Widerstand gegen diesen symbolisch strukturierten Diskurs manifestiert sich im Begriff der jouissance, im Wieder/Erleben kulturell undeformierter Sexualität und Körperlichkeit, die in den sprachlichen Bereich der écriture féminine, in das Produzieren einer weiblichen Schrift überspringen.
Ist weibliche Körperlichkeit als kulturell indifferente Erfahrung gegeben? Jones führt an, dass sich Sexualität nicht in der isolierten Auseinandersetzung des Kindes mit sich selbst, sondern durch symbolische Zuschreibung und Einverleibung der phallischen Ordnung im Rahmen der Kleinfamilie entwickelt. Dem Postulat eines genuinen Autoerotizismus begegnen phallozentrische Phantasien, Sprachgebärden und Verhaltensweisen selbst feministisch bewusster oder lesbischer Frauen.
Französische Feministinnen in der "universalistischen" Tradition Simone de Beauvoirs widersprechen der Fortschreibung der binären Opposition männlich/weiblich im Kontext der sexuell gemeinten und schriftlich bedeuteten différence. Die Beschreibung der différence als weiblich erscheint ihnen als systemaffirmative Wiederholung biologistischer Definitionen "weiblicher Natur".
Jones selber bemerkt, dass das Konzept der jouissance der unterschiedlichen, häufig inkompatiblen Lebenswirklichkeiten von Frauen nicht gerecht werden kann. Es ignoriert in seiner unspezifischen Geltung die gleichzeitige Durchkreuzung geschlechtsspezifischer Unterdrückung durch soziale, ethnische und andere Faktoren gesellschaftlicher Relevanz. Jouissance ist politisch indifferent, weil sie keine Antworten auf die Differenzierung politischer Repression liefern kann.
Sind der Körper und die Sexualität als soziokulturell eingeschriebene enttarnt, kann es keinen bruchlosen Übergang von Körperlichkeit in Schriftlichkeit geben. Der behauptete naturale Ausfluss weiblicher Libido in Textualität übersieht die aus der ambivalenten Aneignung phallozentrischer Symbolik resultierende Hemmung vieler Frauen, ihre Erfahrungen überhaupt in Sprache zu übersetzen. Darüber hinaus verstellt Jouissance als Verschriftlichung weiblicher Libido den Blick auf die infrastrukturellen Voraussetzungen von Textproduktion und -distribution.
Jones versucht trotz ihrer Kritik einen Kompromiss: Sie fordert dazu auf, die phallozentrische Ordnung in all ihren symbolischen Gesten und in linguistischer Perspektive zu analysieren. Jouissance und féminité sollen soziokulturell transformiert und in politische Aktion zur Abschaffung geschlechtsspezifischer Unterdrückungsmechanismen überführt werden.
Der Text von Ann Rosalind Jones ist zu finden in:
Diane Price Herndl/Robyn R. Warhol (Hrsg.), Feminisms. An Anthology of Literary Theory and Criticism, New Jersey 1991.
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